"Beim Rehrücken müssen Sie aufpassen"

Interview16. August 2014, 12:07
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Noch-Raiffeisen-Generalsekretär Ferdinand "Ferry" Maier über Macht, Ohnmacht, Wildpret und die Ruhendstellung seiner Parteimitgliedschaft

STANDARD: Was verbinden Sie mit den Sätzen „Du glaubst, du bist ein großer Held, doch dazu fehlt dir unser Geld“? Und: "Wollen Sie, dass eine Schnellstraße über Ihren eigenen Balkon führt?"

Maier: Scheint eine materialistische Sichtweise zu sein, die man nicht unbedingt teilen muss – und eine Warnung.

STANDARD: Ohje. Wahlwerbung Erhard Busek 1978: Er sprach zu Musik der Gruppe "Misthaufen", der erste Satz ist aus einem Lied, der zweite von ihm. Sie haben Buseks Wien-Wahlkampf damals organisiert.

Maier: Oh. An die Musikkassette erinnere ich mich sehr gut, da war Erhard im Beatles-Look drauf zu sehen. Misthaufen war die Gruppe von Alf Kraulitz, da war auch die Nummer "An Schweinsbratn kriag i" drauf; die hat mir persönlich besser gefallen. Damals, 1978, gab es noch keine Grünen, Busek und sein Team wollten Grünpolitik in Wien umsetzen. Aber 1988 wurde er dann ja abgewählt, von seiner eigenen Partei.

STANDARD: Sie haben 1984 mit der Wiener ÖVP auch die Demonstranten in der Hainburger Au unterstützt, ihnen Essen und Zelte geschickt. Die Bundes-ÖVP war für das Kraftwerk Hainburg. Sie haben sich damals schon gern beliebt gemacht?

Maier: Als Wiener Landesgeschäftsführer musste ich unsere Politik kommunizieren. Es war eine Zeit des Aufbruchs und Richtungsstreits, es ging um Grünpolitik und Demokratisierung, und da hat die Wiener ÖVP aus der Opposition heraus viel versucht. Wir haben auch das erste Stadtfest organisiert, um der Stadtflucht am Wochenende gegenzusteuern, und wir hatten schon damals einen Radfahrbeauftragten.

STANDARD: 1978 hatte die ÖVP in Wien 34 Prozent, heute keine 14. Nostalgisch?

Maier: Nein, alles hat seine Zeit. Man muss draus lernen.

STANDARD: Und, was hat die ÖVP daraus gelernt?

Maier: Die ÖVP ist nicht so lernfähig.

STANDARD: Sie gehen im Oktober nach 20 Jahren als Raiffeisen-Generalsekretär in Pension, waren im Gemeinderat, Bundesrat und zehn Jahre im Nationalrat. Reden wir über Macht und Politik. Wann waren Sie das letzte Mal ohnmächtig?

Maier: Ich war noch nie mächtig und noch nie ohnmächtig im medizinischen Sinn.

STANDARD: Sie sind kokett.

Maier: Man sollte versuchen, Dinge zu ändern, die einen stören. Dazu braucht man keine Macht, dazu muss man nur wissen, wie’s geht. Mir ist es halt manchmal gelungen, richtige Schritte zu setzen. Ich hatte aber 2012 als Parlamentarier leider Gottes nicht die Macht, der ÖVP im Parlament klarzumachen, dass es klüger ist, 60 Mrd. Euro für Bildung, Wohnbau oder Soziales einzusetzen statt für drei sinnlose Bahntunnel.

STANDARD: Warum sind Sie da gescheitert?

Maier: Weil die Angst der Bundes-ÖVP vor Landeshauptleuten so groß ist, dass sie keinen normalen Gedanken fassen kann. Dafür hätte ich die Macht aus einer wesentlichen Parteifunktion gebraucht.

STANDARD: Wer ist denn mächtig?

