Bank-Volkswirte senken Wachstumsprognosen

12. August 2014, 13:57
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Wien - Angesichts der Krisen rund um Ukraine/Russland und den Nahen Osten (Gaza, Irak) senken die Ökonomen der heimischen Banken ihre Wachstumsprognosen für heuer. Stefan Bruckbauer von der Bank Austria und Peter Brezinschek von Raiffeisen rechnen für 2014 mit kaum noch über einem Prozent BIP-Plus, sagten sie am Dienstag zur APA; Wifo und IHS hatten zuletzt noch rund eineinhalb Prozent Anstieg erwartet.

Vor allem die Exporte und die Investitionen seien "die Enttäuschung", so Bruckbauer. Wie bereits das 1. Vierteljahr werde nun bei der BIP-Entwicklung auch das 2. Quartal enttäuschen. Diesen Donnerstag legt das Wifo seine erste Schätzung für März bis Juni vor. Da werde es "irgendwas zwischen Null und 0,2 Prozent geben", rechnet der Bank-Austria-Chefökonom mit einem bescheidenen Quartalswachstum.

Für Brezinschek besteht sogar "die Gefahr einer Stagnation im 2. Quartal", er erwartet eine Null - nicht nur für Österreich, sondern auch für die Eurozone, deren Daten dann ebenfalls fast vollständig vorliegen sollen. Für das Gesamtjahr 2014 gehe sein Haus derzeit für Österreich für das BIP-Wachstum von einer Range von real 1,0 bis 1,3 Prozent Plus aus, wobei "die Tendenz eher in Richtung untere Grenze des Bandes" gehe. Wifo und IHS hatten Ende Juni 1,4 bzw. 1,5 Prozent prognostiziert, für 2015 dann 1,7 bzw. 1,9 Prozent. Bruckbauer hält für 2015 durchaus noch ein Wachstum von 1 1/2 bis 2 Prozent für möglich, "vor allem wenn sich die Krisensituationen entspannen".

Aus Sicht des Research-Chefs der Erste Group, Friedrich Mostböck, haben heuer "die Enttäuschungen eigentlich schon zu Jahresbeginn begonnen", sagt er fast wortgleich wie Bruckbauer, schon damals habe es zur Konjunktur "zu viele Unsicherheitsfaktoren" gegeben, zu denen die Verschärfung der Lage in Syrien sowie Ukraine/Russland noch dazu gekommen sei. Eine Bodenbildung an den Börsen hänge primär von der weiteren Ukraine/Russland-Entwicklung ab, "wir wissen ja noch nicht, ob sich die Situation dort befrieden lässt". Mit den Sanktionen habe "Russland ein wirklich erhebliches Problem", denn den immensen Gas- und auch Ölausfuhren Richtung Westen stehe nur ein Prozent des EU-BIP an Unionsexporten nach Russland gegenüber.

Kürzerer Ast

Brezinschek meint, Moskau wisse ganz genau, dass man bei den Sanktionen notfalls am kürzeren Ast sitzt, "denn wenn in Europa die Konjunktur zurückgeht wird weniger Gas gekauft wird und es sinken dafür auch noch die Preise". Die Russen wüssten, "sie können Europa nicht in den Krisenmodus schicken, weil sie im gleichen Boot sitzen", sagt der Raiffeisen-Research-Chef. Über den Importstopp sollten die Agrarier nicht jammern, denn er betreffe nur etwas über ein Drittel der Agrarausfuhren nach Russland; für die gesamte EU seien es 3 1/2 bis 4 Mrd. von insgesamt 120 Mrd. Euro Agrarexporten, "das ist nicht die Welt, wenn auch vielleicht schmerzhaft für einzelne Betriebe". Für die nächsten Wochen erwartet Brezinschek, dass zur Ukraine "etwas Bewegung auf der diplomatischen Ebene in Gang kommt".

Deutschlands Wirtschaft könnte im 2. Quartal stagniert sein, nimmt Brezinschek an - wie dies im Konsens sogar für die gesamte Eurozone erwartet wird; möglicherweise stehe beim Nachbarland sogar ein Minus von 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal an. Im 1. Quartal war Deutschland mit +0,8 Prozent noch Konjunktur-Lokomotive - das zweite Halbjahr sehe er mit Zuversicht und bleibe den 1,8 Prozent Plus für Deutschland im Gesamtjahr. Jetzt divergiere das Bild in Europa aber stark: Italien habe im 2. Vierteljahr das zweite Quartalsminus in Folge hingelegt (-0,2 nach -0,1 Prozent), dafür sei das Plus in Spanien mit 0,6 Prozent ganz ordentlich gewesen, denn annualisiert seien das immerhin 2 1/2 Prozent.

Die Korrektur an den Börsen könnte laut Brezinschek im 2. Halbjahr zu Ende gehen: Es sei eine Erholung bei Aktien möglich, falls sich die Russland/Ukraine-Krise entschärft. Bestimmende Faktoren seien die Geopolitik und die Geldpolitik. Im 2. Halbjahr sollte man besser günstig Aktien kaufen statt in den vermeintlich sicheren Hafen Staatsanleihen zu gehen, rät der Raiffeisen-Experte. Für Renten bestehe 2015 eine Rückschlagsgefahr. Denn die EZB werde bis Ende 2015 "nichts tun": Das komme den USA zugute, stärke den Dollar und belebe so die europäischen Exporte.

Eine Zinserhöhung durch die US-Fed erwartet Brezinschek schon für März 2015, obwohl der Konsens damit erst für das 3. Quartal 2015 rechnet. Zur Erklärung verweist er auf die schon seit einiger Zeit über 2 Prozent liegenden US-Inflation; da werde sich Fed-Chefin Janet Yellen nicht mehr länger hinter angeblich unvollständigen Arbeitsmarktzahlen verstecken können. Die Zins-Debatte werde im Oktober einsetzen, wenn das Quantitative Easing (QE) zu Ende gehen soll. (APA, 12.8.2014)

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