Breitenecker "hätte völlig andere strategische Herangehensweise für ORF"

13. August 2014, 17:34
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Der ProSiebenSat.1Puls4-Chef über den Song Contest, die Champions League, Werbelockerungen und Gebührenkürzungen für den ORF - und warum der eine Video-Plattform für alle finanzieren sollte

STANDARD: Hätte sich Wien für eine neue Halle in St. Marx entschieden statt der Stadthalle - Sie hätten von Ihrem Büro direkten Blick auf den Song Contest haben können, und die Gegend hier wäre wohl noch etwas belebter.

Breitenecker: Natürlich ist es schön, wenn hier etwas entsteht. Ein einmaliger Event ist aber nur beschränkt interessant. Eine große Veranstaltungshalle hier würde uns freuen, ebenso mehr Medienunternehmen, mehr Start-ups oder auch Musik- und Entertainmentfirmen. Die Grundidee der Stadt Wien für dieses Areal finde ich gut. Das Media Quarter hat aber schon noch Entwicklungspotenzial.

STANDARD: Der ORF hat sich nun schon zweimal gegen Sankt Marx entschieden - bei seiner Firmenzentrale und nun mit Wien beim Song Contest für die Stadthalle. Sie können aber auch nicht erwarten, dass der ORF-Chef Alexander Wrabetz Ihre Nähe sucht, wenn Sie ihm mit einer Beschwerde über Champions-League-Rechte "die Zeit stehlen". Das beklagte er zuletzt im STANDARD-Interview, und wie er eigentlich dazu kommt.

Breitenecker: Diese Aussage hat mich doch erstaunt, denn wenn er rechtmäßig gehandelt hätte und die Wettbewerbsregeln des ORF-Gesetzes eingehalten worden wäre, wäre alles friedlich zwischen uns. Paragraf 31c verbietet dem ORF, mit Gebührengeldern wettbewerbsverzerrend umzugehen und insbesondere Senderechte zu "überhöhten, nach kaufmännischen Grundsätzen nicht gerechtfertigten Preisen" zu kaufen.

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Champions-League-Qualifikation: Könnte sein, dass Puls 4 doch noch die eine oder andere Partie mit Red Bull Salzburg zeigt.

STANDARD: Der ORF-Chef scheint nach der mündlichen Verhandlung wenig Chancen für die Beschwerde zu sehen.

Breitenecker: Das ist wohl eher taktisches Geplänkel. Im Gegenteil: Die mündliche Verhandlung hat einen unserer Kernvorwürfe bestätigt. Es war erkennbar, dass der ORF scheinbar keine nachvollziehbare kaufmännische Berechnung, geschweige denn eine kaufmännische Rechtfertigung für den überhöhten Rechtepreis im Wettbewerb vorlegen kann.

STANDARD: Wrabetz sagt: Nicht einmal bei Privatsendern muss Werbung um die Übertragung die Kosten von solchen Sportübertragungen hereinspielen.

Breitenecker: Dann hat er unsere Beschwerde nicht gelesen: Wir sagen nicht, der ORF muss die Champions League ausschließlich mit Werbung finanzieren. Er könnte die Champions League werbefrei senden wie das ZDF und zu 100 Prozent mit Gebühren finanzieren.

STANDARD: Was hätte Wrabetz also überlesen?

Breitenecker: Er darf nicht mehr bieten, als kaufmännisch gerechtfertigt ist in einem Wettbewerb.

STANDARD: Und was ist nach Ihrer Ansicht kaufmännisch gerechtfertigt?

Breitenecker: Was ein durchschnittlich effizient arbeitender Fernsehsender in Österreich wirtschaftlich sinnvollerweise für die Champions League bieten kann - ob dann ein öffentlich-rechtlicher Sender aus Werbung oder Gebühren finanziert, ist unerheblich. Er darf nur aufgrund seines Gebührenprivilegs nicht überhöhte Preise zahlen.

STANDARD: Der ORF argumentiert: Bei der Champions League wären Sie zuletzt auch dann nicht zum Zug gekommen, wenn der ORF nicht geboten hätte - auch ATV hätte mehr geboten als Sie.

Breitenecker: Wer geboten hat, ist nicht offengelegt - ob ATV, ob Servus TV oder jemand anderer. Im Gegensatz zum ORF darf allerdings ein Privater überhöhte Preise bezahlen. Also selbst wenn ein anderer Privater mehr geboten hätte, wäre das ein Punkt für uns. Der ORF hätte dann nicht nur uns, sondern auch einen möglicherweise höher bietenden Privatsender überboten. Und zwar so weit überboten, dass es überhaupt keine zweite Bieterrunde gegeben hat. Wenn nicht der ORF so weit überzahlt hätte, hätte es eine zweite Bieterrunde gegeben, in der wir hätten nachbessern können.

