Söhne in Massengrab gefunden: Bosnierin kämpft um kleine Pension

13. August 2014, 12:06
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Republika Srpska zweifelt an, dass Männer zivile Opfer des Bosnienkriegs waren

22 Jahre nachdem ihre sechs Söhne und ihr Ehemann am 23. Juli 1992 aus ihrem Haus verschleppt und danach ermordet worden waren, hat Hava Tatarević heuer ihre körperlichen Überreste identifiziert. Sie waren kürzlich in dem Massengrab Tomašica bei Prijedor gefunden worden.

Doch nun, wenige Wochen nach dem Begräbnis am 20. Juli, hat Frau Tatarević ein Schreiben vom Ministerium für Arbeit, Kriegsveteranen und den Schutz für Behinderte der Republika Srpska (RS) bekommen, in dem angezweifelt wird, dass ihre Söhne und ihr Mann zivile Opfer der ethnischen Säuberungen im Raum Prijedor waren. Und das ist für die 76-Jährige sehr demütigend. "Sie weint nur mehr, aber sie kämpft", sagt Sudbin Musić, der mit seinem Verein "Prijedor – 92" für die Rechte der Opfer eintritt.

"Die Behörden der Republika Srpska versuchen so zu tun, als wären es keine Zivilisten gewesen, die getötet wurden, sie versuchen den Genozid zu vertuschen“, sagt Musić.

Perfider Zynismus der Behörden

Die Geschichte: Bereits im Jahr 2004 hat Frau Tatarević von einem Gericht bescheinigt bekommen, dass ihre Söhne und ihr Mann zivile Opfer des Kriegs waren. Ab 2007 konnte man um eine Pension ansuchen, wenn man ein Angehöriger von zivilen Opfern war. Frau Tatarević hat daher 90 Monate lang 150 Bosnische Mark, also 75 Euro bezogen.

Doch sie hatte eigentlich Anspruch auf ein bisschen mehr Geld. Denn die Behörde hatte ihr nur so viel Geld zugesprochen, wie dies jemandem zusteht, der ein Familienmitglied verloren hat, aber nicht so wie Frau Tatarević sieben Familienangehörige. Sie hat also eine Beschwerde eingereicht, doch statt dass ihr Recht anerkannt wurde, reagierte das Ministerium mit perfidem Zynismus. Der Frau wurde der gesamte Anspruch auf die Pension gestrichen mit dem Argument, dass es unklar sei, ob ihre Söhne und ihr Mann "zivile Opfer" waren.

Die Beweise würden "nicht ausreichen, die Umstände ihres Verschwindens oder Getötetwerdens festzulegen" oder auszusagen, ob "diese Personen in Kriegsgeschehnissen starben oder ob die Morde eine Konsequenz eines kriminellen Vorgehens, das von unbekannten Verbrechern durchgeführt wurde, waren", heißt es in dem Schreiben. Mit einem Wort: Die Behörden der Republika Srpska wollen offenbar nicht anerkennen, dass die Opfer, die in Tomašica gefunden wurden, Opfer von ethnischen Säuberungen waren, die damals politisch, militärisch und administrativ organisiert worden waren. Sie insinuieren, dass es sich um "irgendwelche" Morde gehandelt haben könnte.

Ethnische Säuberungen

Den ethnischen Säuberungen in der Region rund um Prijedor, die im Mai 1992 begannen, fielen etwa 3.200 Menschen (die meisten von ihnen Bosniaken, aber auch Kroaten) zum Opfer. 60 Prozent der Opfer wurden vor ihren Familienmitgliedern erschossen. Insgesamt wurden in der Region 96 Massengräber gefunden, das größte in Tomašica erst im Vorjahr. Hier wurden versteckt in einem alten Bergwerk 800 Leichen verscharrt. Die Söhne von Frau Tatarević konnten leicht identifiziert werden, anhand ihrer Kleidung, aber auch anhand der körperlichen Überreste. Denn die Leichen wurden so tief im Berg verscharrt, dass viele von ihnen mumifiziert wurden.

Die ethnischen Säuberungen, die durch die Armee der bosnischen Serben und durch serbische "Sicherheitskräfte" gleich zu Beginn des Kriegs in Prijedor durchgeführt wurden, waren nach dem Genozid in Srebrenica die schlimmsten Verbrechen, die in Bosnien-Herzegowina verübt wurden. Ganze Dörfer wurden entvölkert, tausende Menschen erschossen oder in Konzentrationslager gebracht, wo wiederum viele getötet, vergewaltigt oder gefoltert wurden. Den ethnischen Säuberungen ging eine massive antibosniakische und antikroatische mediale Propaganda voraus.

Von Beamten hinausgeschmissen

"Das ist jetzt eine neue Form der Diskriminierung von Nichtserben, das hat System", kritisiert Musić die Vorgangsweise des Ministeriums im Fall Tatarević. "Jetzt müssen alle Angehörigen beweisen, dass die Opfer Zivilisten waren. Da wird so getan, als wären die Opfer im Massengrab in Tomašica Soldaten oder Extremisten gewesen." Musić erzählt von Fällen, wo Leute, die um eine Pension ansuchten, von Beamten grob "hinausgeschmissen" wurden. Er befürchtet nun sogar, dass Frau Tatarević die Pension, die sie erhalten hat, zurückzahlen muss. Die 76-Jährige lebt völlig allein, zwei weitere Söhne und eine Tochter leben im Ausland.

Ein weiteres Detail der Geschichte ist beklemmend. So wurde der Bescheid, mit dem Frau Tatarević die Pension entzogen wurde, bereits im Jänner verfasst, ihr allerdings niemals zugestellt. Auf dem Brief stand, dass sie nach Deutschland verzogen sei, was überhaupt nicht der Fall war. Nur durch eine Vermittlung einer Bekannten hat Frau Tatarević überhaupt Kenntnis von dem Schreiben bekommen. Sie hatte zwar bemerkt, dass sie keine Pension mehr bekam, allerdings war ihr zu dem Zeitpunkt nichts mehr wichtig, weil ihre Söhne und ihr Mann in dem Massengrab gefunden worden waren. "Als die ersten Dokumente von einem Sohn in Tomašica gefunden wurden, hat sie monatelang geweint", erzählt Musić.

Republika Srpska investiert in Image

Tatarević hat danach alle ihre Angehörigen identifiziert. Nun muss sie den Antragsprozess für eine Verbliebenenpension neu starten.

Die Frage der ethnischen Säuberungen in Prijedor 1992 rührt an das Selbstverständnis der Republika Srpska, des kleineren Landesteils von Bosnien-Herzegowina. Die derzeitige Führung der RS forciert eine Abspaltung von Bosnien-Herzegowina, dessen Einheit aber im Friedensvertrag von Dayton garantiert ist. Die RS investiert deshalb in ein besseres Image. Die ethnischen Säuberungen in Prijedor sind dabei sicherlich nicht dienlich. Das Ministerium für Arbeit wurde vom STANDARD um eine offizielle Stellungnahme im Fall Tatarević gebeten, die allerdings noch nicht eingelangt ist. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 13.8.2014)

  • Angehörige der Opfer beten vor dem Massengrab bei Prijedor.
    foto: reuters/dado ruvic

    Angehörige der Opfer beten vor dem Massengrab bei Prijedor.

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