Die Kunst, Jedermann und ein Furz mit Warencharakter

Kommentar der anderen15. August 2014, 19:56
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Kunst sei, was ohne alles Interesse gefalle. Schreibt Immanuel Kant. Das bedeutet aber nicht, dass Künstler (und Kunstmanager) keine ökonomischen Interessen hätten. Daraus einen Konnex mit Misswirtschaft und Korruption zu konstruieren ist dennoch falsch.

In einem zornigen Kommentar "Ein kulturpolitischer Jedermann" (vom 30. Juli hier im Standard) greift Hubert Kramar ein Zitat Sven-Eric Bechtolfs heraus, um seinem berechtigten Ärger über die Diskrepanz zwischen einerseits einigen höchstbezahlten und andererseits vielen an der Armutsgrenze lebenden Künstlern Ausdruck zu verleihen.

Das Zitat stammt aus einem langen Interview mit Andrea Schurian, deren letzte Frage nach zukünftigen Subventionen Bechtolf mit dem Verweis darauf beantwortet, dass er die "Gelddebatte" schon etwas leid sei, um fortzufahren: Kunst entziehe sich Nützlichkeitserwägungen. "In den Augen braver Wirtschafter vernichten wir Geld (...). Aber die Bereitschaft zur ökonomischen Unvernunft ist die eigentliche Kulturleistung einer Gesellschaft." Das findet Hubert Kramar gerade jetzt besonders frech! "Angesichts der ökonomisch traurigen Lage der Gesellschaft ist es schon peinlich ...", schreibt er.

Bei allem oben schon angesprochenen Verständnis möchte ich zwei Themenkomplexe kritisch aufgreifen.

Grundsätzlich hat Bechtolf recht: Kunst entzieht sich rein ökonomischen Nützlichkeitserwägungen. Auch Hubsis Hitler-Aktion war ökonomisch völlig wertlos. Akkurat gesprochen, beginnt Kunst tatsächlich dort, wo ökonomisch-instrumentelle Zwecke hintangestellt sind. Alle ernstzunehmenden modernen Kunsttheorien sehen das ähnlich. Erwähnt sei Kants "interesseloses Wohlgefallen" an Kunstwerken und die "Zwecklosigkeit" der Kunst. Wobei "Zwecklosigkeit" keinesfalls Sinn- oder Bedeutungslosigkeit meint. In unserer modernen, total durchkommerzialisierten Welt, in der jeder Furz Warencharakter annimmt, ist Obiges allerdings schwer begreiflich zu machen. Darum wird auch jede Kunstsubvention der öffentlichen Hand mit möglicher "Umwegrentabilität" gerechtfertigt.

Hundert leben ausgezeichnet

Die "Interesselosigkeit" der Kunst geht nicht einher mit ökonomischer Interesselosigkeit von Künstlern und vor allem von Kunstmanagern. Viele nehmen dementsprechend (viel zu?) hohe Gagen ein. Schon Robert Musil soll bemerkt haben: "Davon, dass ein Schriftsteller nicht leben kann, leben hundert Leute ausgezeichnet."

Auch in diesem Zusammenhang ist es geraten, begrifflich Kunst und Kultur auseinanderzuhalten - so schwierig das im Einzelfall auch sein mag. Kultur ist ein viel zu weiter Begriff und umfasst auch etwa, was und wie wir essen, uns kleiden ... und das alles hat mit Kunst nichts zu tun. Aber selbst auf unsere Kultur trifft zu, was Bechtolf mit der "ökonomischen Unvernunft" meint. Rein sparsamkeitsökonomisch ist es Verschwendung, wenn wir mit vier bis sechs Besteckteilen ein fünfgängiges Menü verzehren. Biersuppe gelöffelt täte es auch.

Der Verwechslung/Vermischung von Kunst und Kultur verdanken wir auch die Kuriosität, dass der jeweilige Kunstminister den Sozialminister der Künstler geben muss. Fernerhin haben der von Kramar angesprochene Finanzskandal bei den Salzburger Osterfestspielen und persönliche Bereicherungen oder Misswirtschaft in der Burg mit Kunst aber rein gar nichts zu tun. Bechtolfs Zitat derart umzuinterpretieren, halte ich für unfair. Überdies sollte systemische Kritik nicht personalisieren.

Der zweite Punkt, den ich ansprechen möchte, betrifft Kramars Befund der "ökonomisch traurigen Lage der Gesellschaft". Mit dieser Aussage unterstützt Kramar alle Sparideologen, die Kürzungen bei Sozialleistungen und eben auch Kunstsubventionen auf diese Weise rechtfertigen. Die "österreichische Gesellschaft" - falls es so etwas als einheitliches Gebilde überhaupt gibt - ist aber extrem reich. Hunderte Milliarden Euro liegen entgegen aller "ökonomischen Vernunft" irgendwo gebunkert. Bei vernünftig dimensionierten Einnahmen des Staates könnte es viel mehr Geld für Bildung, für Zahnspangen und allerlei Kunst geben.

Der Anarchist Luis Buñuel hat in seinem Film "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" den Adressaten seiner Kritik beim Namen genannt. Der bourgeoise Hofmannsthal beließ es beim unkonkreten "Jedermann". Er führt uns in seinem Mysterienspiel einen wohlhabenden Ungustl vor und nennt ihn Jedermann. Zur Warnung! Jaja, so sind wir doch alle!

Den analogen Niederschlag im politischen Diskurs findet dieser Hang zur trüben Ungenauigkeit im vereinnehmenden, allgemeinen "WIR". Als Beispiel mögen Stehsätze wie etwa "WIR verschwenden zu viel", "WIR haben ALLE unter der Krise zu leiden", "WIR haben über unsere Verhältnisse gelebt" dienen.

Was Kramar kritisiert, müsste beim Namen genannt werden: Die Klassenspaltung zeigt sich - wie überall - auch im Kunstbetrieb. Manche wenige verdienen im Monat so viel, wie sich die Hälfte der Österreicher wohl ihr ganzes Leben lang nicht ersparen kann, und viele, auch tolle Künstler kurven am Existenzminimum.

Daher, lieber Hubert: Wir müssen gemeinsam fordern und nicht dem Spargedanken frönen und spalten. (Georg Herrnstadt, DER STANDARD, 16.8.2014)

Georg Herrnstadt (Jahrgang 1948) ist Gründungsmitglied der Politcombo Schmetterlinge, Komponist, Regisseur und Organisationsberater in Wien,

  • Georg Herrnstadt: Kunst und Kultur geraten andauernd durcheinander.
    foto: privat

    Georg Herrnstadt: Kunst und Kultur geraten andauernd durcheinander.

  • Der Mammon hat leicht springen. Vielleicht wird er nicht überall geschätzt, aber gebraucht wird er überall.
    foto: epa/neumayr

    Der Mammon hat leicht springen. Vielleicht wird er nicht überall geschätzt, aber gebraucht wird er überall.

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