STANDARD: Sie sollen rund 2,5 Millionen Euro geboten haben, der ORF vier Millionen.

Breitenecker: Alle Gebote unterliegen der Geheimhaltung der UEFA. Ich kann daher die Zahlen nicht bestätigen. Aber grundsätzlich kann ich sagen: Der ORF hat unserer Vermutung nach mindestens doppelt so viel geboten wie wir.

STANDARD: Aber Sie haben weniger geboten, als Sie bisher zahlten.

Breitenecker: Auch das stimmt nicht. Wir haben in der Relation etwa gleich viel geboten, aber das Rechtepaket war etwas kleiner. Wir haben geboten, was kaufmännisch zu rechtfertigen war - und selbst bei dieser Summe ist der Business-Case schon grenzwertig.


STANDARD: ÖVP-Mediensprecher Gernot Blümel hat gerade ein Paket von medienpolitischen Maßnahmen vorgeschlagen, das für alle wesentlichen Player die eine oder andere Verbesserung vorsieht. War für Sie auch etwas dabei?

Breitenecker: Positiv ist jedenfalls, dass die Politik Medienpolitik macht und nicht nur ORF-Politik. Und er hat einige gute Ideen in dem Paket - und ein paar gut gemeinte.

STANDARD: Was gemeinhin als Gegenteil von gut gilt. Welche finden Sie nur gut gemeint?

Breitenecker: Zum Beispiel die Idee, so weit in die Erwerbstätigkeit von Kabelnetzbetreibern und Satellitenbox-Herstellern einzugreifen, dass man ihnen die Reihung der Kanäle vorschreibt. Das ist gut gemeint, aber europarechtlich geht dieser Eingriff zu weit.

STANDARD: Würden Sie dagegen vorgehen?

Breitenecker: Nein. Nur wenn ORF-Spartenprogramme dann plötzlich vor Puls 4 gereiht wären, dann würden wir das selbstverständlich. Wenn ORF Sport Plus damit etwa von Platz 17 auf Platz drei vorgereiht würde, wäre das ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in den Wettbewerb, ein ORF-Protektionismus. Aber ich glaube nicht, dass eine solche gesetzliche Reihung eine Chance hat - weder europarechtlich noch bei Österreichs Verfassungsjuristen.

STANDARD: Sie vereinbaren solche Vorreihungen für Ihre Kanäle mit dem Elektrohandel oder den Herstellern - für Geld oder andere Gegenleistungen.

Breitenecker: Geld nicht.

STANDARD: Also Gegengeschäfte

Breitenecker: Es sind normale privatwirtschaftliche Content-Kooperationen. Wir geben Sticker auf die Receiver für die Österreich-Programmierung - und diese Receiver verkaufen sich auch besser. Wir machen das mit Inhalten - alle Sender mit österreichischen Inhalten kommen in die Österreich-Programmierung. Allerdings alle - also ORF 1 und 2 auf den Plätzen eins und zwei, ATV auf drei, PULS 4 auf vier, SAT.1 Österreich und so weiter. Da wird kein Mitbewerber ausgeschlossen.

STANDARD: Wenn man von der nicht gerade kleinen Konkurrenz IP absieht - die RTL-Programme in Österreich vermarktet.

Breitenecker: Weil die kein Österreich-Programm haben.

STANDARD: Es gibt immer wieder Kontakte zwischen dem ATV-Eigentümer und der RTL-Gruppe über einen Kauf des österreichischen Privatsenders. Dann hätten auch die - wie Sie mit PULS 4 - österreichische Programme.

Breitenecker: Für die RTL-Gruppe wäre es gar nicht so leicht, mit ATV nachzumachen, was wir mit PULS 4 bei ProSiebenSat.1 gemacht haben. Das hat doch einige Jahre Entwicklungsarbeit gebraucht. Ob man bei einem teuren Kauf und jahrelanger Aufbauarbeit das schnell nachholen könnte, weiß ich nicht.

STANDARD: Wobei man anfügen muss: ATV ist schon auf einem Marktanteilslevel, den PULS 4 sich erarbeiten musste.

Breitenecker: Es ist jedenfalls gut für das Privatfernsehen, wenn es ATV gibt.

