Gegenwind für Österreichs Biobauern

14. August 2014, 05:30
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Den heimischen Landwirten gelang mit der nachhaltigen Bewirtschaftung eine echte Erfolgsgeschichte. Zuletzt ist das Biowunder ins Stocken geraten

Österreich ist Europameister, zumindest in Sachen Biolandbau. Ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche wird hierzulande ökologisch bewirtschaftet. Deutschland bringt es auf knapp sechs Prozent und liegt damit marginal über dem EU-Schnitt. Auch Österreichs Konsumenten spielen mit und legen für Biolebensmittel in manchen Produktkategorien gut und gerne das Doppelte hin.

Doch mit dem Biowunder könnte es bald vorbei sein, fürchten Branchenvertreter. Der Schweizer Agrarwissenschafter Urs Niggli, Verfechter einer modernen Biolandwirtschaft, stellt der heimischen Agrarpolitik in Sachen Bio zwar ein tadelloses Zeugnis aus, ortet aber eine Wende. "Österreich ist das einzige Land, das sich im Aktionsplan der EU ein Ziel von 20 Prozent vorgenommen und auch erreicht hat. Jetzt entsteht der Eindruck, dass man meint, es sei genug."

Stillstand auf hohem Niveau

Tatsächlich kommt die ökologische Wirtschaft schon länger nicht vom Fleck. Die Zahl der Biobetriebe stagniert seit einigen Jahren bei rund 21.000. Auch die ökologisch bewirtschaftete Fläche wächst kaum noch und liegt derzeit bei rund 520.000 Hektar. Auf Produzentenseite herrscht damit nach zwanzig Jahren konsequenter Förderung Stagnation - trotz scheinbar hinreichend finanzieller Zuwendung.

30 Prozent der heimischen Agrarförderung lukrierte die Branche für die großteils weniger intensive und weniger ertragreiche Bioproduktion im letzten Jahr für sich. Der natürliche Strukturwandel ist ein Teil der Erklärung - dass manche wegen zu hoher Anforderungen wieder ausgestiegen sind, ein anderer. Auch der Umstand, dass es seit 2010 wegen des Auslaufens eines Förderzyklus faktisch für vier Jahre einen Einstiegsstopp für neue Biolandwirte gab, fällt ins Gewicht. Nach einer Übergangslösung startet die neue Periode 2015. Die Krux: Wer umstiegswillig ist, muss sich jetzt entscheiden und kauft damit die Katze im Sack. Denn auch das komplexe Förderregime wird auf neue Beine gestellt. Was dabei herauskommt, weiß man im Herbst, wenn die EU das heimische Programm für ländliche Entwicklung absegnet.

Frage der Wirtschaftlichkeit

Die Bioförderung soll zwar um zwölf Prozent auf 111,9 Millionen Euro steigen, für Niggli besteht dennoch kein Zweifel, dass der mit der biologischen Wirtschaftsweise verbundene Aufwand nicht abgegolten wird: "Nimmt man alle Fördermaßnahmen zusammen, kann man konventionell fast wirtschaftlicher produzieren. In Deutschland sind schon viele erfahrene Biobauern ausgestiegen."

Was die Branche weiters in Aufruhr versetzt, ist die neue EU-Bioverordnung, deren Entwurf EU-Kommissar Dacian Ciolos jüngst präsentierte. Die Stoßrichtung der Kritik, die auch der grüne Agrarsprecher Wolfgang Pirklhuber teilt: Eine Totalreform könnte kleinere Biobetriebe empfindlich treffen. Dabei will die EU-Kommission mit dem Vorstoß das Vertrauen der Konsumenten stärken.

Einerseits, indem sie von den Produzenten mehr Natur verlangt. Denn auch die Biobranche kommt nicht ohne konventionelle Zutaten aus. Andererseits, indem sie die Kontrollmechanismen verändert. Immerhin tauchen wiederkehrend Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und Düngern in Bioprodukten auf. Auch groß angelegte Biobetrügereien durch mafiöse Firmengeflechte, die von der Ukraine über Kasachstan bis nach Italien reichten, wirbelten ordentlich Staub auf. Konventionelle Rohstoffe wurden damals im großen Stil als "bio" verkauft. Für die Branche, die ohnedies immer wieder ihre höheren Preise und Förderungen rechtfertigen muss, sind solche Skandale Gift.

