Psychologe Wildschut: "Nostalgie macht Menschen optimistischer"

Interview16. August 2014, 17:00
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Psychologe Tim Wildschut beobachtet, dass Menschen in Phasen des Wandels besonders zur Nostalgie neigen

STANDARD: Neigen Menschen im Sommer besonders zu Nostalgie?

Wildschut: Wir haben nie untersucht, ob es besondere Zeiten im Jahr gibt, in denen Menschen nostalgischer sind. Der Sommer kann aber natürlich eine Zeit sein, in der Menschen an vergangene Urlaube denken, die sie als Kinder mit der Familie hatten.

STANDARD: Und in Krisenzeiten?

Wildschut: Wir Sozialpsychologen sehen uns nicht die Gesellschaft als Ganzes an. Was wir aber feststellen, ist, wenn Individuen negative Dinge erleben, fühlen sie sich nostalgischer.

STANDARD: ... und denken woran?

Wildschut: Menschen sind vor allem nostalgisch wegen Freundschaften, Familienmitgliedern, Großeltern, Eltern, Geschwistern, guter Freunde und Schulkameraden. Nostalgie hat einen starken sozialen Inhalt. Man kann auch nostalgisch sein wegen eines Ereignisses, aber für die meisten Menschen sind es Beziehungen.

STANDARD: Nostalgie kann ein trauriges Gefühl sein. Aus Ihrer Sicht überwiegt aber das Positive?

Wildschut: Es ist ein Mix aus positiven und negativen Gefühlen, doch für die meisten überwiegt das Positive. Diese gemischten Gefühle müssen nichts Schlechtes sein. In der Psychologie ging es eine Zeitlang stark um negative Gefühle und darum, wie man sie bewältigen kann. Dann kam die Konzentration auf positive Emotionen. Jetzt sagt man, Positivität ist gut, doch das Leben besteht aus beidem - und das zu akzeptieren, ist gut.

STANDARD: Gibt es Personen, die mehr zu nostalgischen Gefühlen neigen als andere?

Wildschut: Es gibt Hinweise, dass manche Menschen im fortgeschrittenen Alter, so über 80, nostalgischer sind. Personen im Übergang zum Erwachsensein sind jedoch auch nostalgischer. Beides sind Phasen des Wandels. Es gibt aber keinen linearen Anstieg nostalgischer Gefühle mit zunehmendem Alter. Nostalgie finden wir auch quer durch verschiedene Kulturen. Die Unterschiede bestehen individuell. Wir konnten an Achtjährigen messen, dass manche Kinder sehr nostalgisch sind, andere gar nicht. Das ist so etwas wie ein Grundcharakterzug.

STANDARD: Konfrontieren nostalgische Menschen sich mehr mit der Endlichkeit des Lebens?

Wildschut: Nostalgie dürfte einen Mechanismus hervorrufen, durch den man den Tod besser akzeptieren kann, da nostalgische Erinnerungen das Leben mit Bedeutung füllen. Man denkt, ich hatte viele gute Freundschaften und Beziehungen, habe Dinge getan, die nicht umsonst waren. Das schützt vielleicht das Wohlbefinden.

STANDARD: Nostalgie ist vergangenheitsbezogen, gibt Menschen aber etwas für die Zukunft?

Wildschut: Die Vergangenheit hatte in der Psychologie immer einen etwas schlechten Ruf. Alle Probleme, die man hat, kommen aus der Vergangenheit. Die Vergangenheit ist aber sehr lebendig, mit detaillierten Erinnerungen und viel emotionalem Einfluss. Wenn man über die Zukunft nachdenkt, weiß man nicht, wie sie aussehen wird. Es zeigt sich, dass Nostalgie Menschen in Bezug auf die Zukunft optimistischer macht.

STANDARD: Ist Nostalgie überhaupt so scharf abgrenzbar?

Wildschut: Nostalgie ist bittersüß - das macht sie einzigartig im Vergleich zu anderen Gefühlen. Wenn wir Menschen außerdem bitten, einzuschätzen, wie nostalgisch sie sind, korreliert das sehr mit bestimmten Emotionen, und zwar mehr, als diese Gefühle miteinander in Verbindung stehen - wie zum Beispiel Freude, Dankbarkeit und Inspiration.

STANDARD: Inwieweit kann man dieses Wissen nutzen?

Wildschut: Wir wissen von Versuchen, dass man das kann. Wir versuchen derzeit, dieses Wissen mehr ins reale Leben zu transferieren. Etwa indem wir Studenten eine Woche lang an nostalgische Erlebnisse denken und darüber Tagebuch führen lassen. Während dieser Woche messen wir ihr Wohlbefinden.

STANDARD: Kann man Nostalgie regelmäßig bewusst hervorrufen?

Wildschut: Ich denke schon, man kann sie auf so viele Arten wecken: durch Düfte, Gerüche, Musik, Fotos, Geschmäcker. Menschen fühlen sich oft nostalgisch, ohne dass man etwas dazu tut.

STANDARD: Inwieweit besteht die Gefahr, dass Menschen in der Vergangenheit hängenbleiben?

Wildschut: Ich bin nicht sicher, ob nostalgische Menschen mehr dazu tendieren. Und es wäre unsinnig, all diese Erfahrungen wegzuwerfen, als wären sie nie passiert. Nostalgische Menschen tendieren dazu, die Vergangenheit auf konstruktive Weise zu nutzen. Das bedeutet nicht, dass sie denken, dass die Gegenwart arm ist.

STANDARD: Können Sie noch ungezwungen nostalgisch sein?

Wildschut: Selbstverständlich, ich bin aber nicht sehr anfällig für Nostalgie. Diese Möglichkeit, durch die Zeit zu reisen, ist ein faszinierendes Phänomen, das wir noch nicht komplett verstehen. (DER STANDARD, 16.8.2014)

TIM WILDSCHUT (42) ist ao. Professor für Psychologie an der Universität Southampton mit Forschungsschwerpunkt Nostalgie und zwischenmenschliche Beziehungen. Der Niederländer wird nach eigenen Angaben circa drei- bis viermal in der Woche nostalgisch.

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  • "Es wäre unsinnig, all diese Erfahrungen wegzuwerfen, als wären sie nie passiert", sagt der Psychologe Tim Wildschut.
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    "Es wäre unsinnig, all diese Erfahrungen wegzuwerfen, als wären sie nie passiert", sagt der Psychologe Tim Wildschut.

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