Maier: Die Landeshauptleute sind leider mächtiger als die Mitglieder der Bundesregierung – und das zeigt schon das eigentliche Problem Österreichs. Früher haben die Landeshauptleute der Bundesregierung gesagt, was gut ist für das Land Österreich, heute sagen sie ihr, was gut ist für ihr Land – allenfalls für Niederösterreich. Und so schaut dann die Politik aus.

STANDARD: Macht Erwin Pröll die Ohnmacht der anderen mächtig?

Maier: Die Macht Prölls liegt in seiner Erfahrung; er ist ja längst gedienter Landeshauptmann Österreichs. Damit kann man natürlich die einen oder anderen beeindrucken. Dass ihn die anderen so mächtig sein lassen, das ist das Problem, an dem wir laborieren.

STANDARD: Wie mächtig war Christian Konrad als Raiffeisen-Chef?

Maier: Er wusste immer, das richtige Wort zur richtigen Zeit zum richtigen Gesprächspartner zu sagen. Und das sehr überzeugend.

STANDARD: Konrad war gefürchtet für seine Geburtstagsreden ...

Maier: Ich erinnere mich an eine lustige. Da hat er etwas verwechselt und dem Jubilar gratuliert, dass er in Wiener Neustadt geboren wurde. Nachher ging der zu seiner Mutter und fragte: „Warum hast du mir nie gesagt, dass ich in Wiener Neustadt geboren bin?“

STANDARD: Raiffeisen: auch nicht mächtig?

Maier: Raiffeisen ist eine Organisation von vielen fleißigen, grünen Zwergen. (lacht)

STANDARD: Das sagten Sie mir 1996 schon. Ich sprach vom roten Riesen Konsum, Sie von grünen Zwergen.

Maier: Sehen Sie, daran hat sich nichts geändert.

STANDARD: Schon wieder kokett?

Maier: Finden Sie? Die Dichte der grünen Zwerge erweckt bei vielen den Eindruck, Raiffeisen wäre eine machtvolle Organisation. Alle glauben, es gibt wen, der auf einen Knopf drückt und alle springen. Genau so ist die dezentrale Genossenschaft Raiffeisen nicht.

STANDARD: Bei Konrad sprangen alle, bevor er drückte. "Von dir lass ich mich nicht verstaatlichen", sagte er einem Notenbanker 2008, als es um die Frage ging, ob die Republik Mitspracherechte bei den von ihr unterstützten Banken bekommt. Sie bekam keine.

Maier: Offenbar zur richtigen Zeit der richtigen Person das richtige Wort gesagt.

STANDARD: Konrad vergleicht die ÖVP mit einem angeschweißten, also angeschossenen, Eber. Wie haben Sie es eigentlich geschafft, ohne Jagdschein bei Raiffeisen Karriere zu machen?

Maier: Ich bin nicht geeignet fürs Jagen. Da könnte es passieren, dass ich ohnmächtig werde, wenn ich das Blut sehe.

STANDARD: Dafür grillen Sie sehr gern, auch Wildpret.

Maier: Ja, kann sehr gut sein, Wildschwein zum Beispiel. Beim Rehrücken müssen Sie aufpassen: Reh wird schnell hart.

STANDARD: Sie haben die ÖVP das letzte Mal 1993 gelobt, als ÖVP-Generalsekretär. 2008 sagten Sie: "Die gute Nachricht ist: Wir sind im Parlament." Muss man als Politiker zynisch werden? Oder nur, wenn man nichts erreicht hat?

Maier: Ich habe diese Analyse noch nicht angestellt. Manche meinen, ich sei ein irrer Zyniker, manche, ich sei es ab und zu, und vielen geht es ab, wenn ich’s nicht bin. Ich sehe es entspannt: Ich kommentiere die Dinge, wie sie kommen. Es ist Faktum, dass die ÖVP bei Wahlen und Umfragen verliert, und Beliebtmachen war nie meine Aufgabe.

STANDARD: Was haben Sie denn erreicht als Politiker?

