Brandzeichen für die Jugend 

15. August 2014, 17:01
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Das FM4 Frequency Festival gilt immer mehr als Festival, auf das sein Publikum nicht wegen, sondern trotz der Musik fährt. Ein Lokalaugenschein bei einem Volksfest der Beliebigkeit

St. Pölten - Beim Eingang steht ein Monument voll heißer Luft. Es ist ein aufblasbares Portal der Kronen Zeitung. An der Kassa gibt es eine Karte mit dem Programm, mittendrin: das Logo der Krone. Die Karte ist gelocht und hängt an einem Schlüsselhalterband der - richtig - Kronen Zeitung. Zum Glück ist das Blatt nicht auch noch im Brauereigewerbe. Das ergäbe ein gewaltiges Brandzeichen an der Arschbacke von St. Pölten. Willkommen beim FM4 Frequency Festival!

Von Falco ist ein Satz überliefert, der seine Musik an Relevanz weit überragt. Er meinte, wer sich an die 1980er-Jahre erinnern könne, habe sie nicht miterlebt. Da sprach nicht gerade die bescheidene Seite des Sängers, aber die war bekanntlich nicht so ausgeprägt.

Von der Großkotzigkeit über das Erinnerungsvermögen ist es nur ein kleiner Schritt zum FM4 Frequency Festival. Nicht selten verlässt dort der eine oder andere Mageninhalt den Wirtskörper wieder durch den Vordereingang, nicht selten fehlt am nächsten Tag die Erinnerung daran. War was? Und wo ist meine Hose?

Der Rock 'n' Roll als Synonym jugendlichen Aufbegehrens ist beim FM4 Frequency zur Karotte vor den rotäugigen Köpfen jener geschrumpft, die in diese institutionalisierte Form des Hedonismus vier Tage lang eintauchen. Dabei gilt nicht selten: Man geht auf das Frequency nicht wegen, sondern trotz der Musik.

Das trifft bei den vom Veranstalter behaupteten 150.000 Besuchern an vier Tagen zwar nicht auf alle zu. Fragt man den einen oder anderen Gast des bis Samstag dauernden Festivals nach seinen musikalischen Präferenzen dort, bekommt man mitunter Namen von Bands zu hören, die heuer dort gar nicht auftreten. "Wos, die Ärzte spielen nicht?" Nein, nur Bela B. Auf den Schock hin, noch ein Bier.

Verortet ist das Festival im Alternative-Music-Bereich. Gestützt wird diese wackelige Behauptung vom Radiosender FM4, der für das Festival vorab und vor Ort die Werbetrommel rührt. Karikiert wird sie von einem Programm, das so beliebig ist, dass es jede und jeden mit zwei Ohren irgendwie anspricht. Die Hauptaustragungsorte des Festivals sind zwei nur wenige Gehminuten voneinander entfernt liegende Großbühnen. Am späten Nachmittag sind die kein schöner Anblick.

Tequilajause und Tattoos

Da spielen manche Bands vor Publikumshäufchen, die kleine Clubs gerade einmal zur Hälfte füllen würden. An Neuentdeckungen scheint der Durchschnittsbesucher nicht brennend interessiert zu sein. Das eigentliche Geschehen spielt sich zu diesem Zeitpunkt und später zwischen den Bühnen ab.

Hier erfreut sich eine Ausschank namens Desperado regen Andrangs zur Tequilajause, etwas weiter kann man sich um zwo Euro fuffzich das Handy aufladen lassen. Auf der Traisenbrücke gibt es gratis Kopf- und Nackenmassagen, links drüben kann man sich piercen oder tätowieren lassen.

Für den analogen Shitstorm stehen reihenweise Mobilklos in der Landschaft herum, um die Vermüllung derselben halbwegs im Zaum zu halten, gibt es hunderte Müll- und Miststationen. Viele Besucher sehen wahrscheinlich sogar die doppelte Menge davon, was die Treffsicherheit leider nicht erhöht. Die Anrainer werden also wieder klagen, denn es bleibt jedes Jahr Dreck liegen.

Die Trafik am Platz heißt Cigarette Lounge, Anbieter von Munter- und Betrunkenmachern wetteifern ausgerechnet mit Musik um die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppe. Dabei ist diese gerade sehr mit sich selbst beschäftigt.

Das Recht auf Verkehr

Denn zwischen den Bühnen liegt der Catwalk des kleinen Mannes. Der, es sind fast immer angehende Männer, versucht, mit nicht immer rasend originellen Sprüchen und Outfits, auf seine Existenz hinzuweisen, aus der er sein Recht auf Geschlechtsverkehr ableitet. Manchmal ist das trotzdem lustig.

Die Polizei patrouilliert in Vierergruppen, 120 Sanitäter haben zur Halbzeit knapp 800 harmlose Fälle behandelt, viele Besucher werden die zweite nicht bis zum Ende durchhalten.

Noch ein Fundstück zur Musik: "Queens Of The Stone Age setzten Festivaltag die Krone auf", meldete die Austria Presse Agentur am Freitag. Soll noch einer sagen, das Branding wirke nicht. (Karl Fluch, DER STANDARD, 16.8.2014)

  • Frequency: Tag zwei.
    foto: matthias cremer

    Frequency: Tag zwei.

  • FM4- oder Ö3-Frequency? Selbst das Publikum scheint sich manchmal uneins zu  sein, mit wem es gerade feiert.
    foto: matthias cremer

    FM4- oder Ö3-Frequency? Selbst das Publikum scheint sich manchmal uneins zu sein, mit wem es gerade feiert.

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