Julio Cortázar: Wider eine Welt aus Pappmaché

17. August 2014, 09:00
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Gabriel Garcia Márquez nannte ihn den Mann, den alle liebten. Vor 30 Jahren ist er gestorben, und am 26. August jährt sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal

Bar Brasserie Jour et Nuit, als triebe er sein Spiel mit mir und riefe mich zur Fantasie, ich stehe vorm Old Navy, seiner Stammkneipe. Hier also ging er ein und aus, der große Julio Cortázar, der mit seinen Erzählungen und Romanen literarische Universen schuf, die zu erforschen ich nicht müde werde. Wer ihn nicht lese, sei verloren und werde allmählich immer trauriger, erinnere ich Verse von Pa blo Neruda. Und tatsächlich, in Cortá zars Büchern verliert die Wirklichkeit an Gewicht, seine Sätze brechen einer Vieldeutigkeit Bahn, halten zum Narren, machen klüger zugleich. Sie sind voll Humor, wenngleich ihnen ein melancholischer Tonfall anhaftet. Er spiele beim Schreiben, so definierte er seinen Ansatz, aber er spiele seriös, daher könne das Spiel stets auch ein Todesspiel sein.

Mangels besserer Bezeichnung, wie er selbst wusste, wird ein Großteil seines Werks dem fan tastischen Genre zugerechnet. Aber Klassifizierungen waren seine Sache ohnehin nicht, lieber verwies er auf Erasmus von Rotterdam und dessen Lobpreis der Torheit: "Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wovon er handelte, aber sein Titel hat mich immer sehr bewegt, und heute weiß ich, weshalb: Die Torheit verdient es, gepriesen zu werden, wenn die Vernunft, die Vernunft, die das Abendland derartig mit Stolz erfüllt, sich die Zähne ausbeißt an einer Realität, die sich nicht fassen lässt und niemals fassen lassen wird mit den kalten Waffen der Logik, der reinen Wissenschaft und der Technologie."

Riese mit Kindergesicht

Ich versuche ihn mir vorzustellen an einem der Tische, nein, an der Theke, sein Blick streicht übers Regal mit den Spirituosen, die blaues Neonlicht umfängt. Doch meine Imagination wird unterlaufen von Angelesenem, jede im Gedächtnis bleibende Erzählung sei wie der Same, in dem ein riesiger Baum ruhe, formu lierte Cortázar einmal und: "Der Baum wird in uns wachsen und seinen Schatten in unsere Erinnerung werfen."

Mitte der 1950er-Jahre hatte der Wunsch, Cortázar zu treffen, Ga briel García Márquez ins Old Navy gelockt, es war die Rede gegangen, der Argentinier suche das Lokal oft auf, um zu arbeiten. Nach Wochen des Wartens sei er endlich aufgetaucht, "era el hombre más alto que se podía imaginar, con una cara de niño", hielt Márquez fest. Ganz ähnlich die Beschreibung von Alberto Manguel, der Cortázar kurz nach der Pariser Mai-Revolte 1968 traf: "Vor mir stand ein Riese mit Kindergesicht."

Ein Schlauch ist diese Bar, der Boden ist gefliest, an der Wand hängt ein Flachbildschirm: Brazilmania, immer noch. Interessierte er sich für Fußball? Als die Albi celeste 1978 die Heim-WM gewann, lebte er bereits seit 27 Jahren in Paris, zwei davon als Exilant mit Einreiseverbot für Argentinien. Dort regierte seit der Amtsenthebung Isabel Peróns eine Militärjunta, auf deren schwarzer Liste auch Julio Cortázar stand – weniger seiner Literatur wegen, den Machthabern war sein offenes Eintreten für die Anliegen der Sandinisten in Nicaragua ein Dorn im Auge. Freilich, sein Mitleid mit Perón wird sich in Grenzen gehalten haben.

Vom Tresen aus kann man hinausblicken auf den Boulevard Saint-Germain, er ist der längste der Stadt, führt durchs Quartier Latin. Unermüdliches Wandern, Touristenströme ziehen vorbei, unterwegs zur Kirche Saint-Germain-des-Prés oder zu einem der Kultlokale hier am linken Seine-Ufer, zum Café de Flore, zum Les Deux Magots. Wohl nur durch Zufall verirren sich einige in die Rue de l’Éperon, wo Cortázar eine Wohnung besaß, kaum fünf Gehminuten vom Old Navy entfernt.

