Dem Wind entgegen

15. August 2014, 17:59
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Eröffnung des Grafenegg-Festivals mit ein wenig Widmann und viel Richard Strauss

Grafenegg – Es gibt eine einfache Möglichkeit, ganz große Komponisten von etwas weniger großen zu unterscheiden. Man stelle Werke aus verschiedenen Schaffensphasen in einem langen Konzertprogramm nebeneinander – nur von einem Tonsetzer, und der Grad ihrer Vielschichtigkeit, die Komplexität des Gesamtœuvres werden unmittelbar spürbar.

Demnach gehört Richard Strauss eher zur zweiten Gruppe – allem Feuer, aller Farbe, allem Reichtum an Zwischentönen und Volten zum Trotz, die sein Schaffen von der Jugend bis ins hohe Alter durchdringen. Insofern war es eine würdige Geste, vor dem Eröffnungskonzert eine neue Fanfare von Jörg Widmann – in diesem Sommer Composer in Residence beim Grafenegg-Festival – zu spielen. Unüberhörbar ein Gelegenheitswerk, von denen auch der Jahresregent eine Unzahl schrieb, und Musik, die eher nach den 1930er- oder 1950er-Jahren klingt als nach einem Statement aus dem 21. Jahrhundert.

Da war die Wirkung von Richard Strauss’ Tondichtung Don Juan bei ihrer Uraufführung 1889 schon eine andere. Wild, ungestüm, kühn und modern wurde die Tondichtung empfunden – und voller Verve legte sich auch Dirigent Andrés Orozco-Estrada mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich ins Zeug. Im Saal hätte das wohl noch brillanter geklungen, doch auch auf der Freiluftbühne „Wolkenturm“ kam die eindringliche motivische Gedrängtheit ziemlich klar und konzentriert über die Rampe.

Gräfliche Schlussgesänge

Dass tiefe Frequenzen von der Akustik eher begünstigt werden, bekamen dann die Sängerinnen in Strauss-Opern-Ausschnitten zu spüren: vor allem Angela Denoke bei ihrem Schlussgesang der Gräfin Madelaine aus Capriccio (1942), der weniger tragfähig wirkte, als man es von ihr gewohnt ist. Auch bei den Highlights aus dem Rosenkavalier (aus 1911) hatten die Stimmen dem Wind (und der doch relativ kalten Luft) entgegenzusingen. Marina Prudenskaja (als Octavian) tat dies mit standhafter Souveränität. Und Daniela Fally (als Sophie) setzte behutsam und souverän zu ihren himmlischen Höhen an.

Abschließend durften Dirigent und Orchester in der Rosenkavalier-Suite nochmals bei bereits gehörten Passagen verweilen und einen Bogen von der drängenden Einleitung der Oper bis zum 1945 neu komponierten, effektheischerischen Schluss spannen. Wobei Letzterer womöglich gar nicht von Richard Strauss selbst stammt. Der Applaus war jedenfalls ebenso groß wie der Zuspruch der regionalen bis ministeriellen Prominenz. (Daniel Ender, DER STANDARD, 16.8.2014)

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