Wie beim Bau der Klagemauer geschummelt wurde

11. August 2014, 16:28
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Forscher fanden heraus, dass die Qualität der für den Tempelausbau verwendeten Steine sehr unterschiedlich ist - den Baumeistern dürfte dies bewusst gewesen sein

Jerusalem - Sie ist die wichtigste religiöse Stätte des Judentums: ha-kotel ha-ma'arawi, die Klagemauer in der Altstadt Jerusalems. Dabei handelt es sich um die imposanten Überreste der einstigen Westmauer der Anlage des zweiten Jerusalemer Tempels, den die Römer im Jahre 70 n. u. Z. zerstörten.

Die Errichtung des zweiten Tempels wird auf etwa 515 v. u. Z. datiert. Der umfangreiche und prachtvolle Ausbau ab 21 v. u. Z., im Zuge dessen auch die heutige Klagemauer errichtet wurde, wird Herodes dem Großen zugeschrieben. Die Umgestaltung zu einer Tempelanlage im griechischen Stil dürfte jedoch nicht mehr zu seinen Lebzeiten vollendet worden sein: Archäologische Funde unter dem südlichen Teil der Mauer lassen darauf schließen, dass sie erst Jahrzehnte nach seinem Tod fertiggestellt wurde.

Unterschiedliche Quellen

Wie israelische Forscher aktuell im Fachmagazin "Geology" berichten, dürften die damaligen Baumeister ihren Auftrag jedoch nicht immer ganz gewissenhaft erfüllt haben: Offenbar lieferten sie beim Ausbau des Tempels immer wieder Steinquader von schlechter Qualität. Die Folgen sind gut sichtbar: Viele der mehrere Kubikmeter großen Steinquader der Klagemauer zeigen starke Witterungsschäden, während andere ihre 2.000-jährige Geschichte unversehrt überstanden.

Die beiden Geowissenschafter Simon Emmanuel und Yael Levenson von der Hebräischen Universität in Jerusalem identifizierten nun jene Steine mit den stärksten Erosionsschäden und analysierten ihre Struktur. Es zeigte sich, dass diese weitaus kleinere Kalkkristalle aufwiesen als die nahezu unbeschädigten Steine. Sie stammen offenbar von unterschiedlichen Steinbrüchen.

Keine statische Gefährdung

Erst vor zwei Jahren wurde nördlich der Stadt ein großer Steinbruch entdeckt, der für den Bau den Ausbau des Tempels genutzt worden sein dürfte. Da er höher liegt als die Altstadt, war der Transport zur Baustelle leichter - die Qualität der Steine jedoch schlechter. Die Forscher vermuten, dass den Baumeistern dieser Unterschied durchaus bewusst war. "Indem sie die schlechteren Steine immer wieder zwischen den hochwertigeren, aber mühsamer beschaffbaren Quader platzierten, haben sie ihren Auftraggeber Herodes offenbar übers Ohr gehauen", so Emmanuel.

Statisch gefährdet sei die Klagemauer in absehbarer Zeit jedoch nicht. Noch seien die Steine so massiv, dass die Erosion unproblematisch sei. Auf lange Sicht sei aber die künstliche Erhaltung der stärker erodierten Quader angezeigt. (red, derStandard.at, 11.8.2014)

  • Die Klagemauer ist ein Überbleibsel des zerstörten zweiten Jerusalemer Tempels. Die Erosion der riesigen Steinquader variiert.
    foto: reuters/ammar awad

    Die Klagemauer ist ein Überbleibsel des zerstörten zweiten Jerusalemer Tempels. Die Erosion der riesigen Steinquader variiert.

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