Ebola - die Anfänge eines tödlichen Staffellaufs

11. August 2014, 18:17
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Forscher haben den Ursprung und die Verbreitung der Ebola-Epidemie rekonstruiert

Hamburg/Wien - Was letztlich dazu führte, dass sich der Zweijährige aus einem Dorf im westafrikanischen Guinea mit dem Virus ansteckte, ist die einzige noch offene Frage, die noch nicht mit letzter Sicherheit beantwortet werden kann. Den weiteren Verbreitungsweg der tödlichen Seuche konnten Wissenschafter hingegen bis ins kleinste Detail rekonstruieren.

Die Chronik des Grauens, die den Stoff für einen Horrorfilm abgeben könnte, beginnt laut der Darstellung eines internationalen Epidemiologenteams am 2. Dezember 2013, als sich beim "Patienten Zero" - der wahren Name des Kleinkinds wird nicht genannt - plötzlich Magenkrämpfe und Fieber einstellen, dann schwarzer Stuhl und Erbrechen. Vier Tage später ist der kleine Patient tot. Er ist das erste Opfer der Ebola-Epidemie, die sich seitdem zur aktuell meistgefürchteten Krankheit der Welt entwickelte.

Wie die Forscher in einem seit Montag online frei zugänglichen Artikel im "New England Journal of Medicine" weiter berichten (die Originalstudie erschien bereits im April), kommt es in den drei Wochen nach dem Tod von "Zero" auch gleich zur ersten Familientragödie: Die dreijährige Schwester, die gemeinsame Mutter, die Großmutter und eine Krankenschwester sterben.

Einige der ersten Opfer werden im Krankenhaus von Guéckédou behandelt, in dem unter dem Pflegepersonal Panik ausbricht. Dort und bei den Begräbnissen passieren vermutlich die nächsten Ansteckungen. Die ersten Betroffenen nehmen das Ebola-Virus mit in ihre Dörfer nach Guinea und ins unmittelbar angrenzende Liberia.

Im Grunde ist bereits ab diesem Zeitpunkt der tödliche Staffellauf nicht mehr aufzuhalten, wie die Forscher - unter ihnen deutsche Experten des Instituts für Tropenmedizin in Hamburg - schreiben: Nach nur zwölf Wochen hat sich die Infektionskrankheit, die durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten der Betroffenen übertragen wird, auf einem Gebiet von der Fläche eines großen österreichischen Bundeslandes ausgebreitet.

Zu diesem Zeitpunkt vermuten einige Ärzte immer noch das Lassa-Fieber als Verursacher der rätselhaften Todesfälle. Als dann am 6. März das Virus endlich identifiziert wird, ist die Krankheit durch die zahlreichen Infizierten, die zugleich Multiplikatoren sind, bereits außer Kontrolle geraten - im Gegensatz zu früheren Ausbrüchen. Verantwortlich dafür dürfte letztlich auch die bessere Verkehrsinfrastruktur sein.

Auch Menschen in ländlichen Regionen Afrikas wurden in den letzten Jahren mobiler, was das künftige Risiko für Epidemien erhöht. Die Anzahl der Opfer des aktuellen Ebola-Ausbruchs werden jedenfalls, so viel lässt sich leider jetzt schon sagen, die Opferzahlen aller bisher bekannten Ausbrüche zusammen überschreiten.

(Klaus Taschwer, DER STANDARD, 12.8.2014)

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