Jetzt essen! Heidelbeeren

13. August 2014, 16:41
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Warum die wilden Beeren nur als Blaublüter satisfaktionsfähig sind, erklärt Severin Corti

Was gibt es Schöneres, als mit dunkelblauen Zähnen und ebensolcher Zunge vom Spaziergang im Wald heimzukehren? Eigentlich nur, dass man zusätzlich zu den in situ vernaschten noch einen Korb voll Waldheidelbeeren mit heimbringen kann – und, weil sie bekanntlich gern beieinander gedeihen, gleich ein Schüppel Steinpilze dazu.

Wobei: Es heißt schön langsam schnell sein. Im Pinzgau ("Moosbeeren“) und im steirischen Mürztal ("Schwarzbeeren“) ist die Erntezeit dem Vernehmen nach gerade am Höhepunkt, während es im Waldviertel schon rasant dem Ende zugeht.

Aromabomben versus "Blaubällchen"

Der herbe, süße, unverschämt wilde Geschmack der kleinen Aromabomben lässt einen alle Augustwochen wieder rätseln, wie es sein kann, dass unter demselben Namen auch dicke Saftproppen verkauft werden dürfen, die mit dem echten Zeugs nur die Hautfarbe gemein haben. Echt jetzt: Kulturheidelbeeren, die kaum zufällig aus Nordamerika zu uns gefunden haben, sollen meinetwegen als "Blaubällchen“, "Saftkugeln“ oder unter sonst einem marketingkompatiblen Namen verhökert werden – Heidelbeeren im wahren, alpinen und/oder nordischen Sinn sind es jedenfalls keine.

Selbst Mitmenschen mit zertifiziertem Holzgaumen können das erkennen, weil nämlich nur echte Heidelbeeren die Kraft haben, Zahn und Zunge in prächtige Blau- und Violett-Töne zu tauchen. Das ist auch der Grund, warum die Heidelbeere seit mehr als 1000 Jahren als königliche Frucht dokumentiert ist, zumindest der Legende nach. König Harald Blauzahn nämlich, der Stammvater der bis heute ununterbrochen regierenden dänischen Königsfamilie, war ein tapferer, heidnischer Wikinger (ließ sich später eh taufen), dessen stolzer Beiname angeblich auf seine immense Schleckermäuligkeit in Sachen Heidelbeeren (frisch wie eingekocht) zurückgeht, was ihn bei Audienzen als nicht immer gesellschaftsfähige Erscheinung auftreten ließ.

foto: reuters/fedosenko
Nur echte Heidelbeeren haben die Kraft, Zahn und Zunge in Blau- und Violett-Töne zu tauchen.

Aber genug Geschichte, es geht hier schließlich ums Essen. Bei Heidelbeeren ist vielleicht noch mehr als bei allen anderen guten Dingen, Purismus die Devise. Was nicht vor Ort von der Hand in den Mund gefunden hat, kann daheim eigentlich nur auf eine legitime Art genossen werden: Mit dickem, nicht geschlagenen Obers und einem zaghaften Löffelchen Zucker – kristallenem wohlgemerkt, damit es auch ja ein bissl zwischen den Zähnen knirscht. Wer dann immer noch genug im Körbchen hat, darf meinetwegen an elaboriertere Rezepte denken.

An Schwarzbeerschmarrn zum Beispiel, eine Abart des Kaiserschmarrns ohne Vanille, wo statt der Rosinen massenhaft Heidelbeeren in den Teig gekippt werden, auf dass sich dieser in tiefes, unergründliches Purpur färbe. Böhmischen Köchinnen wird eine Abart in Form von Heidelbeerliwanzen, diesfalls aber erst nach dem Backen und mit ordentlich Smetana versehen auf die Dalken gelöffelt, ein Begriff sein.

Auch ein simpler Buttermürbteig, als Tarte vorgebacken, mit Heidelbeeren aufgefüllt und fertiggebacken, sodann mit Crème fraîche zu Tisch gebracht, ist eine zulässige Verabreichungsform.

Wer partout nicht selber in den Wald findet, dem sei einmal mehr Feinkost Böhle in der Wollzeile, 1010 Wien, als Quelle für zuverlässig wild gesammelte Heidelbeeren empfohlen. Dort gibt es dieser Tage auch einen gemeingefährlich guten Schokokuchen ohne Mehl, bei dem reichlich Heidelbeeren den Weg in die Backmasse gefunden haben. Ist natürlich eine völlig illegitime Verabreichungsform der königlich köstlichen Beeren. (Severin Corti, derStandard.at, 13.8.2014)

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