Prozess in Korneuburg: Ein Christ und ein Mörder

13. August 2014, 18:59
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Ein 84-Jähriger soll versucht haben, seine Frau mit einem Jagdgewehr zu erschießen. Er bestreitet jede Tötungsabsicht

Korneuburg - "Kurt, du bist doch ein Christ und kein Mörder!", sagte Susanne W. in den frühen Morgenstunden des 14. Dezember zu ihrem 84-jährigen Mann - während er mit einem entsicherten Gewehr auf sie zielte. Ihr Appell zeitigte nur mäßigen Erfolg: "Ich bin ein Christ und ein Mörder", lautete seine Antwort.

Vor Helmut Neumar, dem Vorsitzenden des Geschworenengerichtes in Korneuburg, bestreitet der wegen Mordversuchs angeklagte Pensionist jede Tötungsabsicht. "Ich habe meine Frau nie, nie umbringen wollen", beteuert er.

Dass er mit seinem Jagdgewehr durch eine geschlossene Tür gefeuert und seine Gattin mit dem Durchschuss der Oberschenkel lebensgefährlich verletzt hat, bestreitet er zwar nicht. Aber das sei ein Unfall gewesen.

Ein Fehler in 85 Jahren

"Ich habe einen Fehler gemacht in meinem 85. Lebensjahr", ist seine Entschuldigung. Der Fehler sei nämlich gewesen, mit der geladenen Waffe in der Hand auf eine Aussprache mit seiner Frau zu drängen. Die war am Vorabend spät nach Hause gekommen, er hielt eine Affäre für möglich. Und außerdem ist er noch immer überzeugt, dass seine Frau sein Geld abgezweigt habe, wie er mehrmals empört feststellt.

Nach schlaflosen Stunden wollte er sie am Tatmorgen zur Rede stellen und weckte sie auf. "Ich wollte eine gute Ehe weiterführen", sagt der betagte Mann. Der ehemalige Polizist war bei der Hochzeit 52 Jahre alt, sie 19 - "aber sie wollte Kinder und ich auch". 30 Jahre lang habe es keine großen Probleme gegeben. Außer den Schwiegereltern. "Denen war sie hörig."

Verantwortung in der Ehe

Was ihm ganz offensichtlich nicht gepasst hat. "Kann es sein, dass Sie es nicht ganz ausgehalten haben, wenn Ihre Frau nicht nach Ihrer Pfeife tanzt?", fragt Vorsitzender Neumar den Angeklagten. "In der Ehe soll es so sein, dass jemand die Verantwortung hat", wird er von W. belehrt.

Verteidiger Rudolf Mayer weist darauf hin, dass sein Mandant nach einem Schlaganfall 1996 zwei Monate im Koma gelegen sei und sich danach sein Wesen verändert habe. Die Mordabsicht bestreitet aber auch er: "Die Waffe wurde nach unten gehalten und nicht auf Brusthöhe."

Gelegentlich kann einem Mayer direkt leidtun, denn W. schafft es durch seine Äußerungen, jeglichen etwaigen Mitleidseffekt zu zerstreuen. "Aber das Wichtigste ist, dass nix Schlimmes passiert ist!", freut er sich zur Fassungslosigkeit von Staatsanwältin Gudrun Bischof einmal. Erstaunen löst auch seine Bereitschaft aus, seine Frau zu pflegen. "Ich glaube, die hat daran kein Interesse", mutmaßt Bischof.

Das Gericht verurteilte ihn zu zwölf Jahren Haft. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 14.8.2014)

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