Zu viel der Innenansicht 

13. August 2014, 17:25
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Szenen, die ebenso gut unter IS-Regie hätten entstehen können, und Bilder unsäglicher Gewalt wechseln einander in den Webreportagen ab

Der kleine Abdullah überlegt. Lange braucht er nicht, bis er die Antwort auf die Frage seines Vaters weiß: Dschihadist oder Selbstmordattentäter? "Dschihadist“ antwortet er mit einem Anflug von Stolz. Der Vater, Kämpfer für den "Islamischen Staat“, hätte sich wohl über beide Antworten gefreut. Vater und Sohn werden vom Reporter Medyan Dairieh interviewt, der für den Internet-Nachrichtenkanal "Vice News" aus Raqqa berichtet.

Die Reportagen "The Islamic State" erscheinen in fünf Teilen und dauern knapp zehn Minuten, Teil vier ging am Dienstag online. Die politischen Hintergründe kommen in den Filmen nur am Rande vor. Im Zentrum steht das von fanatischer Religiosität durchdrungene Weltbild der Extremisten, deren Perspektive, deren Feindbilder und deren Euphemismen. Von "positiver Intervention" spricht IS-Pressemann Abu Mosa, wenn die Scharia-Polizei "Hisbah“ durch die Straßen von Raqqa zieht. Zwar werden derartige Verharmlosungen durch Bilder, die einen wegen der schnellen Schnitte wie ein Blitz treffen, von unsäglicher Gewalt unterbrochen: Enthauptete Körper, die Köpfe auf einem Zaun aufgespießt.

Es dominieren aber Szenen, die ebenso gut unter Abu Mosas eigener Regie hätten entstehen können. Das ist offenbar der Preis dieser radikalen Innenansichten, wie sie für „Vice News“ schon aus der Mitte des Ku-Klux-Klan gedreht wurden. Die sich laufend wiederholenden "Kalifat!" oder "Tod den Ungläubigen!"-Rufe junger Männer, kombiniert mit herzlicher Kameradschaft innerhalb der Terrormiliz, versperren den Blick auf Zusammenhänge. "Mittendrin" muss nicht immer einen Erkenntnisgewinn bedeuten. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 14./15.8.2014)

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