Blut ist der einzige Rohstoff im Überfluss

Kommentar der anderen12. August 2014, 17:20
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Zwei Traumata, ein Mechanismus und kein Verständnis füreinander im Heiligen Land

Die direkte Begegnung zwischen verfeindeten "Fremden" gilt als einer der wichtigsten Schritte zum Frieden. Im Heiligen Land trennt momentan eine acht Meter hohe Betonmauer seine Bewohner. Israelis und Palästinenser kennen einander daher kaum, obwohl sie sich eine Stadt, das gleiche Land, ja sogar dieselben Propheten teilen. Diese gegenseitige Unkenntnis ist das gröbste Problem des palästinensisch-israelischen Konfliktes.

Um sich kennenzulernen, müssten beide Völker sich direkt begegnen können. Eine solche Begegnung muss immer auf zwei Ebenen stattfinden: der physischen und der psychischen. Die physische Begegnung zwischen Palästinensern und Israelis wird derzeit von einer 750 Kilometer langen Mauer, unzähligen Checkpoints, Militäranlagen, Sonderregelungen und Verboten verhindert. Psychische Begegnung wäre dagegen vor allem das Verständnis der Seele des anderen, das heißt ein Wissen um die jeweiligen Wunden.

Für die Palästinenser ist diese Wunde das Trauma der Vertreibung: Von einem Tag auf den anderen zusehen zu müssen, wie das eigene Haus von Bulldozern zerstört und Familienmitglieder eingesperrt oder umgebracht werden; den Rest des Lebens wartend im Flüchtlingslager verbringen zu müssen, in der ewigen Hoffnung, an einen Ort wie Haifa oder Jaffa zurückzukehren, obwohl es diese längst auch in Israel nicht mehr so gibt, wie es die Erinnerung immer noch vortäuscht. Ganze Generationen werden damit von einer Sehnsucht am Leben gehalten, die niemals Realität werden wird. Rechtlos zu sein, das ist die Konsequenz aus der Vertreibung der Palästinenser, und das Streben nach Gerechtigkeit der Wunsch, dieses Trauma zu lindern.

Trauma der Vernichtung

Die Wunde der Israelis ist der Holocaust, das Trauma der Vernichtung. Nie wieder werden diese Menschen es zulassen, dass sie umgebracht, vergast und namenlos gemacht werden. Die Lehren aus dem Holocaust haben jedoch, wie es der Historiker Jehuda Elkana 1988 ausdrückte, zwei Völker hervorgebracht: eine kleine Minderheit, die behauptet, es solle nie wieder passieren, und eine furchterfasste Mehrheit, die behauptet, es soll nie wieder uns passieren. Diese Mehrheit will nun in Sicherheit leben um jeden Preis, und der Preis ist momentan das Gefängnis für die Palästinenser und deren Leiden. Wehrlos zu sein, das ist die Konsequenz aus der Vernichtung der Juden; das Streben nach Sicherheit die vermeintliche Medizin, um dieses Trauma zu lindern.

Israel wird aber nie sicher sein, solange die Palästinenser rechtlos sind. Israel wird nie seine Angst vor Vernichtung verlieren, wenn es Palästinenser weiter durch Vertreibung traumatisiert und die Wunden beider Seiten beständig bluten. Blut ist und bleibt der einzige Rohstoff, den das Heilige Land im Überfluss hat, nicht zuletzt weil die Traumata dieser beiden Völker so eng miteinander verwoben sind. Solange beide in die Wunden des anderen stechen, werden sie immer mit dem bezahlen, was ihnen selbst am teuersten ist: Israelis mit Sicherheit und Palästinenser mit Gerechtigkeit.

Keine Mauer der Welt wird die Traumata der beiden Völker trennen können, nur ein aufrichtiges Wissen um den anderen und dessen Wunden wird das Geflecht der Ängste entwirren. "Nie wieder!" muss hier wie im Rest der Welt für alle gelten, nicht nur für eine der beiden Seiten. "Nie wieder!" bedeutet daher nicht zuletzt auch, dass die Vergangenheit Vergangenheit bleiben muss, wenn die Region ernsthaft Frieden will. (Kathrin Bachleitner, DER STANDARD, 13.8.2014)

Kathrin Bachleitner studiert in Oxford und arbeitet in Ramallah gemeinsam mit der Palästinensischen Autonomiebehörde am Aufbau von demokratischen Institutionen.

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