Österreichs schmaler Wachstumspfad

15. August 2014, 17:08
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Die heimische Wirtschaft hat im ersten Halbjahr einen Schwächeanfall erlitten. Eine Flaute bei den Investitionen belastet

Wien - Heimische Wirtschaftsforscher müssen den Rotstift ansetzen. Die Konjunktur hat auch im zweiten Quartal enttäuscht, das Bruttoinlandsprodukt ist laut aktueller Wifo-Schnellschätzung nur um 0,2 Prozent gewachsen. Das Wachstum im ersten Quartal musste zudem nach unten revidiert werden, auf nur 0,1 Prozent. Die Konsequenz: Auch im Gesamtjahr 2014 dürfte die erst im Juni zurückgenommene Prognose wieder wackeln. Auf 1,4 Prozent hatte das Wirtschaftsforschungsinstitut die Wachstumserwartung damals eingedampft, zu Jahresbeginn hoffte man auf 1,7 Prozent.

Selbst die 1,4 Prozent "sind in die Ferne gerückt, man muss sicherlich der jüngsten Schwäche Rechnung tragen", warnt nun Marcus Scheiblecker, Wifo-Konjunkturexperte, im Gespräch mit dem Standard. Um wie viel das Wifo die Wachstumsschätzung stutzen muss, kann der Ökonom nicht sagen. Die Volkswirte heimischer Banken gehen nach dem ersten Halbjahr zum Teil nur noch von einem Prozent aus. Auch der Chef des Instituts für Höhere Studien, Christian Keuschnigg, sagt, ihm "fallen keine positiven Konjunkturnachrichten ein".

Die jüngste Enttäuschung über die ökonomische Entwicklung ist auf die schlechte Investitionslaune zurückzuführen. Die Unternehmen halten sich mit dem Bau neuer Fabriken oder dem Erwerb von Maschinen weitgehend zurück, das Minus bei den Bruttoinvestitionen betrug im zweiten Quartal 0,9 Prozent. Die Ökonomen des Wifo erwarten an und für sich, dass die Unternehmen nach Jahren schwacher Investitionstätigkeit kräftig in die Erneuerung ihres Equipments investieren müssen. "Doch auch die Ersatzinvestitionen enttäuschen", sagt Scheiblecker.

Die Investitionsschwäche könnte dabei weiter anhalten. In einer aktuellen Konjunkturumfrage des Wifo haben die Firmen zudem zu Protokoll gegeben, dass sich die Auftragslage am Beginn des dritten Quartals im Zuge der jüngsten Sanktionsrunde gegen Russland weiter eingetrübt hat.

Steuern belasten zusätzlich

Die Flaute macht aber auch vor dem privaten Konsum nicht halt, er wächst seit fünf Quartalen langsamer als die Wirtschaft insgesamt. Scheiblecker ortet die "Steuerlast als zusätzliche Belastung". Österreich hat mit 49,1 Prozent laut OECD die dritthöchste Besteuerung des Faktors Arbeit. Auch die relativ hohe Inflationsrate Österreichs (sie lag im Juli bei 1,8 Prozent) hält die Entwicklung der Realeinkommen zurück.

Zu allem Überfluss hat sich im vergangenen Quartal auch die Exportdynamik kaum erholt, die Nettoexporte (Exporte minus Importe) stiegen nicht. In diesem Umfeld erwartet der IHS-Chef Keuschnigg, dass die Finanzierung einer Steuerreform "schwieriger werde". Der Weg zum Schuldenabbau sei bereits jetzt "knapp kalkuliert". Das geringere Wachstum könnte aber den Spielraum für eine Senkung der Abgabenlast weiter einschränken. Insbesondere die SPÖ drängt auf eine Senkung der Lohnsteuer. Die Reform der Abgaben soll laut SPÖ-Vorschlag mit einer Vermögenssteuer gegenfinanziert werden. Kommentar Seite 30

(Lukas Sustala, DER STANDARD, 16.8.2014)

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