Ein altes Uhrwerk im teils dreistöckigen Dachboden

14. August 2014, 05:30
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Für Immobilienentwickler ist der Dachboden des Grazer Landhauses ein wohl unerreichbarer Traum

Graz - Das Landhaus in Graz ist der erste und zugleich auch bedeutendste Frührenaissancebau der Steiermark, dessen drei Innenhöfe in ihrer architektonischen Ästhetik dazu beitragen, das Image der Landeshauptstadt als südliche, ja mediterrane Stadt zu prägen. Über einen der Innenhöfe, den größeren, führt eine steinerne Treppe zum Sitz des Landesparlaments.

Vom Plafond im Sitzungssaal, der Landstube, hängen schwere Luster. Und in Momenten, wenn die eine oder andere Landtagssitzung in die Belanglosigkeit zu kippen droht und der Blick zufällig an den glitzernden Lichtkörpern an der Decke hängenbleibt, taucht unweigerlich die Frage auf, wo diese Monstren da oben ihre Halterungen haben.

Verschachtelte Konstruktion

Da bedarf es dann schon Werner Steinbauers, des hausmeisterlichen guten Geistes des Landhauses, Wissbegierige etliche Ebenen und Treppen höher in die Dachböden dieses jahrhundertealten Baus zu führen, um dieser Frage nachzugehen. Und gleich zu Beginn des Rundganges unterm Dachfirst findet sich die Erklärung, wie diese mordsschweren Kronleuchter fixiert sind. Sie sind derart fest mit Seilen an einem quer liegenden Dachbalken montiert, dass noch eher das Dach einstürzt, als dass die Luster im Plenum landeten.

Was auf den zweiten Blick auffällt: Es zeugt von hoher Sachkenntnis und handwerklicher Fertigkeit, wie hier in diese verschachtelte, alte Tramkonstruktion die Rohre und Verkabelungen für die klimatische und elektronische Versorgung der Landstube angepasst wurden.

Zur Historie: Oswald Lienschenberger und Jakob Hebenbau hießen die beiden Tischler, die sich um 1570 über den Dachboden des nach den Plänen des italienischen Architekten Domenico dell'Allio gebauten Landhaues hermachten. In den Grundfesten steht der Dachboden noch heute auf deren damals gesetzten Originaltramen. Im Laufe der Zeit wurden sie verstärkt und - bedingt durch die Notwendigkeit neuer Installationen wie etwa Halterungen für ORF-Übertragungskabel - adaptiert.

Stellenweise öffnet sich der Dachbodenraum dreistöckig zu einem sehenswerten Beispiel alter Dachkonstruktionskunst. Für Immobilienentwickler wohl ein unerreichbarer Traum: ein Penthouse der Luxuskategorie.

Waffendepot

Bis ins 17. Jahrhundert wurden hier auch Waffen gelagert, bei genauem Hinschauen kann man noch heute die alten Halterungen entdecken. Später wurden sie ins angrenzende Zeughaus - die weltweit größte erhaltene, historische Waffenkammer - transferiert. Es wird erzählt, dass sich hier im Dachboden gar schauerliche Dinge ereignet hätten. Gefangene aus dem Landhausverlies seien hier aufgehängt worden. "Blödsinn", sagt der wissenschaftliche Leiter des Zeughauses, Leopold Toifl. Es gab zwar ein Gefängnis, aber nur für Tagediebe.

Von wirklich musealem Charakter ist das alte Uhrwerk im Dachboden, dessen Pendelgewichte aus alten Steinen bestehen und die noch lose herumliegen. Vom kleinen Uhrturm aus, der über eine enge uralte Holzwendeltreppe erreichbar ist, öffnet sich ein Postkartenpanorama, wenn Steinbauer die antiken Messingblechluken öffnet: Graz von oben, von einer völlig neuen Perspektive. Links das Wahrzeichen, der Uhrturm auf dem Schloßberg, rechts der Dom, unten die belebte Herrengasse.

Ein wenig getrübt ist der Rundblick durch die Vergitterungen der Luken, die einen Schutz vor den Tauben bieten sollen. Der einzigartige Blick über die Altstadt von Graz entschädigt einen aber auch für dieses kleine Manko. (Walter Müller, DER STANDARD, 14.8.2014)

  • Graz von oben: Blick vom Dachboden des Grazer Landhauses auf die Altstadt.
    foto: walter müller

    Graz von oben: Blick vom Dachboden des Grazer Landhauses auf die Altstadt.

  • Ein altes Uhrwerk.
    foto: walter müller

    Ein altes Uhrwerk.

  • Rohre und Verkabelungen wurde später hinzugefügt.
    foto: walter müller

    Rohre und Verkabelungen wurde später hinzugefügt.

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