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Kein Schulterschluss, aber ein Shakehands mit der ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner bei den Medientagen 2013.

STANDARD: Was finden Sie an den Vorschlägen Blümels nicht nur gut gemeint, sondern gut? Als Konkurrent wird Ihnen vermutlich gefallen, dass der ÖVP-Mediensprecher den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF präzisiert sehen will.

Breitenecker: Man kann sicher noch einmal den Versuch unternehmen, Details klarzustellen. Vielleicht ist das aber auch gar nicht notwendig, weil der Verwaltungsgerichtshof das ohnehin klarstellt.

STANDARD: Der sich gerade mit der Frage beschäftigt, wie man angemessene Anteile von Information, Kultur, Sport und Unterhaltung im ORF-Programm zu verstehen hat.

Breitenecker: Wenn der Verwaltungsgerichtshof das nicht so tun sollte, wäre es natürlich sinnvoll, klar gesetzlich festzulegen, was die Experten und ausgewiesenen Kenner der Materie bei der Medienbehörde KommAustria dazu erarbeitet haben. Sie haben in ihrer Entscheidung über die ORF-Programmbeschwerde nicht die Wünsche der Privatsender erfüllt, sondern weitergedacht und einen konkreten Lösungsvorschlag festgelegt.

STANDARD: Also festzuhalten, dass nicht Ausgewogenheit über das gesamte ORF-Angebot gemeint ist, sondern einzelne Kanäle zählen, wie das auch Blümel fordert.

Breitenecker: Jedes Vollprogramm muss die Ausgewogenheit erfüllen und nicht der ORF insgesamt - sonst bleiben die Programmkriterien so schwammig wie "Musikstadt Wien" als Begründung für den Song-Contest-Standort.

STANDARD: Weniger begeistert sind Sie vermutlich von Blümels Vorschlag, das ORF-Gesetz beim Sendungssponsoring zu lockern.

Breitenecker: Eine weitere Lockerung der Werbemöglichkeiten für den ORF ist undenkbar. Und wenn man die Werberegeln doch lockert, dann muss man die Gebühren reduzieren. Sonst wird der Wettbewerb noch weiter verzerrt.

STANDARD: Und einfacherer Zugang zu Social Media für den ORF.

Breitenecker: Ich kann noch nachvollziehen, dass man Social Media inhaltlich lockert. Dann müssen aber die Werbebeschränkungen verstärkt werden. Sonst würde man ihm noch mehr kommerzielle Möglichkeiten erlauben. Zusätzliche kommerzielle Möglichkeiten für den ORF, ohne gleichzeitig die Gebühren zu reduzieren, sind verheerend für den Weg zu einem ausgewogenen Rundfunksystem.


STANDARD: Aber der letzte Punkt im Paket wird Ihnen wieder gefallen: ein Leistungsschutzrecht, damit etwa Suchmaschinen Medien Inhalte abgelten müssen, die sie kommerziell nutzen.

Breitenecker: Das ist der wichtigste Punkt. Das hat mich fast schon beeindruckt: Ich habe das Gefühl, dass Gernot Blümel (ÖVP) und Medienminister Josef Ostermayer (SPÖ) uns da verstehen, dass wir einen nationalen, einen europäischen Schulterschluss brauchen. Und dass wir die Aktivitäten von Google - die teilweise rechtswidrig sind, aber auch in den Bereichen, wo sie teilweise legal sind, den Markt behindern - in eine rechtlich geordnete Bahn bringen. Dazu gehört das Leistungsschutzrecht. Es kann nicht sein, dass wir Inhalte produzieren und Google beziehungsweise Youtube sie ohne unsere Zustimmung kapitalisieren. Viele Medien leben stark von den Zugriffen über Google. Daher muss der europäische Gesetzgeber, im ersten Schritt der nationale Gesetzgeber die Medien selbst dann schützen, wenn sie einen Deal mit Google machen. Spanien ist vorgeprescht und regelt genau diesen Fall. Das sollte Vorbild sein. Es geht um eine Gleichstellung von Google - bei der Verwertung, Werberegeln, Datenschutz, bei Unternehmens- und Werbesteuern, Arbeitsplätzen - mit anderen, insbesondere Rundfunk-Medien. Das gehört konvergent geregelt.

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STANDARD: Sie haben die Google-Tochter Youtube geklagt, weil PULS-4-Inhalte dort hochgeladen werden, zugleich arbeiten Sie mit Youtube zusammen.