Vielleicht besuchte ihn dort die früh verstorbene argentinische Lyrikerin Alejandra Pizarnik, deren Nachlass er später verwalten sollte; mag sein, sie machten sich auf zu einem ausgedehnten Stadtspaziergang. Denn er war ein passionierter Wanderer, ein Flaneur, er liebte Paris, bezeichnete die Stadt einmal als eine Frau – und ein bisschen als die Frau seines Lebens.

Sosehr es ihn aber zum Herumstreifen hinzog, er mied große Menschenansammlungen. Von solchen blieb er am rechten Seine-Ufer weitgehend verschont. Noch heute kommen wenige Touristen zum Haus in der Rue Martel im zehnten Arrondissement, wo Cortázar sein zweites Pariser Domizil aufgeschlagen hatte, eine Wohnung im dritten Stock, voll mit Büchern und Schallplatten.

Wird hier die Idee zu jener romantischen Expedition geboren, die ihn und seine dritte Ehefrau Carol Dunlop an einem Sonntag im Mai 1978 um Punkt 14.12 auf die Reise schickt, und klar doch, im Windschatten großer Namen, Kolumbus, Magellan, Marco Polo? Die Ahnherren werden zu Recht genannt, schließlich gilt es Grandioses zu entdecken: die Autobahn. Einen Monat lang sind die beiden in einem VW-Bus namens Fafnir unterwegs, Fafnir, der Umarmer, der Drache, eine Figur aus der nordischen Mythologie. Die Route führt von Paris nach Marseille, Rastplätze werden beehrt, Hexenjäger tauchen auf, Spione, Müllmänner.

Literarischen Niederschlag findet die Reise in einem Bordbuch, wie es kein zweites gibt: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Das Wunderbare im Banalen aufzuspüren, das Logische im Absurden, darauf verstand sich Cortázar seit seinen literarischen Anfängen.

Keine Schule und kein Ismus

1951 publizierte er seinen ersten Band mit Erzählungen, Bestiarium, eine Sammlung von acht Geschichten. Schon hier zeigt sich sein ungeheures Gespür für Figuren, nie stellt er sie bloß, nie gibt er sie der Lächerlichkeit preis. Die Erzählungen sprühen vor absurder Komik, sie pochen auf Freiräume für das Irrationale und zeugen von Cortázars Beschäftigung mit der Psychoanalyse, den Ideen des Existenzialismus und vor allem des Surrealismus. Letzteren verstand er keineswegs als literarische Spielart: "Surrealismus ist Weltanschauung", schrieb er 1948, "keine Schule und kein Ismus, der Versuch einer Aneignung der Realität, die die Realität selbst ist, im Gegensatz zu der aus Pappmaché."

Weitere Erzählungen folgen, sie bestechen durch Ambiguität und spielerischen Umgang mit Zeitebenen, besonders deutlich in Der Verfolger: In memoriam Charlie Parker. In seinen Erzählungen geht ein unmerklicher Riss durch die Wirklichkeit, nie weiß man, wo man sich befindet, im Realen, schon im Fantastischen? Und spielt das eine Rolle – realistisch, fantastisch, experimentell?

Immer sind seine Texte "ein Kampf wider den Pragmatismus und das gefährliche Zweckdenken", wie Cortázar in den Geschichten der Cronopien und Famen schrieb. Dieser Kampf ist im Spiel anzutreten, zu dem er seine Leserinnen und Leser einlädt.

Wohltuend gar nicht schert er sich um den Applaus von den Rängen des Zeitgeists, seine Erzählungen dienen sich keiner Erwartungshaltung an, damit werden sie bis heute vielem zum Vorwurf, was auf den Büchertischen landet.

