Glückliche Britin, entblößter Franzose

15. August 2014, 18:26
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Die Leichtathletik-EM schreibt spezielle Geschichten. Die eine handelt von der ältesten Siegerin, die um einen zweiten Titel läuft. Die andere handelt von der Disqualifikation eines (un)sportlichen Siegläufers

Zürich - Wenn man Honiton, eine 27 Kilometer nordöstlich von Exeter in der Grafschaft Devon und am Fluss Otter gelegene Kleinstadt mit 11.200 Einwohnern, wenn man Honiton also bis dato gekannt hat, dann für Klöppelspitze ("bobbin lace") und Tonwaren. Seit Neuestem kennt man Honiton auch wegen Joanne "Jo" Pavey. Die 40-jährige Leichtathletin ist seit einer halben Ewigkeit schon auf Mittel- und Langstrecken unterwegs, doch hat genau diese halbe Ewigkeit dazu geführt, dass ihr größter Erfolg auch gleich ein historischer wurde.

Als Pavey, die 1997 ihre erste WM bestritt, am vergangenen Dienstag bei der EM in Zürich das 10.000-m-Rennen gewonnen hatte, war sie die älteste Europameisterin der Leichtathletik-Geschichte. Mit 40 Jahren und 325 Tagen hängte sie die Russin Irina Schabarowa, die 2006 mit der Sprintstaffel siegte, indirekt um 298 Tage ab. Nun, am Samstag, kann sich Pavey sozusagen selbst übertrumpfen, wenn sie auch die 5000 Meter gewinnt. "So oft habe ich es versucht, jetzt mit 40 klappt es endlich", sagt sie. Freilich führt sie ihren Erfolg weniger auf ihr Alter denn auf die Tatsache zurück, dass sie vor elf Monaten ein zweites Kind bekam. "Eine beschäftigte Mutter zu sein, hat mir mehr Ausdauer gegeben."

Die 1,64 Meter große und 50 Kilogramm schwere Pavey, die von ihrem Ehemann Gavin trainiert wird, hatte ihre Tochter Emily unmittelbar nach ihrem 10.000-m-Sieg in die Arme geschlossen. Schon Emilys Bruder Jacob, 2009 geboren, hatte der Frau Mama quasi Beine gemacht. Freilich waren von seiner Geburt bis zu ihrem zweiten EM-Platz 2012, ihrer ersten Medaille, doch drei Jahre vergangen. Pavey: "Ich bin entspannt und glücklich."

Die "dumme" Disqualifikation des besten Läufers

Auch dem Franzosen Mahiedine Mekhissi-Benabbad hat Frau Pavey den einen Titel in Zürich voraus. Das freilich hatte sich der 29-Jährige aus Reims, der seit Jahren zu den weltbesten 3000-m-Hindernisläufern zählt und schon zweimal Olympiazweiter sowie zweimal WM-Dritter war, selbst zuzuschreiben. Mekhissi-Benabbad war zwar in 8:25,30 Minuten zum dritten Mal en suite bei einer EM als Erster angekommen, doch hatte der klar Führende bereits vor dem Ziel jubelnd sein Shirt ausgezogen. Zunächst gab es eine Verwarnung wegen Unsportlichkeit. Doch Spanien protestierte wegen Verletzung der Regeln zu Kleidung und Startnummern, Mekhissi-Benabbad wurde disqualifiziert. Den Titel erbte sein Landsmann Yoann Kowal.

Mekhissi-Benabbad sagte, er habe "natürlich aus Freude" gehandelt. "Ich verhalte mich korrekt, er verhält sich dumm. Und jetzt gibt es Gerechtigkeit", sagte der Spanier Ángel Mullera, der auf Rang drei vorrückte. Zu oft ist Mekhissi-Benabbad negativ aufgefallen. Mit Gegnern, Offiziellen und selbst Maskottchen hat er sich angelegt. 2011 beim Meeting in Monaco lieferte er sich mit Landsmann Mehdi Baala nach einem Lauf einen Faustkampf. Für beide gab es zehn Monate Sperre und 50 Stunden Sozialarbeit. Am Sonntag, im Finale über 1500 Meter, bekommt Mekhissi-Benabbad die nächste Chance. Wird er siegen, wird er strippen? Spannung in Zürich! (fri, sid, APA, DER STANDARD, 16.8.2014)

  • Pavey hüllte sich nach ihrem größten Triumph in ihre Landesfarben.
    foto: ap

    Pavey hüllte sich nach ihrem größten Triumph in ihre Landesfarben.

  • Mahiedine Mekhissi-Benabbad hingegen zog sich aus und wurde so wieder einmal auffällig. "Das sollte nicht arrogant wirken. Ich wollte jubeln wie ein Fußballer. Vor meinen Gegnern habe ich riesigen Respekt", rechtfertigte der Franzose sein Jubelverhalten. Vergeblich.
    foto: ap/dunham

    Mahiedine Mekhissi-Benabbad hingegen zog sich aus und wurde so wieder einmal auffällig. "Das sollte nicht arrogant wirken. Ich wollte jubeln wie ein Fußballer. Vor meinen Gegnern habe ich riesigen Respekt", rechtfertigte der Franzose sein Jubelverhalten. Vergeblich.

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