Den Stau umfahren

14. August 2014, 17:13
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Ausscheren oder Teil der Autokolonne bleiben?

Pro
Von Eric Frey

Neulich zwischen Tirol und Bayern: unterwegs bei Starkregen zur Götterdämmerung in Erl über ein Stück deutsche Autobahn, als sich kurz vor der Abfahrt nichts mehr bewegt. Einige Wagen scheren auf den Pannenstreifen aus und biegen dann auf einen kaum sichtbaren Feldweg ab. Wir folgen. Über eine Schotterstraße geht es auf die Landstraße, die uns an der - von der Polizei gesperrten - Ausfahrt vorbei direkt zum Festspielhaus in Erl führt. Den Mutigen gehört der erste Akt, alle zwei Stunden davon, die Zögerlichen kommen zu spät und hören Wagner nur durch die verschlossene Tür.

Okay, nicht immer geht eine Stauumfahrung so gut aus. Manchmal landet man in der Irre, häufig in einem weiteren Verkehrschaos. Aber das ist immer noch besser, als still leidend inmitten der Herde sitzenzubleiben und dauernd den gleichen niederländischen Wohnwagen vor sich anzustarren. Wer abfährt, nimmt sein Schicksal selbst in die Hand und lernt dabei neue Straßen kennen. Ob's Zeit einspart, ist doch egal. Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön.

Kontra
Von Mia Eidlhuber

Wohin der ehrgeizige Fahrer links neben mir will, nämlich raus aus dem Stau, der Schlange entkommen: Vergessen Sie es! Akzeptieren Sie: Sie stecken nicht im Stau, Sie sind der Stau. Also schalten Sie ab! Und nicht nur den Motor. Wann dürfen wir schon den Ernstfall proben?

An die 60 Stunden jährlich, sagt die Statistik, sitzen wir im Auto fest, das sind mehr als zwei Tage und Nächte. Nutzen Sie bitte diese Zeit! Helfen Sie mit, die gesundheitlichen Folgeschäden durch erhöhtes Stressaufkommen möglichst gering zu halten. Atmen Sie durch und üben Sie sich in Gelassenheit - und Askese. Machen Sie aus diesem Stau-GAU Ihren eigenen kleinen Meditationsworkshop. Immerzu wollen Sie nur ein bisschen Zeit für sich. Jetzt haben Sie sie! Schrauben Sie alles zurück, auch Ihre ewigen Bedürfnisse. Atmen Sie ruhig weiter: ein, aus. Lassen Sie draußen alles vorbeiziehen, bewerten Sie nichts, bleiben Sie ganz bei sich. Und: Haben Sie Vertrauen! Irgendwann geht es wieder weiter. Wenn Sie mich fragen: früh genug. (Rondo, DER STANDARD, 14.8.2014)

  • Der Weg ist das Ziel.
    foto: lukas friesenbichler

    Der Weg ist das Ziel.

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