Eine Tafel am Haus in der Rue Martel erinnert an den berühmten Bewohner. Sie weist ihn als argentinischen Schriftsteller und eingebürgerten Franzosen aus, als Autor der Marelle, so der französische Titel des 1963 publizierten Romans Rayuela, der laut Mario Vargas Llosa "einem Erdbeben gleichkam" und der zu den wichtigsten spanischsprachigen Werken des 20. Jahrhunderts zählt. "Dank Ra yuela lernten wir, dass Schreiben ei ne geistvolle Form war, sich zu vergnügen, dass es möglich war, die Geheimnisse der Welt und der Sprache zu erkunden und sich dabei zu amüsieren, und dass man im Spiel geheimnisvolle Lebenswelten erforschen konnte." Rayuela wie Marelle der Name eines Kinderspiels, hierzulande als Himmel und Hölle bekannt. Unter diesem Titel erschien das Buch 1981 in deutscher Sprache. Der Roman gestattet es, die Kapitel in beliebiger Reihenfolge zu lesen, Cortázar schlägt eine vor und öffnet somit allen denkbaren Kombinationen die Tür. So wird man Komplize in einem Spiel, dessen Regeln er vorgibt. Wer war dieser Mann?

Geboren wurde er am 26. August 1914 als Sohn argentinischer Eltern in Brüssel, „und zwar genau in dem Moment, in dem der deutsche Kaiser und seine Truppen dabei waren, Belgien zu erobern“, erklärte Cortázar 1977 in einem Interview. Während seine Mutter im Kreißsaal lag, habe sie das deutsche Trommelfeuer gehört.

Die Umstände seiner Geburt seien überhaupt nicht ungewöhnlich, aber doch ein wenig pittoresk gewesen. "Alles hing von dem Posten ab, den man meinem Vater gerade zugewiesen hatte." Sein Vater arbeitete an der argentinischen Botschaft. Infolge des Kriegsgeschehens zog die Familie zunächst in die Schweiz, dann nach Barcelona, immer begleitet von französischsprachigen Gouvernanten. Im Juli 1918 schließlich die Übersiedlung nach Argentinien, für die Mutter ein schwerer Schritt, auch für ihren Sohn, er sprach ein klägliches Spanisch mit auffallend französischem Akzent. Kaum hatte die Familie Fuß gefasst, kam es zur Trennung der Eltern, für Cortázar eine jähe Zäsur. Er sah den Vater nie wieder, wuchs bei seiner Mutter auf, mit seiner Schwester, der Großmutter und ei ner Tante in kleinbürgerlichen Verhältnissen in einem tristen Vorstadtviertel von Buenos Aires.

Für Farbe sorgte die Literatur, er las Jules Verne und Edgar Allan Poe, den er später wie Daniel Defoes Robinson Crusoe ins Spanische übersetzte. Er sei ein kränkliches Kind gewesen, seine Mitschüler nannten ihn „belgicano“, doch rasch lernte er, den unverwechselbaren argentinischen Ton fall zu sprechen. Zu seinem Verdruss habe der Schulalltag aus Memorieren bestanden, aber er machte aus der Not eine Tugend, eignete sich enzyklopädisches Wissen an.

Nach Abschluss der Schule geht Cortázar als Lehrer in die Provinz, seine ersten Kurzgeschichten entstehen. 1938 veröffentlicht er unter einem Pseudonym einen Gedichtband, die Lyrik wird ihn weiterhin begleiten. Ende der 1970er-Jahre erscheint in Frankreich eine Schallplatte mit Tangos, zu denen Cortázar die Gedichte schreibt.

Da ist er bereits ein gefeierter Schriftsteller, wovon 1938 nicht die Rede sein kann, die Auflage des Gedichtbands beläuft sich auf 250 Exemplare. Zehn Jahre später wird Das besetzte Haus, ein Meisterstück fantastischer Literatur, in einer von Jorge Luis Borges edierten Zeitschrift abgedruckt, was einer Adelung gleichkommt. Borges gehört zu den wenigen argentinischen Autoren, denen Cortázar Bewunderung entgegenbringt, die Wertschätzung beruht auf Ge genseitigkeit.

Mittlerweile lehrt Cortázar an einer kleinen Universität „Poesie von Baudelaire bis Mallarmé“, in einer zweiten Vorlesung behandelt er die englische Romantik. Er beteiligt sich an Protestaktionen gegen das von der Perón-Regierung verordnete Bildungsprogramm, verlässt die Universität. 1951 wird er auch das Land verlassen, ein Stipendium macht es möglich, er zieht nach Paris.