Rudi Vierbauch, Obmann des größten heimischen Bioverbands, stellt einen Reformbedarf auch gar nicht in Abrede. Seiner Ansicht nach ist aber zu wenig praxisorientiert, was da aus Brüssel kommt. Derzeit dürfen etwa Biobauern bei Geflügel und Schweinen bis zu fünf Prozent konventionell zufüttern. Zukünftig soll das Futter zu 100 Prozent bio sein. Schön und gut, findet auch der Ökolandwirt Martin Tragler: "Das Ziel hatten wir immer, eine Lösung muss man aber erst finden." Seine 1800 Bio-Hennen auf dem Hof in Schlierbach füttert er schon länger 100 Prozent bio. Die Mischung - Erbsen, Ackerbohnen, Kürbiskuchen sind Teil davon - müsse vielfältig und möglichst regional sein. "Wo ich das herkriege, das ist die Frage", so Tragler. Er arbeitet mit Keimlingsgetreide. 30.000 Euro hat er in eine Software investiert, die den Keimungsprozess überwacht. Bei der schrittweisen Abschaffung von Ausnahmeregelungen wünscht er sich Rücksichtnahme auf die Umsetzbarkeit.

Umstrittener Grenzwert

Umstritten ist auch ein möglicher Pestizid-Grenzwert so niedrig wie heute für Babynahrung. Rudi Vierbauch zweifelt, dass das machbar ist: "Den Nachbarn können wir nicht gut verbieten, konventionell zu wirtschaften, und dem Wind nicht, Pflanzenschutzmittel zu verwehen." Verständnis hat er einzig für das geplante Verbot, nur Teile des Betriebs, etwa die Viehzucht, auf Bio umstellen zu dürfen. Niggli hingegen sieht die neuen Regeln im Großen und Ganzen unbeschwert. Ihm macht vor allem das Vakuum zwischen Angebot und Nachfrage Sorge.

Denn Bio ist auch ein wachsendes Geschäft: Der globale Markt wird mit rund 64 Milliarden US-Dollar, 41 Prozent davon in Europa, taxiert. Rund sieben Prozent ihres Einkaufsbudgets legen die Österreicher für Öko-Produkte hin. Die Landwirte kommen mit der Produktion in manchen Bereichen gar nicht nach. Und der Handel ortet weiteres Potenzial. Spar erzielte 2013 in diesem Segment ein Umsatzplus von zwölf Prozent.

Auch Rewe sieht noch jede Menge Luft nach oben, sowohl auf Konsumenten- als auch auf Produzentenseite. Martina Hörmer, Chefin der Rewe-Marke "Ja!Natürlich", ortet aber genau da ein Nadelöhr. Der Branche mangele es an Pioniergeist: "08/15-Produkte wie Weizen oder Fleisch gibt es genug. Wo es spezifischer und anspruchsvoller wird, wird es eng." Linsen, Mohn, Kümmel, Koriander, Essiggurkerln, Zwetschken, Milch von Kühen, die ganztags weiden: Hörmer hat eine lange Liste an Produkten, die sie wirklich gut brauchen könnte. Niggli wittert auch über die Grenzen hinaus Chancen: "Österreichische Bioerzeugnisse haben ein wahnsinnig gutes Image."

Konsumenten gefragt

Dass das reicht, ist für Wifo-Agrarexperte Franz Sinabell keineswegs eine klare Sache. Deswegen hält er die eingeschlagene Richtung - so der Entwurf tatsächlich umgesetzt wird - für richtig: "Jetzt geht es darum: Lässt sich der Konsument von der 'Bio ist auch nicht besser'-Kampagne überzeugen, oder gelingt es, Bioprodukte attraktiver zu machen?" Martina Hörmer nimmt aber auch die Produzenten in die Pflicht: Nachdem die konventionellen Betriebe in Sachen Tierschutz nachgezogen seien, müsste die Biobranche jetzt ebenfalls einen Schritt weitertun und sich "auch am Markt und nicht nur am Preis orientieren." (Regina Bruckner, DER STANDARD, 14.8.2014)

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