Maier: Mein schönstes Aktionsfeld und meine kreativste Zeit hatte ich in Wien, weil wir aus der Opposition heraus die Regierenden treiben konnten. Wien hat sich Mitte der 80er für neue Wohnformen und eine neue Art des Zusammenlebens geöffnet, darum hat sich Helmut Zilk verdient gemacht. Er war dabei aber auch von der Wiener ÖVP getrieben. Wir haben übrigens auch die erste Glassammelaktion in Wien organisiert, auf dem Simmeringer Markt. Wir haben Bäume gesetzt und ständig Druck auf die Realisierung kommunalpolitischer Ideen gemacht. Und auf Bundesebene hefte ich das Privatradiogesetz auf meine Fahne, das habe ich ausverhandelt.

STANDARD: Schon als Sie 1976 in die Industriellenvereinigung kamen, hat es Sie gewundert, dass IV-Funktionäre ÖVP-Aufkleber auf ihren Autos hatten.

Maier: Das Interessante ist doch, dass es solche Pickerl heute gar nicht mehr gibt. Überhaupt war früher die Bereitschaft größer, sich zu deklarieren.

STANDARD: Sie waren in Ihrer Wiener Busek-Zeit sogar enthusiasmiert, haben im Pariser Fußballstadion eine Busek-Fahne geschwenkt, gemeinsam mit Andreas Treichl.

Maier: Austria gegen Anderlecht, Europacup 1978. Wir haben ...

STANDARD: 0:4 verloren ...

Maier: ... und gehofft, ins Fernsehbild zu kommen mit unserem Busek-Transparent.

STANDARD: Mit Treichl haben Sie 1993 die ÖVP entschuldet, die damals völlig flach war und 140 Millionen Schilling Schulden hatte. Sie gab ihr Mietrecht im Palais Todesco auf und bekam dafür 90 Mio. Schilling. Den Auszug aus der Kärntner Straße soll Josef Taus mit "Jetzt wird die ÖVP zur Mittelpartei" kommentiert haben.

Maier: Damit hatte er auch nicht Unrecht, wenngleich das nicht am Headquarter lag.

STANDARD: Ihren 50er haben Sie dann aber im Todesco gefeiert; war ein bisserl gemein.

Maier: Das war eine Reminiszenz. Manche meiner VP-Freunde kamen nur, weil sie das Palais sehen wollten.

STANDARD: In dem Palais führte Sophie von Todesco einen von Wiens berühmtesten Salons; Hugo von Hofmannsthal war regelmäßig Gast, Johann Strauß Sohn hat dort seine spätere Frau Jetty Treffz kennengelernt, die damalige Lebensgefährtin von Moriz Todesco. Sie hatte sieben uneheliche Kinder ...

Maier: Dafür kann die ÖVP aber nichts.

STANDARD: (lacht) Die ÖVP übersiedelte dann in die Lichtenfelsgasse. Wissen Sie noch, wer die einweihte?

Maier: Ja, sicher.

STANDARD: Hans Hermann Groer.

Maier: Ja. An dem Tag erklärte ich meinen Rücktritt. Aber nicht wegen Groer. Ich ging zu Raiffeisen.

STANDARD: Manche sagen ja, Sie verdanken Ihr Talent zum Netzwerken Ihrer Arbeit als Kellner im "Schrammlbeisel" Ihrer Eltern.

Maier: Ja, mit dem Trinkgeld hab ich mein Studium verdient. Als Kellner muss man offen auf Leute zugehen und schauen, wie sie sind: introvertiert, extrovertiert, arrogant? Wenn man das weiß, überrascht einen keine Reaktion mehr. Da lernt man sehr viel.

STANDARD: Apropos Lernen. Sie haben etliche US-Wahlkämpfe beobachtet ...

Maier: 1984, 1988, 1992, 1996 und 2000.

STANDARD: Schade. Ich hörte, Jimmy Carters Wahlkampf habe Sie so beeindruckt, aber der war früher. Dazu hätte ich etwas gewusst.

Maier: Was denn?

STANDARD: Dass Carter der bisher einzige US-Präsidentschaftskandidat war, der dem "Playboy" ein Interview gegeben hat.

