Ukraine meldet Angriff auf russische Armeefahrzeuge - Moskau dementiert

15. August 2014, 22:55
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Die Militärkolonne, die den russischen Hilskonvoi begleitet hatte, sei zerstört worden - Außenministertreffen am Sonntag in Berlin

Brüssel/Donezk - Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben die russische Militärkolonne großteils zerstört, die über die Grenze in die Ostukraine vorgedrungen war. Das teilte das Büro des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko am Freitag mit. Demnach erfolgte der Artillerieangriff auf die Truppentransporter und Militärlastwagen in der Nacht auf Freitag.

Auf der Internetseite des ukrainischen Präsidentenamtes hieß es, ein "bedeutender Teil" des Verbandes sei durch Artillerie zerstört worden. Dies habe Staatsoberhaupt Petro Poroschenko auch dem britischen Premierminister David Cameron mitgeteilt.

Das russische Verteidigungsministerium bestreitet den Vorfall hingegen nach Angaben der der Nachrichtenagentur RIA Novosti. "Eine russische Militärkolonne, die die Grenze zur Ukraine überquert haben soll, existiert nicht", sagte Generalmajor Igor Konaschenkow am Freitag der Agentur Interfax zufolge in Moskau. "Weder am Tag, noch in der Nacht" sei ein solcher Konvoi auf ausländisches Gebiet gefahren. Auch der russische Verteidigungsminister Sergei Shoigu hat gegenüber dem US-amerikanischen Verteidigungsminister Chuck Hagel in einem Telefonat bestritten, dass russische Militärs die ukrainische Grenze überquert hätten.

Zuvor Einigung

Gleichzeitig hatten Russland und die Ukraine nach Angaben aus Kiew zuvor im Streit um Hilfslieferungen in der Ostukraine eine Einigung erzielt. Dank der internationalen Unterstützung sei es gelungen, eine Eskalation zu vermeiden, teilte Präsident Petro Poroschenko am Freitag mit.

Russland hatte zuvor an der Grenze zur Ukraine Dutzende schwere Militärfahrzeuge in der Nähe eines Hilfskonvois zusammengezogen. Dabei handelte es sich um Transportpanzer, wie Reuters-Reporter am Freitagmorgen beobachteten. Laut "Guardian" und "The Telegraph" überquerten mehrere gepanzerte Transportfahrzeuge die Grenze zur Ukraine. Es gebe damit einen klaren Beleg, dass russische Truppen in der Ukraine aktiv seien, berichtete die Zeitungen.

Auch laut dem schwedischen Außenministers Carl Bildt gebe es Beweise. "Es gibt konkrete fotografische Beweise von russischen Armeefahrzeugen, die in die Ukraine eingedrungen sind", sagte Bildt am Freitag vor einem Sondertreffen der EU-Außenminister. "Es ist ein grober Verstoß", sagte Bildt weiters.

Rasmussen bestätigt "Einfall"

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat die Medienberichte über eine Verletzung der ukrainischen Grenze durch Russland bestätigt. "In der vergangenen Nacht haben wir einen russischen Einfall erlebt, eine Überschreitung der ukrainischen Grenze", sagte Rasmussen nach NATO-Angaben in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

"Dies bestätigt nur die Tatsache, dass wir einen dauernden Fluss von Waffen und Kämpfern aus Russland in die Ostukraine sehen", erklärte Rasmussen. "Und es ist eine deutliche Demonstration der anhaltenden russischen Beteiligung an der Destabilisierung der Ostukraine."

Der für den Grenzschutz zuständige russische Inlandsgeheimdienst FSB hat Berichte über die Einfahrt eines russischen Militärkonvois in die Ukraine zurückgewiesen. "Die Grenzverwaltung für das Gebiet Rostow bestätigt diese Informationen nicht", sagte Sprecher Nikolai Sinizyn am Freitag der Staatsagentur Ria Nowosti.

Hilfskonvoi steht

Der Hilfskonvoi mit etwa 280 Lastwagen, die nach russischen Angaben 2.000 Tonnen Wasser, Babynahrung und andere Hilfsgüter mit sich führen, fuhr unterdessen nicht weiter. Die Fahrzeuge wurden bereits am Donnerstag in der Nähe der Stadt Kamensk-Schachtinski etwa 20 Kilometer von der Grenze entfernt abgestellt. Wann er ins Land gelassen wird, ist weiter offen.

Die ukrainische Regierung und Vertreter westlicher Staaten hatten sich besorgt gezeigt, dass Russland die Hilfslieferungen als Vorwand für eine Invasion nutzen könnte. Die Regierung in Moskau hat dies als absurd zurückgewiesen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Freitagabend in einem Telefonat den russischen Präsidenten Wladimir Putin aufgefordert, zur Deeskalation in der Ostukraine beizutragen. Vor allem dem Strom von Rüstungsgütern, Militärberatern und bewaffnetem Personal über die Grenze müsse ein Ende gesetzt werden, mahnte Merkel nach Angaben ihres Sprechers Steffen Seibert.

Ressourcen werden knapp

Nach vier Monaten der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Separatisten in der Ostukraine werden in den Städten Donezk und Luhansk Wasser und Nahrungsmittel knapp. In dem Konflikt nach UN-Schätzungen mehr als 2.000 Menschen getötet worden.

Alleine bei den Kämpfen in Donezk sind nach Angaben der Stadtverwaltung seit Donnerstag elf Zivilisten getötet worden. Acht weitere Bewohner seien verletzt worden, hieß es in einer Erklärung des Rathauses. Besonders heftig sei in den Bezirken Petrowski und Leninski gekämpft worden. Am Donnerstag hatten die Gefechte erstmals das Zentrum der Stadt erreicht, in der vor dem Konflikt eine Million Menschen lebten. Am Donnerstag waren zahlreiche Gebäude, darunter die Universität und der von den Rebellen besetzte Sitz der Staatsanwaltschaft, unter heftigen Artilleriebeschuss geraten.

Gespräche geplant

Inmitten der Ukraine-Krise kommt es nach Angaben aus Kiew am Sonntag in Berlin zu einem ranghohen Außenministertreffen. Die Ressortchefs Pawel Klimkin (Ukraine), Sergej Lawrow (Russland), Laurent Fabius (Frankreich) und Frank-Walter Steinmeier (Deutschland) kämen zu Gesprächen zusammen, teilte Klimkin am Freitag in Kiew mit. "Der Tisch wird quadratisch sein oder rund, aber sprechen müssen wir."

Das russische Außenamt teilte mit, das Format für das Gespräch müsse noch definiert werden. Zuvor hatten Klimkin und Lawrow in einem Telefonat eine stärkere internationale Beteiligung bei der Lösung der humanitären Notlage in der Ostukraine gefordert. (APA, 15.8.2014)

  • Ein russischer Transportpanzer in der Nähe der Stadt Kamensk-Schachtinski.
    foto: reuters/maxim shemetov

    Ein russischer Transportpanzer in der Nähe der Stadt Kamensk-Schachtinski.

  • Fahrer lüften für Journalisten bereitwillig die Planen.
    foto: ap/golovkin

    Fahrer lüften für Journalisten bereitwillig die Planen.

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