Breitenecker: Einerseits arbeiten wir mit Youtube zusammen, da man aufgrund der Quasi-Monopol-Stellung auch keine großen Alternativen hat. Bei Studio 71 kooperieren wir gut und zu beidseitigem Vorteil: Wir nehmen Künstler, Webstars, Aktivisten unter Vertrag, machen Videos mit ihnen, die laufen auf unseren Kanälen und auf Youtube, und wir vermarkten sie. Da ist Youtube integriert in einen gesamten Deal. Andererseits haben wir aber noch keine Vereinbarung über Inhalte von PULS 4. Und solange wir darüber verhandeln, soll es keine urheberrechtswidrige Verwertung geben - auch wenn Dritte die Inhalte hochladen.

STANDARD: Welche Abgeltung stellen Sie sich denn für PULS-4-Inhalte vor? Zehn Prozent, 20, 30 Prozent der Einnahmen mit diesen Inhalten?

Breitenecker: Von unseren Inhalten? Wollen wir mehr! Prinzipiell ...

STANDARD: ... wollen Sie 100 Prozent.

Breitenecker: Ja. Aber wenn sie uns besondere Vorteile bieten, kann es sein, dass wir ihnen einen Teil abgeben. Aber von unseren Inhalten, die wir teuer herstellen, müssen wir auch die Einnahmen haben. Sonst zahlt sich das ja nicht aus. Bei den PULS-4-Produktionen zur Champions League ist es schon bei 100 Prozent schwierig.


STANDARD: Sie sprechen gern vom Schulterschluss, meist gegen Google. Nun verhandeln Zeitungshäuser und ORF über eine Art Schulterschluss: Der ORF stellt anderen Medien Nachrichtenvideos für ihre Webseiten zur Verfügung, die Werbeeinnahmen drumherum sollen ORF und Zeitungshäuser sich teilen.

Breitenecker: Aus der Sicht des ORF wäre das natürlich genial: Sämtliche Medien-Webseiten als riesige Promotion-Plattform für ORF-Content mit Logo und dafür auch noch 30 Prozent der Werbeumsätze einstreifen, die dem ORF auf seinen News-Seiten verboten sind. Selbst wenn 100 Prozent der Werbeeinnahmen bei den Trägerseiten bleiben würden, wäre das noch super für den ORF. Aber mit ORF-gebrandeten Inhalten kann man keine Eigenständigkeit aufbauen, man ist abhängig von einem Content-Lieferanten, dessen Logo draufsteht. Ich finde es unfair, dass der ORF die österreichischen Verlage da schlechter behandelt als die internationalen Internetgiganten - jeden Tag blendet die "ZiB" das Facebook-Logo ein. Auch auf Youtube wird hingewiesen, wenn man die Videos zeigt - dafür fließt aber kein Geld. Das ist geschenktes Product-Placement.

STANDARD: Ihr Unternehmen hat damit ja Erfahrung: Sie hatten mit "Österreich" und oe24.at eine Bewegtbild-Kooperation.

Breitenecker: Ich bitte um Verständnis, zu dieser Kooperation aus der Vergangenheit möchte ich nichts sagen.

STANDARD: ProSiebenSat.1 PULS 4 produziert auch Nachrichten für Österreich. Fühlen Sie sich von Zeitungshäusern links liegen gelassen, weil die lieber mit dem ORF verhandeln? Reden die nicht mit Ihnen?

Breitenecker: Nein, wir sind im Gespräch mit vielen Zeitungshäusern. Die großen machen nach unseren Informationen auch nicht bei der ORF-Kooperation mit. Ich bin auf der Seite der Verleger und finde, man sollte dafür sorgen, dass der ORF nicht diskriminierend vorgeht im Vergleich zu seinem Umgang mit den internationalen Web-Giganten.


STANDARD: Wo wir schon im Internet unterwegs sind: Fürchten Sie sich vor Netflix, die Bezahl-Abrufplattform startet ja Mitte September auch in Österreich.

Breitenecker: Ich bin nur ein bisschen neidisch wegen dieses unglaublichen Hypes, den die schaffen - obwohl wir als ProSiebenSat.1 PULS 4 bereits mit Maxdome Austria die marktführende Video-on-Demand-Plattform haben. Wir haben dort mehr Rechte als Netflix. Netflix ist zwar in Amerika äußerst erfolgreich - aber in Europa liegen die Rechte an ihrer einzigen prominenten, selbstgemachten Serie - "House of Cards" - bei Sky und im Free TV bei uns, auf unserem gerade neu gestarteten Sender Pro Sieben Maxx Austria. Und bei Maxdome können Sie im Gegensatz zu Netflix auch ganz aktuelle Blockbuster auf Pay-per-View kaufen. Ein Content und Service, den Netflix gar nicht anbietet.