Ein Pariser Argentinier

"Julio Cortázar hatte absichtlich Buenos Aires verlassen, um ein Pariser Schriftsteller zu werden, ein Pariser Argentinier, ein Prozess, den er auf seine Weise in Rayuela erzählt hat", schreibt der chilenische Autor Jorge Edwards. Fest entschlossen, auch nach Ablauf des Stipendiums in Paris zu bleiben, arbeitet Cortázar für ei nen Exportbuchhändler als spanischer Übersetzer, verdingt sich als Packer, erhält schließlich eine Anstellung als Dolmetscher bei der Unesco. 1953 heiratet er ein erstes Mal, 1967 die zweite Ehe, die dritte 1979. Zwei Jahre später wird er französischer Staatsbürger.

Während seines ersten Pariser Jahrzehnts schließt er Freundschaften mit anderen spanischsprachigen Autoren, Octavio Paz, Mario Vargas Llosa. Dabei bleibt er immer ein Einzelgänger, es mag an seinem Wesenszug liegen, alles infrage zu stellen. Laut Vargas Llosa konnte man mit ihm befreundet sein, aber nie eine engere Beziehung eingehen. "Die Distanz, die er mit Hilfe eines Systems aus Höflichkeiten und Regeln aufrechtzuerhalten verstand, an die man sich halten musste, um seine Freundschaft zu bewahren, gehörte zum Zauber der Person: sie umgab ihn mit dem Nimbus eines gewissen Mysteriums."

Literarisch fühlt er sich nach wie vor Borges verwandt, dessen Fotografie einen Ehrenplatz inmitten von Schallplatten und Büchern hat. Oft wechselt er die Adressen, wohnt mal an der Place d’Italie im 13. Arrondissement, dann im siebenten in einem engen Appartement, später in einer schmalen zweistöckigen Wohnung an der Place du Général-Beuret,
an der Grenze zwischen den bürgerlichen Bezirken und jenen der Arbeiterschaft.

Er führt das Leben eines Bohemiens, immer mehr junge, aufstrebende Autorinnen und Autoren suchen seine Nähe, er spaziert mit ihnen durch die Stadt, angeblich begleitet von seiner Katze. Längst ist ihm Paris mehr als ein Ort, eine Anekdote: Er habe 1958, als während des Algerienkrieges Panzer durch die Straßen rollten, Angst gelitten, die Stadt, in der er sterben wollte, würde zerstört werden.

Eine Zeit des Wandels

Die ausgehenden 1950er-Jahre sind produktiv, es erscheinen die Erzählsammlungen Ende des Spiels und Die geheimen Waffen, 1960 der Roman Die Gewinner, eine grotesk-unheimliche Milieustudie, die auf einem Luxusliner spielt. Nach dem Erfolg von Ra yuela kehrt Cortázar zunächst zur Form der Erzählung zurück, der wunderbare Band Reise um den Tag in 80 Welten entsteht, Ende der 1960er-Jahre dann der Roman 62/Modellbaukasten. Der Titel verweist auf das 62. Kapitel von Ra yuela, in dem es heißt: "Schriebe ich diesen Roman, wären die Standardverhaltensweisen (inklusive der allerungewöhnlichsten, welche ihre Luxuskategorie sind) mit dem gebräuchlichen psychologischen Instrumentarium unerklärlich. Die Akteure würden als wahnsinnig oder völlig idiotisch erscheinen."

Cortázar weiß: Dreht man ein wenig am Regler der Wirklichkeit, gerät alles aus den Fugen. 62/Modellbaukasten, ein Spiel wiederum, aber sein Urheber macht in dieser Zeit einen Wandel durch, "den außergewöhnlichsten, den ich je bei einem Menschen erleben durfte", nennt es Mario Vargas Llosa.

Im Mai 1968 kann man Cortázar auf den Pariser Barrikaden sehen, er verteilt selbstverfasste Flugblätter, wünscht mit den Studenten „die Fantasie an die Macht“, engagiert sich fortan bis an sein Lebensende für den Sozialismus. Er verteidigt die Politik in Nicaragua und Kuba, wird zum Fürsprecher Castros – den Warnungen vieler Kollegen zum Trotz. Zahlreiche journalistische Arbeiten entstehen in den Folgejahren, anklagende Erzählungen und der Roman Album für Manuel.

