Breitenecker "hätte völlig andere strategische Herangehensweise für ORF"

13. August 2014, 17:34
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Der ProSiebenSat.1Puls4-Chef über den Song Contest, die Champions League, Werbelockerungen und Gebührenkürzungen für den ORF - und warum der eine Video-Plattform für alle finanzieren sollte

STANDARD: Hätte sich Wien für eine neue Halle in St. Marx entschieden statt der Stadthalle - Sie hätten von Ihrem Büro direkten Blick auf den Song Contest haben können, und die Gegend hier wäre wohl noch etwas belebter.

Breitenecker: Natürlich ist es schön, wenn hier etwas entsteht. Ein einmaliger Event ist aber nur beschränkt interessant. Eine große Veranstaltungshalle hier würde uns freuen, ebenso mehr Medienunternehmen, mehr Start-ups oder auch Musik- und Entertainmentfirmen. Die Grundidee der Stadt Wien für dieses Areal finde ich gut. Das Media Quarter hat aber schon noch Entwicklungspotenzial.

STANDARD: Der ORF hat sich nun schon zweimal gegen Sankt Marx entschieden - bei seiner Firmenzentrale und nun mit Wien beim Song Contest für die Stadthalle. Sie können aber auch nicht erwarten, dass der ORF-Chef Alexander Wrabetz Ihre Nähe sucht, wenn Sie ihm mit einer Beschwerde über Champions-League-Rechte "die Zeit stehlen". Das beklagte er zuletzt im STANDARD-Interview, und wie er eigentlich dazu kommt.

Breitenecker: Diese Aussage hat mich doch erstaunt, denn wenn er rechtmäßig gehandelt hätte und die Wettbewerbsregeln des ORF-Gesetzes eingehalten worden wäre, wäre alles friedlich zwischen uns. Paragraf 31c verbietet dem ORF, mit Gebührengeldern wettbewerbsverzerrend umzugehen und insbesondere Senderechte zu "überhöhten, nach kaufmännischen Grundsätzen nicht gerechtfertigten Preisen" zu kaufen.

apa
Champions-League-Qualifikation: Könnte sein, dass Puls 4 doch noch die eine oder andere Partie mit Red Bull Salzburg zeigt.

STANDARD: Der ORF-Chef scheint nach der mündlichen Verhandlung wenig Chancen für die Beschwerde zu sehen.

Breitenecker: Das ist wohl eher taktisches Geplänkel. Im Gegenteil: Die mündliche Verhandlung hat einen unserer Kernvorwürfe bestätigt. Es war erkennbar, dass der ORF scheinbar keine nachvollziehbare kaufmännische Berechnung, geschweige denn eine kaufmännische Rechtfertigung für den überhöhten Rechtepreis im Wettbewerb vorlegen kann.

STANDARD: Wrabetz sagt: Nicht einmal bei Privatsendern muss Werbung um die Übertragung die Kosten von solchen Sportübertragungen hereinspielen.

Breitenecker: Dann hat er unsere Beschwerde nicht gelesen: Wir sagen nicht, der ORF muss die Champions League ausschließlich mit Werbung finanzieren. Er könnte die Champions League werbefrei senden wie das ZDF und zu 100 Prozent mit Gebühren finanzieren.

STANDARD: Was hätte Wrabetz also überlesen?

Breitenecker: Er darf nicht mehr bieten, als kaufmännisch gerechtfertigt ist in einem Wettbewerb.

STANDARD: Und was ist nach Ihrer Ansicht kaufmännisch gerechtfertigt?

Breitenecker: Was ein durchschnittlich effizient arbeitender Fernsehsender in Österreich wirtschaftlich sinnvollerweise für die Champions League bieten kann - ob dann ein öffentlich-rechtlicher Sender aus Werbung oder Gebühren finanziert, ist unerheblich. Er darf nur aufgrund seines Gebührenprivilegs nicht überhöhte Preise zahlen.

STANDARD: Der ORF argumentiert: Bei der Champions League wären Sie zuletzt auch dann nicht zum Zug gekommen, wenn der ORF nicht geboten hätte - auch ATV hätte mehr geboten als Sie.

Breitenecker: Wer geboten hat, ist nicht offengelegt - ob ATV, ob Servus TV oder jemand anderer. Im Gegensatz zum ORF darf allerdings ein Privater überhöhte Preise bezahlen. Also selbst wenn ein anderer Privater mehr geboten hätte, wäre das ein Punkt für uns. Der ORF hätte dann nicht nur uns, sondern auch einen möglicherweise höher bietenden Privatsender überboten. Und zwar so weit überboten, dass es überhaupt keine zweite Bieterrunde gegeben hat. Wenn nicht der ORF so weit überzahlt hätte, hätte es eine zweite Bieterrunde gegeben, in der wir hätten nachbessern können.

STANDARD: Sie sollen rund 2,5 Millionen Euro geboten haben, der ORF vier Millionen.

Breitenecker: Alle Gebote unterliegen der Geheimhaltung der UEFA. Ich kann daher die Zahlen nicht bestätigen. Aber grundsätzlich kann ich sagen: Der ORF hat unserer Vermutung nach mindestens doppelt so viel geboten wie wir.

STANDARD: Aber Sie haben weniger geboten, als Sie bisher zahlten.

Breitenecker: Auch das stimmt nicht. Wir haben in der Relation etwa gleich viel geboten, aber das Rechtepaket war etwas kleiner. Wir haben geboten, was kaufmännisch zu rechtfertigen war - und selbst bei dieser Summe ist der Business-Case schon grenzwertig.

Markus Breitenecker (45) baute ab 1998 für den deutschen TV-Konzern ProSiebenSat.1 in Österreich die größte private Fernsehgruppe mit Werbe- und Programmfenstern sowie Puls 4 auf - die er seit damals führt. Er ist Obmann der Arbeitsgemeinschaft Teletest (AGTT) und Vizepräsident des Privatsenderverbandes.

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