STANDARD: Wenn Sie von Marktführung sprechen, haben Sie doch sicher Zahlen, aus denen Sie das schließen.

Breitenecker: Ich werde keine konkreten Abonnentenzahlen nennen, aber in Deutschland, wo der Video-on-Demand-Markt aufgrund mehrerer Anbieter bereits viel fortgeschrittener ist, sind wir die Nummer eins. Und in Österreich sind wir auch mit der Entwicklung zufrieden. Wir freuen uns auf Netflix. Die gehen mit hohem Marketingbudget in neue Märkte - und werben auch im Free TV.

STANDARD: Haben sie bei Ihnen schon gebucht?

Breitenecker: Dazu kann ich leider nichts sagen.

foto: flimmit screenshot

STANDARD: Der ORF hat gerade Flimmit, ein Bezahl-Abrufportal für Filme und Serien gekauft. Auch ein Versuch, Netflix etwas entgegenzusetzen.

Breitenecker: Dass der ORF hier eine zusätzliche, rein kommerzielle Tätigkeit aufnimmt, ist natürlich wieder problematisch. Ich würde es als ORF für strategisch wesentlich sinnvoller halten, wenn man so eine Plattform organisiert und alle in Österreich Interessierten einlädt, an einer gemeinsamen, vielleicht genossenschaftlich organisierten Plattform den amerikanischen Multis etwas entgegenzustellen. Das gilt übrigens nicht nur für Video-on-Demand, das gilt genauso für Suchmaschinen, für Free-Video-Plattformen.

STANDARD: Schon wieder ein Appell zum Schulterschluss?

Breitenecker: Ja, wir müssen unsere nationale Kleinkonkurrenz ein bisschen zurückstellen und uns zusammenschließen, um dem digitalen Tsunami aus Amerika zu widerstehen. Wenn es da ein staatlich subventioniertes Kulturinstitut wie den ORF gibt, das wir ja brauchen, damit die Demokratie und die Mediendemokratie funktioniert - dann soll dieses Institut diesen nationalen Zusammenschluss organisieren und finanzieren. Also sollte der ORF alle auf eine Plattform wie Flimmit einladen, die mitmachen wollen - und Flimmit nicht als rein kommerzielle Aktivität anlegen, um die Gebührenzahler noch einmal abzuzocken. Aber ich weiß, dass ich da eine völlig andere strategische Herangehensweise für den ORF hätte als die derzeitige Führung: Meiner Ansicht nach hat ein öffentlich-rechtliches hochsubventioniertes Kulturinstitut nicht die Funktion, den kommerziellen Wettbewerb zu gewinnen, geschweige denn den Wettbewerb zu behindern.

STANDARD: Was wollen Sie einbringen?

Breitenecker: Wir würden unsere Aktivitäten einbringen, mit unserem Studio 71 vermarkten wir auch Webstars. Man kann das aber auch neu aufbauen. Man muss nur eine Österreich-Strategie entwickeln, vielleicht in Kooperation mit anderen europäischen Ländern und Medienunternehmen mit lokaler Wertschöpfung.

STANDARD: Wettbewerbsbehörde und Kartellgerichte könnten dazwischenfunken - wie in Deutschland bei Plattformen von ARD/ZDF beziehungsweise RTL und Ihrem Mutterkonzern ProSiebenSat.1

Breitenecker: Das glaube ich nicht. Wenn sich Nichtmonopolisten zusammenschließen, ist das total legitim. In Deutschland gab es damals den De-facto-Monopolisten Google in dieser Form in dem Markt noch nicht. Aber gegen so einen Marktbeherrscher ist es quasi das kartellrechtliche Notwehrrecht, sich zusammenzuschließen, um einen Markt zu schaffen. Eigentlich sollten wir dazu von den Behörden aufgefordert werden.


STANDARD: Wie viele Menschen nützen in Österreich bisher Web-Plattformen für zeitversetzten Programmabruf?

Breitenecker: In Österreich ist das unter einem Prozent der Fernsehnutzung. Im Europaschnitt liegt der Wert bei rund drei Prozent, in den USA auch noch immer zwischen zehn und 15 Prozent. Free TV ist nach wie vor das Leitmedium.

