Grenze zwischen Banken und Aufsicht ist fließend 

11. August 2014, 17:23
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Gerade in der Krise wechselten viele Banker die Fronten. Wenn der Aufschwung kommt, wird es wieder umgekehrt sein, glauben Ökonomen

New York / Wien - Für die Finanzkrise hat es viele Gründe gegeben. Einer ist laut Ansicht von Wirtschaftsforschern die kuschelige Beziehung zwischen Aufsichtsbehörden und Banken. Eine Rolle spielt dabei die "Drehtür", die "Revolving Door": Banker wechseln zu Aufsichtsbehörden, Aufseher gehen zurück in die Privatwirtschaft.

Die Finanzkrise hat die Politik für das Thema sensibilisiert, und viele prominente Fälle wurden teils hitzig debattiert. Der ehemalige Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, Henry Paulson, ließ als Finanzminister 2008 die Goldman-Konkurrenten Lehman Brothers fallen. Das Intermezzo von EZB-Chef Mario Draghi bei Goldman Sachs in London (2004 und 2005) war wiederholt Thema von Anfragen im EU-Parlament.

Raiffeisen

In Österreich fällt weniger der Name Goldman Sachs als Raiffeisen. So war etwa der Generalsekretär der Raiffeisen Zentralbank, Christian Höllerer, im Krisenjahr 2008 noch unter Josef Pröll ins Finanzministerium gewechselt. Pröll selbst ging später in den Vorstand des zu Raiffeisen gehörenden Mischkonzerns Leipnik-Lundenburger.

In einer aktuellen Studie zeigen US-Forscher nun, dass sich die Drehtür zwischen Banken und Behörden immer schneller dreht. 2013 wechselten fast doppelt so viele Finanzexperten die Seite als noch vor der Krise. Das zeigt das Datenset von 35.000 Karrierepfaden von US-Aufsehern, welches das Forscherteam rund um die Professoren Amit Seru und Francesco Trebbi zusammengestellt hat. "Das Tempo hat sich anlässlich der jüngsten Regulierungswelle noch einmal beschleunigt", sagt Trebbi, Professor an der University of British Columbia und Mitautor der Studie. Aus den Daten schließt er, dass die Aufsichtsbehörden vor allem in schwierigen Zeiten bei Bankern beliebt sind. "In Rezessionen wird die Jobsicherheit deutlich mehr geschätzt", sagt Trebbit.

Die Schwachen bleiben

Wenn es wieder gut läuft, hätten die Aufseher hingegen massive Probleme, ihre Stellen mit gut ausgebildeten Praktikern zu besetzen. "Die talentierten Aufseher werden von Banken und Anwaltskanzleien abgeworben, die Aufsicht bleibt auf den schwachen sitzen", warnt Trebbi.

Das Thema ist auch aktuell wichtig. Zum Start der Bankenunion ist die Europäische Zentralbank auf einem massiven Expansionskurs. 1000 neue Bankaufseher braucht die Frankfurter Institution. Auf Standard-Anfrage bestätigt ein EZB-Sprecher, dass die Zentralbank bei ihrer Rekrutierung gut vorankomme. Bereits 600 von 1000 Stellen sind besetzt.

Doch eine genaue Aufschlüsselung gibt die Zentralbank nicht bekannt, weder in Betreff des Hintergrunds (Aufsicht, Privatwirtschaft, Wirtschaftsprüfer) noch der Nationalität. Nur so viel wollte man in Frankfurt sagen: Zu "großen Teilen" rekrutiere sich das neue Aufsichtspersonal aus nationalen Aufsehern, Bankern und Wirtschaftsprüfern. (sulu, DER STANDARD, 12.8.2014)

  • Erst Banker, dann Aufseher und retour. In der Krise wechseln viele Banker in die Aufsicht. Auch die Zeit bei Goldman Sachs von EZB-Chef Mario Draghi wird oft diskutiert.
    foto: epa/roessler

    Erst Banker, dann Aufseher und retour. In der Krise wechseln viele Banker in die Aufsicht. Auch die Zeit bei Goldman Sachs von EZB-Chef Mario Draghi wird oft diskutiert.

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