Supernackt oder bis aufs Hemd

Kolumne13. August 2014, 18:25
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Die Kfz-Werkstätte der Kaserne St. Michael verwendet Schrottautos statt Militärfahrzeuge für die Ausbildung ihrer Lehrlinge

An Nachrichten über die zunehmende Verelendung des österreichischen Bundesheeres hat man sich in den vergangenen Monaten schon gewöhnt, doch diese Meldung schaffte es trotzdem noch, nachhaltig zu verstören: Für die Kfz-Werkstätte der Kaserne St. Michael werden zivile Schrottautos angekauft, da aufgrund nicht mehr leistbarer Ersatzteile keine Militärfahrzeuge mehr vorhanden sind, an denen Lehrlinge ausgebildet werden können.

Der Zeitpunkt, an dem statt echter Waffen auf kostengünstigere Theaterrequisiten umgerüstet wird, scheint also nicht mehr fern. Schon jetzt hat der Beruf des Kostümbildners beim Heer Platz gefunden, denn laut Kurier-Bericht werden mittlerweile aus Einsparungsgründen alte Uniformhemden so umgeschneidert, dass sie wie neue Uniformen aussehen sollen.

Bleibt hier nur mehr das Resümee: "Das letzte Hemd hat keine Taschen"? Oder ein finaler Tagesbefehl: "Der Letzte macht das Licht aus"?

Nein, einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es noch. Originellerweise leuchtet dieser in Gestalt der eher unmilitärischen Erscheinung von Karl-Heinz Grasser, der seine medizinischen Atteste vom Kinderarzt bekommt und dazu in einem Krone-Interview unlängst meinte, "auf Capri sonst nur einen Gynäkologen zu kennen". (Die Entscheidung "zum Kinderarzt oder zum Gynäkologen" hat vermutlich im Hause Grasser zu intensiven Diskussionen geführt.)

Doch solche ärztliche Befunde auf dem Niveau eines Ansuchens um Befreiung vom Nachmittagsturnunterricht würden KHG bei drohenden Prozessen wenig nützen. Als hilfreicher könnte sich da ein plötzlicher Erinnerungsschub erweisen. Nämlich an ein Gespräch, das er als Finanzminister laut einem internen Prüfbericht des Eurofighter-Herstellers EADS mit seinen ehemaligen Parteikollegen Jörg Haider und Peter Sichrovsky im Jänner 2002 geführt hat.

Darin überrascht Grasser nicht nur durch seine später vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss heftig von ihm geleugnete Präferenz für den Eurofighter, sondern auch mit der Feststellung, eine Überschreitung des für den Fliegerankauf vorgesehenen Budgets von 2,2 Milliarden Euro sei "kein großes Problem". Eine Information, die von Sichrovsky flugs an EADS weitergeleitet wurde und die dort wohl angesichts ihrer Bedeutung für die preisliche Gestaltung des noch nicht abgegebenen Anbots für große Freude gesorgt hat.

Wenn Grasser nun vor Gericht einfallen sollte, warum mehr als 2,2 Milliarden Euro damals kein großes Problem waren, könnte das nicht nur bei auf ihn zukommenden Prozessen helfen, sondern auch den Fortbestand des Bundesheeres sichern. Die Rückabwicklung des Abfangjägerkaufes samt Rückerstattung der Kaufsumme ist nämlich laut Vertrag bei erwiesener Korruption möglich.

Und auch für den Fall, dass Grassers Gedächtnis und Mut an der Größe der Aufgabe scheitern sollten, gibt es Hoffnung auf ein Trostpflaster: Laut Nationalratsbeschluss von Ende Februar darf das österreichische Bundesheer Gerümpel im Ausland zurücklassen. Angesichts ihrer jährlichen Betriebskosten von 90 Millionen Euro würde eine Endlagerung der Eurofighter in der blauen Grotte vor Capri mehr als nur ein paar neue Hemden ermöglichen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 14.8.2014)

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