Ukraine auf der Suche nach neuem Hirten

13. August 2014, 17:46
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Wahl eines neuen Kirchenoberhaupts in Kiew Zerreißprobe für Moskauer Patriarchat

Kiew/Moskau - Proteste in Kiew, Gebete in Moskau: Über sechs Stunden benötigten die gut 80 Bischöfe der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden ukrainisch-orthodoxen Kirche, um sich auf einen Nachfolger für den Anfang Juli verstorbenen (aber seit langem schon handlungsunfähigen) Metropoliten Wladimir zu einigen: Dann endlich läuteten die Glocken im Kiewer Höhlenkloster: Onufri, der Metropolit von Czernowitz und Bukowina, seit Februar schon kommissarischer Statthalter in Kiew, wird nun offiziell der Oberhirte der ukrainisch-orthodoxen Kirche.

Onufri übernimmt das Amt in einer schweren Zeit für seine Gemeinde. Die Wahl selbst musste unter erhöhten Sicherheitsbedingungen abgehalten werden: Vor dem Kloster demonstrierten Dutzende nationalistische Aktivisten für ein Verbot der Kirche. Auf Plakaten hatten sie Losungen wie "Weg mit den Moskauer Popen" oder "Moskauer Patriarchat als Fluch für die Ukraine" geschrieben. Die feindliche Atmosphäre gegenüber der Kirche herrscht seit der russischen Übernahme der Krim, obwohl auch Onufri sie seinerzeit verurteilt hat und Kremlchef Wladimir Putin und Patriarch Kyrill in einem offenen Brief dazu aufrief, "Brudermord und Blutvergießen" zu verhindern.

Gespaltene Kirche

Dennoch gilt Onufri als moskaufreundlicher Geistlicher. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hätte wohl lieber den stärker proukrainisch orientierten Metropoliten von Winniza Simeon oder Metropolit Alexander als Kirchenoberhaupt gesehen. Letzterer hatte sich offen für eine Wiedervereinigung der seit Anfang der 90er-Jahre gespaltenen ukrainisch-orthodoxen Kirche ausgesprochen.

Schon damals hatte sich ein Teil des Klerus von Moskau losgesagt und Filaret als Patriarchen von Kiew ausgerufen. Andere orthodoxe Kirchen haben die Eigenständigkeit des Kiewer Patriarchats allerdings nicht anerkannt.

Unter den aktuellen Umständen ist die Debatte um eine eigenständige ukrainische Nationalkirche - neben den beiden genannten gibt es auch noch die einflussreiche autokephale orthodoxe Kirche im Land - so scharf wie nie zuvor. Auch Onufri muss sich den Tendenzen stellen. Die Autarkie seiner Kirche von Moskau ist groß. Kyrill versucht, die ukrainische "Filiale" der russischen Orthodoxie an der langen Leine zu lassen, um zusätzliche Spannungen zu vermeiden. Doch zur Beerdigung Wladimirs reiste er nicht nach Kiew - ein Indiz für die Ablehnung, die ihm derzeit selbst in seiner eigenen ukrainischen Glaubensgemeinde entgegenschlägt. (André Ballin, DER STANDARD, 14.8.2014)


  • Sicherheitskräfte vor dem berühmen Kiewer Höhlenkloster. Nach einer langen Sitzung stand der neue Metropolit fest. Foto: Reuters
    foto: reuters/gleb garanich

    Sicherheitskräfte vor dem berühmen Kiewer Höhlenkloster. Nach einer langen Sitzung stand der neue Metropolit fest. Foto: Reuters

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