Kuba hatte Cortázar bereits 1963 besucht, auch Nicaragua bereiste er. Dort erfuhr seine Frau Carol Dunlop von ihrer Krebserkrankung, er erhielt wenig später die gleiche Diagnose. Dunlop starb 1982, er überlebte sie um gut zwei Jahre. Ob er dem Krebs erlag, bleibt ungewiss. Eine Blutinfusion, die er aufgrund einer Magenblutung einige Jahre vor seinem Tod erhalten hatte, könnte ihn mit dem HI-Virus infiziert haben, den er auf seine Frau übertrug. Beide liegen auf dem Friedhof Montparnasse begraben. Bereits sterbenskrank, hatten sie Fafnir bestiegen und die Reise nach Marseille unternommen.

Innenwelt wie ein Kunstwerk

"Er war ein eminent privater Mensch, mit einer Innenwelt, die wie ein Kunstwerk konstruiert war", ist bei Mario Vargas Llosa zu lesen. Er beschreibt Cortázar als jemanden, "für den außerhalb der Literatur nichts von Bedeutung zu sein, ja überhaupt zu existieren schien." Zweifelsohne war er bis in die täglichen Erfahrungen hin ein von Poesie durchdrungen, aber er konnte sich auch für den Boxsport begeistern, für Dinosaurier, für Kaleidoskope, er ging gern in die Oper und liebte den Jazz.

Das bekamen García Márquez und Carlos Fuentes zu spüren, als sie auf Einladung von Milan Kundera nach Prag reisten, um den Prager Frühling zu unterstützen. Abfahrt Gare de Lyon, ein Nachtzug, an Schlaf nicht zu denken. Die drei im Speisewagen, bei Unmengen von Bier, elenden Würstchen und kalten Kartoffeln, wie sich García Márquez erinnerte. Irgendwann die Frage, durch wen das Klavier in den Jazz gekommen sei, und Cortázars Antwort beanspruchte die ganze Nacht. Er erzählte die Geschichte des Jazz von den Anfängen an, „er wusste absolut alles“, so Fuentes, das sei das Geheimnis von Cortázar gewesen, er habe immer viel mehr als andere gewusst, dies jedoch nie zur Schau gestellt. Er sprach unter Mithilfe seiner großknochigen Hände, wie García Márquez sie ausdrucksstärker bei keinem anderen Menschen je gesehen habe, mit einer tiefen, dröhnenden Stimme und zog dabei das R in die Länge. Cortázar. Ich ziehe das R in die Länge und zahle, weiß: Am Friedhof Montparnasse wird er erneut sein Spiel mit mir treiben. Aber der falsche Weg könnte immer der richtige sein, und so drehe ich wie jedes Mal Runde um Runde, ehe ich seinen Grabstein finde und dort die Grußbotschaften lese zwischen U-Bahn-Tickets und den Zeichen, dass gerade die eine oder der andere hier gewesen sind, auf eine Zigarette mit Cortázar.

Ich tauche ein in seine Gegenwelt, laufe durch sein Paris und lande vor Buchhandlungen in Wien, Berlin, irgendwo. In einer von geschmäcklerischen Normen diktierten Gegenwart sind selbst die saisonal ausgerufenen litera rischen Wunder berechenbar geworden. Nicht nur in diesem Sinn empfiehlt sich Cortázars Werk.

Für ihn war Literatur ein Spiel mit Möglichkeiten und erfüllte die Funktion, "uns für einen Moment aus unseren gewohnten Schub fächern zu holen und uns zu zeigen, dass vielleicht die Dinge nicht an dem Punkt enden, den unsere Denkgewohnheiten annehmen." (Christoph W. Bauer, Album, 16./17.8.2014)

Christoph W. Bauer, geb. 1968 in Kolbnitz, ist Schriftsteller und lebt in Innsbruck. Zuletzt erschien von ihm "In einer Bar unter dem Meer" (Haymon 2013).

  • Auf eine Zigarette mit Cortázar: Wer war dieser Mann? – "Er sah den Vater nie wieder, wuchs bei seiner Mutter auf, mit seiner Schwester, der Großmutter und einer Tante in kleinbürgerlichen Verhältnissen in einem tristen Vorstadtviertel von Buenos Aires. Für Farbe sorgte die Literatur."
    foto: epa/sara facio

    Auf eine Zigarette mit Cortázar: Wer war dieser Mann? – "Er sah den Vater nie wieder, wuchs bei seiner Mutter auf, mit seiner Schwester, der Großmutter und einer Tante in kleinbürgerlichen Verhältnissen in einem tristen Vorstadtviertel von Buenos Aires. Für Farbe sorgte die Literatur."

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