Maier: (lacht) Das ist gut. Wissen Sie, was mich beeindruckt hat, bei der Nominierung von George Bush Senior? Da gab es eine Redebeschränkung, und wenn die Zeit abgelaufen war, leuchtete ein rotes Licht auf – und das Rednerpult begann abzusinken. (lacht)

STANDARD: Gute Übung für die Kremation ...

Maier: Das hätte ich gern bei uns durchgesetzt, aber es hat nicht geklappt. Deswegen habe ich die US-Wahlkämpfe aber nicht beobachtet, mir ging es um Methoden und Strategien. In den USA lernt man wirklich, wie man politische Themen aufbereitet.

STANDARD: Und dem verdanken sie Ihren Erdrutschsieg in Floridsdorf. 2002 kamen Sie ja über ein Grundmandat ebendort ins Parlament.

Maier: Das ist Zynismus, Frau Graber.

STANDARD: Sie waren immer gegen Schwarz-blau und haben Exfinanzminister Karl-Heinz Grasser nie geschätzt. Warum eigentlich nicht?

Maier: Er kam mir immer vor wie ein Autoverkäufer. Man hatte den Eindruck, er verkauft eine Sache, aber steht nicht dahinter.

STANDARD: Ein großer Ideologe sind Sie auch nicht.

Maier: Muss ich auch nicht sein, um Grasser beurteilen zu können. Er war mir suspekt. Und zu mir: Ich habe Grundsätze.

STANDARD: Wofür stehen Sie denn?

Maier: Für eine liberale Grundhaltung, eine liberalere als sie derzeit in der ÖVP vorherrscht. Ich bin nicht links oder rechts, sondern schaue nach vorne. Und für mich zählen Leistung und Eigeninitiative und nicht der Staat.

STANDARD: Sie haben Ihre ÖVP-Mitgliedschaft im Februar ruhend gestellt. Warum?

Maier: Wieso wissen Sie das? Das stimmt. Ich habe es Parteiobmann Michael Spindelegger schriftlich mitgeteilt und damit begründet, dass die ÖVP von einer gewissen provinziellen Dumpfheit befallen ist und Selbstverliebtheit dazu führt, zu glauben, dass man jeden Job in dieser Republik machen kann. Dass ich es für fahrlässig halte, dass der Bundesparteivorstand zuließ, dass Spindelegger Finanzminister wird. Ich hielte es ja auch für unverantwortlich, wenn man einen Segelflieger-Piloten einen Airbus fliegen lässt.

STANDARD: Wann aktivieren Sie Ihre Mitgliedschaft wieder?

Maier: Wenn’s besser wird.

STANDARD: Haben Sie’s gebeichtet?

Maier: Nein, warum? Ich habe mich danach gut gefühlt.

STANDARD: Passt zur letzten Frage: Worum geht’s im Leben?

Maier: Ist somit beantwortet.

Ferdinand Maier (62) stammt aus einer Wiener Weinhändler- und Wirtsfamilie. 1978 wurde der Wirtschaftswissenschafter für den Wien-Wahlkampf Erhard Buseks (VP) angeworben. Es folgten viele politische Ämter; Maier managte auch den Präsidentschaftswahlkampf Thomas Klestils. 1991 bis 1993 war er VP-Generalsekretär, danach Generalsekretär des Raiffeisenverbands. 2002 bis 2012 saß er im Nationalrat. Im Oktober geht der dreifache Vater und begeisterte VP- und Spindelegger-Kritiker in Pension.

  • Für den Wien-Wahlkampf 1978 flog er mit Fußballfans, Andreas Treichl und Busek-Transparent nach Paris, den Jagdschein hat er nie gemacht: "Ferry" Maier.
    foto: regine hendrich

    Für den Wien-Wahlkampf 1978 flog er mit Fußballfans, Andreas Treichl und Busek-Transparent nach Paris, den Jagdschein hat er nie gemacht: "Ferry" Maier.

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