STANDARD: Die Arbeitsgemeinschaft Teletest (AGTT), deren Obmann Sie sind, arbeitet an Daten über die Fernsehnutzung in verschiedenen Medien.

Breitenecker: Der funktionierende Media-Server, der die Nutzung der verschiedenen Medien gemeinsam erhebt, ist ein schönes Beispiel für eine Interessengemeinschaft. Seit 1. Juli ist die erste Hauptstudie im Feld. Erste Ergebnisse werden wir im Herbst 2015 veröffentlichen. Bis dahin werden 15.000 Interviews zur gestrigen Mediennutzung geführt. Wir werden damit erstmals vergleichbare Zahlen zur Nutzung der verschiedenen Medien bekommen, zur Parallelnutzung von Mediengattungen, Zielgruppennutzung im Tagesverlauf, Exklusivnutzung von Medien ...

STANDARD: Die Daten dürften Printmedien nicht so ganz freuen, höre ich nach der Pilotstudie.

Breitenecker: Zudem gibt der Media-Server uns digitalen Bewegtbildunternehmen detaillierten Einblick in Veränderungen des Mediennutzungsverhaltens und damit wichtige Anhaltspunkte für unsere Angebotsgestaltung für den Zuseher.

STANDARD: Und wie ändert sich die Mediennutzung?

Breitenecker: Ich muss da erwartungsvoll auf den Herbst 2015 verweisen.

STANDARD: Aber die Teletest-Daten mit minutengenauen Reichweiten muss es weiter geben?

Breitenecker: Muss es nicht. Aber noch sind wir der Meinung, dass wir das anbieten wollen.

STANDARD: Die AGTT macht nun auch Gattungsmarketing fürs Fernsehen

Breitenecker: Das ist noch ein Paradebeispiel für einen (inter)nationalen Schulterschluss, in diesem Fall von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Wir zeigen mit gemeinsamen Studien, wie gut das Leitmedium Fernsehen, wie gut Bewegtbild wirkt. Die Plattform nennt sich Wirkstoff TV.


STANDARD: Jetzt haben wir eine Dreiviertelstunde über Fernsehen und Medien gesprochen - was zeigen Sie eigentlich im Herbst Neues, neben der nächsten "Topmodel"-Staffel, erstmals mit männlichen Models?

Breitenecker: Es wird ein sehr intensiver, heißer Herbst.

STANDARD: Weil?

Breitenecker: Weil wir neue Programme, Free-TV-Premieren und eine PULS-4-News-Offensive planen. Wir verändern einiges im Newsbereich, teils Feinjustierungen, teils richtige Relaunches. Wir versuchen völlig neue Zugänge zu News für junge Leute zu entwickeln und zu finden. Mehr dazu kommunizieren wir Ende August.

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STANDARD: Geht's ein bisschen anschaulicher?

Breitenecker: Leider noch nicht. Aber mittel- bis langfristig wollen wir als ProSiebenSat.1 PULS 4-Gruppe eine 24-Stunden-Redaktion für Bewegtbildnews aufbauen. Wir haben das Frühstücksfernsehen mit einer relativ großen Redaktion ab vier Uhr früh und am Abend "Guten Abend Österreich". Wir wollen über den ganzen Tag alle Sender aus einer 24-Stunden-Bewegtbildredaktion bespielen.

STANDARD: Allein oder in Kooperation?

Breitenecker: Durchaus in Kooperation.

STANDARD: Mit Verlagen

Breitenecker: Ja, mit Verlagen, mit anderen Medienanbietern, mit Telekom-Unternehmen - es gibt mehrere Gesprächspartner, mit denen wir verhandeln.

STANDARD: Aus der Redaktion könnte man auch gleich einen Newskanal - vielleicht auch webbasiert - bespielen.

Breitenecker: Das möchte ich heute auf keinen Fall ankündigen.

STANDARD: Was ist hier mittel- bis langfristig?

Breitenecker: In der zweiten Hälfte 2015 ankündigen für 2016.

STANDARD: Kann man Ihnen dazu Näheres herauskitzeln?

Breitenecker: Ich fürchte nein.

Markus Breitenecker (45) baute ab 1998 für den deutschen TV-Konzern ProSiebenSat.1 in Österreich die größte private Fernsehgruppe mit Werbe- und Programmfenstern sowie Puls 4 auf - die er seit damals führt. Er ist Obmann der Arbeitsgemeinschaft Teletest (AGTT) und Vizepräsident des Privatsenderverbandes.

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