Genauigkeit in der Poesie

11. August 2014, 17:06
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Anja Harteros und Grigory Sokolov bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - Gemessen am boulevardesken Rummel rund um Sopranistin Anna Netrebko könnte der Eindruck entstehen, die Salzburger Festspiele würden mit ihrem herausragenden Auftritt nicht nur ihren Höhepunkt erreichen, vielmehr danach auch schon enden. Zum Wesen des Salzburger Festivals - wer immer auch gerade Intendant war - gehörte allerdings eher die Quantität der Qualität - insbesondere auch jener Qualität, die sich vom Rummel fernhält oder dessen Ignoranz genießt.

Rund um Netrebkos Trovatore-Termin spielte sich denn auch Hochkarätiges ab. Im Haus für Mozart etwa sah man zwar ein paar leere Plätze. Unzweifelhaft aber war mit Sopranistin Anja Harteros jemand am Werk, der im höchsten Qualitätsbereich agiert. Beim Schubert-Teil ihres Programms brauchte sie zwar drei Lieder, um Ruhe zu finden. Da wirkte bei Ganymed und Rastlose Liebe manches etwas forciert, opernhaft angelegt. Klangfarben schienen mehr von den Möglichkeiten der Stimme diktiert als vom Gestaltungswillen. An den Mond markierte jedoch den Beginn einer Kette von lyrischen Glanzleistungen: Ob Nacht und Träume oder Im Abendrot - es herrschte eine durch Legato- und Pianissimokultur erhauchte seltene Intimität und Eindringlichkeit.

Der delikate Begleiter

Klavierbegleiter Wolfram Rieger war dabei wesentlich. Seine behutsam-akribische Art, Phrasen und Akkorde zu modellieren, bereitet nicht nur den atmosphärischen Rahmen für Harteros Delikatessen auf. Erst durch sein pointiertes Mitgestalten wurde eine Miniatur zum Gesamtkunstwerk seelischer Zustände. Auch bei Brahms fand dieser Dialog seine Fortsetzung und bei Schön war, das ich dir weihte womöglich so etwas wie einen Gipfel elegisch eingefärbter Dringlichkeit.

Noch stärker in Regionen des Elegischen führte Pianist Grigory Sokolov im Großen Festspielhaus, wobei: Den Russen, der ein großer Rummelverweigerer ist, auf eine Ausdrucksfarbe festzulegen, würde bedeuten, seine Qualitäten zu beleidigen. Mit einem reinen Chopin-Programm war zwar eine gewisse romantische Wehmut als Leitfaden vorgegeben. Innerhalb dieses Kosmos holt Sokolov jedoch Unmengen an überraschenden Nuancen hervor.

Sokolov ist dabei ein Detailarbeiter mit Überblick: Wenn er bei der Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58 einen Einzelton magisch hintupft und sanft atmen lässt, steht selbiger dennoch im Kontext einer übergeordneten dramaturgischen Gesamtlinie. Sokolov ist der Instrumentalsänger mit dem märchenhaften Gespür für kantable Episoden und Timing. Und: Bei einer Reihe von nachtstückhaft angelegten Mazurkas zeigte er, dass sein Zugang immer in Tiefenregionen, gleichsam (am pianistischen Oberflächenrummel vorbei) zum Wesenskern des jeweiligen Werkes führt. Grandios. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 12.8.2014)

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