Todesschüsse in Ferguson: Die zerstörte Hoffnung

Analyse15. August 2014, 17:07
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Dieser Tage zeigt sich, wie falsch die Hoffnung war, dass sich die Rassenbeziehungen unter Präsident Obama entspannen

Michael Brown war auf dem Weg zur Wohnung seiner Großmutter, als ein Polizist ihn anhielt. Es war helllichter Tag, Samstagmittag in Ferguson, einem Vorort von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Brown bedrohte niemanden, er trug keine Waffe. Der Mann im Streifenwagen nahm Anstoß daran, dass der 18-jährige angehende College-Student statt auf dem Gehsteig in der Mitte der Straße lief, begleitet von Dorian Johnson, einem Freund.

Was folgte, darüber gibt es zwei Versionen. Nach jener von Johnson soll Brown nach kurzem Wortwechsel mit dem Beamten davongelaufen sein. Er soll die Hände erhoben haben, nachdem der erste Schuss gefallen war, was den Polizisten nicht davon abhielt, noch mehrere Male zu feuern. Eine Hinrichtung, sagt Johnson.

Thema Hautfarbe

Laut Polizei soll Brown, gut eins neunzig groß, den Uniformierten in seinem Auto angegriffen, ihm einen Fausthieb versetzt und versucht haben, dem Mann die Dienstpistole zu entreißen. Schüsse aus Notwehr.

Was immer die untersuchenden Detektive des FBI herausfinden werden, wieder einmal erlebt das Land einen Moment, der verdeutlicht, wie brisant das Thema Hautfarbe noch immer ist. Wer nach der Wahl Barack Obamas gehofft hatte, dass nun eine Ära beginnt, in der Hautfarben keine Rolle mehr spielen, der sieht sich einmal mehr eines Besseren belehrt. Und einmal mehr geht es um Ordnungshüter.

"Racial Profiling"

Es bleibt der alte Verdacht, dass sie "racial profiling" betreiben, Afroamerikaner und Hispanics sehr viel öfter ins Visier nehmen als Weiße. In Missouri ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit dunkler Haut von einer Streife gestoppt werden, fast doppelt so hoch wie bei Menschen mit heller. Obwohl es, auch das belegt eine Statistik aus dem vergangenen Jahr, wahrscheinlicher ist, dass man bei gefilzten Weißen Verbotenes findet.

Greg Howard, ein afroamerikanischer Kommentator, bringt spitz auf den Punkt, was viele, vor allem junge Schwarze, über die Gesetzeshüter denken. "Für uns sind die Cops weniger Mitglieder der Gemeinschaft, der Wahrung des Friedens verpflichtet, sondern eher Soldaten einer Miliz."

In der Nacht zum Donnerstag, der fünften Nacht mit Zusammenstößen nach Demonstrationen, ließ die lokale Polizei in Ferguson gepanzerte Fahrzeuge auffahren, feuerte Gummigeschosse und setzte Tränengas ein. Am Freitag ließ Jay Nixon, der Gouverneur von Missouri, die örtliche Polizeitruppe de facto entmachten. An ihrer Stelle übernahm die Highway Patrol das Kommando.

Amtliche Reaktion heizt an

Am Beispiel Fergusons lässt sich deklinieren, was sich alles nicht geändert hat in der Ära Obama: 21 000 Einwohner, früher das klassische Mittelschichtmilieu, 1970 noch fast ausschließlich von Weißen bewohnt. 1980 hatte jeder Siebte dunkle Haut, 2010 bildeten Schwarze eine 69-Prozent-Mehrheit. Was die kommunalen Gremien allerdings nicht annähernd widerspiegelten: Der Bürgermeister und fünf der sechs Gemeinderatsmitglieder sind Weiße. Von 53 Polizisten sind drei Afroamerikaner.

Die amtliche Reaktion auf die Schüsse heizte den Kessel noch zusätzlich an. Lange weigerte sich der örtliche Polizeichef, den Namen des Todesschützen preiszugeben. Man fürchte einen Racheakt, lautete die Begründung. Für die schwarzen Bewohner Fergusons ein Affront. Freitag gab die Polizei den Namen des Schützen dann doch vor Journalisten bekannt. Der Polizist habe zuvor niemals gegen die Disziplinarregeln verstoßen, sagte der Polizeichef. (Frank Hermann aus Washington, DER STANDARD, 16.8.2014)

  • In den ganzen USA, wie hier in New York City, wird dem gewaltsamen Tod des 18-jährigen Michael Brown in Ferguson, Missouri, gedacht. In der Stadt selbst kommt es seit Tagen zu Ausschreitungen.
    foto: reuters / eduardo munoz

    In den ganzen USA, wie hier in New York City, wird dem gewaltsamen Tod des 18-jährigen Michael Brown in Ferguson, Missouri, gedacht. In der Stadt selbst kommt es seit Tagen zu Ausschreitungen.

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