Warum nichts so gut klingt wie die Musik unserer Jugendzeit

16. August 2014, 20:29
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Es liegt nicht an der Entwicklung des Musikmarkts, sondern an der unseres Gehirns, berichtet das Magazin "Slate"

Hand aufs Herz: Wer hat die 30 (oder 40, 50, 60) überschritten und sich noch nie gedacht: Heutzutage läuft im Radio nur noch Mist - kein Vergleich mit den Liedern von früher.

Was gegen neue Musik sprechen könnte ...

Ein paar Argumente werden immer wieder gerne ins Feld geführt, um dies zu untermauern. Beispielsweise das Stichwort Casting-Shows: Kunstprodukte der Musikindustrie würden den Markt derart dominieren, dass man sich nur noch mit Grausen wenden kann. Allerdings sind diese kein Phänomen der Gegenwart: The Monkees wurden schon in den 60ern für eine TV-Show gecastet - also mitten in der Ära, die heute als das Goldene Zeitalter von Pop und Rock gilt. Und genau wie damals gibt es auch heute eine enorme Zahl an Bands, die sich selbst zusammengefunden haben und ihre eigenen Songs schreiben.

Oder das mathematische Argument, das im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass alle guten Melodien einfach schon verbraucht seien. Eine spanische Studie aus dem Jahr 2012 glaubt dies sogar bestätigen zu können. Ihrzufolge ist die Originalität in der Popmusik - gemessen an der Zahl unterschiedlicher Melodien und Akkorde - im vergangenen halben Jahrhundert laufend gesunken.

Und dann ist da noch die These, dass die Musik an sich ihre Bedeutung als kulturstiftender Faktor weitgehend verloren habe. Nicht zuletzt sei daran ihre mediale Omnipräsenz und jederzeitige private Verfügbarkeit schuld - man bewegt sich in einem ununterbrochenen Klangbrei, der zunehmend unter die Wahrnehmungsschwelle sinkt (außer die Lautstärke ist zu hoch).

... doch es liegt letztlich bei einem selbst

Das letztere Argument kann aber nicht erklären, warum alte Songs - sprich: solche aus der eigenen Jugendzeit - immer noch die gleichen Reaktionen auslösen wie in der Zeit, in der man sie zum ersten Mal gehört hat; manchmal sogar noch stärkere. "Slate"-Autor Mark Joseph Stern ist dem Phänomen dieser Art von Nostalgie nachgegangen und kommt unter Berufung auf einige Studien zum Befund, dass die Wahrheit nicht in den Mechanismen des Musikmarkts, sondern in unserem Gehirn zu finden sei.

Kurz zusammengefasst: Das mesolimbische System im Gehirn, das wesentlich für das Empfinden von Freude ist, wird von Musik stimuliert. Am stärksten funktioniert dies in jungen Jahren - also der Teenager-Zeit - , wenn sich das Gehirn in einer raschen Entwicklung befindet. Es entstehen Verknüpfungen zwischen Erinnerungen, Emotionen und dem musikalischen Stimulus, die über Jahrzehnte hinweg stabil bleiben. Spätere Erfahrungen dieser Art (also das Erleben neuer Musik in reiferem Alter) führen zu weniger starken Verknüpfungen und bleiben daher vergleichsweise blass.

Wie psychologische Phänomene wie der "Reminiscence Bump" - überproportional starke Erinnerungen an Erlebnisse aus der eigenen Jugend - damit zusammenhängen könnten, können Sie hier nachlesen:

--> Slate: "Neural Nostalgia"

(jdo, derStandard.at, 16. 8. 2014)

  • "Those old melodies / Still sound so good to me / As they melt the years away ...": Mit "Yesterday Once More" brachten die Carpenters (rechts im Bild Karen und ihr Bruder Richard) das Phänomen der musikalischen Nostalgie auf den Punkt.
    foto: reuters/prnewsfoto

    "Those old melodies / Still sound so good to me / As they melt the years away ...": Mit "Yesterday Once More" brachten die Carpenters (rechts im Bild Karen und ihr Bruder Richard) das Phänomen der musikalischen Nostalgie auf den Punkt.

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