Schneegestöber beim Leibhaftigen

15. August 2014, 17:07
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Mit "Inferno - Nachrichten aus der Hölle" zeigen Regisseur Bruno Max und das Theater zum Fürchten, was der Teufel alles kann

Wien - Die Hölle ist kein schlechter Ort, um abzuhängen, das wussten schon die Lausbuben von AC/DC. Eine Bestätigung findet die australische Buschweisheit im Luftschutzstollen Mödling, der, im Zweiten Weltkrieg von Zwangsarbeitern gegraben, seit 1999 dem Theater zum Fürchten als Sommerdependance dient. Heuer geht es besonders tief hinab: Mit Inferno - Nachrichten aus der Hölle führt Intendant und Regisseur Bruno Max mit seiner fast fünfzigköpfigen Kompagnie die Besucher geradewegs in den direkten Herrschaftsbereich des Leibhaftigen.

Umrahmt wird das in Kleingruppen zu erwandernde Stationentheater von Passagen aus Dantes Divina Commedia. Nach einer typisch österreichischen Einweisung durch einen Beamten des Außenministeriums namens Höllriegl lässt man also alle Hoffnungen fahren und folgt, mit einem Obolus in der klammen Hand, dem florentinischen Dichter und dessen Führer Vergil ins Totenreich. Dort ist das Programm so vielfältig wie die Strafen für die Seelen der Sünder. Verbindende Elemente für die insgesamt 18 Stationen gibt es während des folgenden Marsches durch das Röhrensystem kaum. Dafür wird das Biotop Hölle aus nahezu jedem Blickwinkel - von witzig bis bedrückend, von albern bis stocknüchtern - beleuchtet.

Ein launiger Monolog von Rowan Atkinson findet ebenso seinen Platz wie ein Exzerpt aus Jean-Paul Sartres Geschlossener Gesellschaft und ein Chatprotokoll aus dem Internet. Nach der germanischen Göttin Hel erläutert der japanische Mönch Genshin seine buddhistische Sicht der Dinge, die keineswegs so harmonisch ist, wie man vielleicht zunächst glauben möchte. Der KZ-Überlebende Mietek Pemper berichtet von den auch aus Steven Spielbergs Film Schindlers Liste bekannten Verbrechen des Kommandanten Amon Göth, und eine Gruppe Physiker nähert sich, von weiblichen Folterknechten mit sichtlicher Lust an der Freude gepiesackt, dem Thema Hölle streng wissenschaftlich.

Der Aufwand, der in Sachen Ausstattung (Bühne: Marcus Ganser, Kostüm: Alexandra Fitzinger) betrieben wird, ist beachtlich. Von flammenden Pfaden bis zu einem Schneegestöber reichen die unterirdischen Attraktionen, eine Hängebrücke ist zu überqueren, und Charon bittet in einem Ton, der keine Widerrede duldet, zur Überfahrt. Die Exkursionsdauer von 80 Minuten vergeht dabei wie Kerzenwachs im Fegefeuer, und zu lernen gibt es zudem auch einiges - für das diesseitige Leben und das, was danach folgen mag. Etwa dass man sich bei einem Besuch der Mödlinger Hölle mit einer Durchschnittstemperatur von 15 Grad warm anziehen sollte und dass bei der Fahrt über den Fluss Styx Chris De Burgh gespielt wird. (Dorian Waller, DER STANDARD, 16.8.2014)

Bis 6.9.

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Theater im Bunker

  • Die Exkursionsdauer von 80 Minuten vergeht für die Besucher wie Kerzenwachs im Fegefeuer: Das Stück "Inferno - Nachrichten aus der Hölle" wird also nie wirklich langweilig.
    foto: bettina frenzel

    Die Exkursionsdauer von 80 Minuten vergeht für die Besucher wie Kerzenwachs im Fegefeuer: Das Stück "Inferno - Nachrichten aus der Hölle" wird also nie wirklich langweilig.

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