Resetarits-Chat zu ORF-"Sommergesprächen": "Anwalt des Publikums" 

Chat12. August 2014, 10:59
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Der ORF-Moderator bilanziert sein erstes "Sommergespräch" - Das Protokoll zur Nachlese

715.000 Zuseher verfolgten im Schnitt das erste ORF-"Sommergespräch" mit Neos-Obmann Matthias Strolz. Zum ersten Mal in der Rolle des Moderators: Peter Resetarits. Im Chat mit derStandard.at-Usern zeigt sich Resetarits durchaus zufrieden mit der Premiere: "Es waren aus meiner Sicht für Politiker-Interviews erstaunlich zu den Fragen korrespondierende Antworten."

Auf die Frage, warum er so grantig gewirkt habe, sagt er: "Und diese Interventionen sind immer unangenehm, wirken ungeduldig oder grantig, aber möglicherweise wirke ich von meiner Physiognomie her grantiger, als ich wirklich bin."

Zu Kritik an seiner Gesprächsführung: "Das ist vielleicht wie beim Fußball: In der Zeitlupenwiederholung erkennt man im Nachhinein besser, wo man den langen Pass besser hinspielen hätte können."

Und wie sieht die Marschroute für die weiteren Parteichefs aus? "Ich werde mich bemühen, bei allen den gleichen Maßstab anzulegen." (red, derStandard.at, 12.8.2014)

ModeratorIn: Wir begrüßen Peter Resetarits nach dem ersten Sommergespräch im Chat - wir freuen uns auf Ihre Fragen, er wird aber ein bisschen entspannter antworten als Matthias Strolz gestern.

Peter Resetarits: Hallo! Ich freue mich auf Ihre Fragen.

ModeratorIn: War es ein gutes Sommergespräch gestern? Sie haben im STANDARD-Interview gesagt, sie hoffen auf gute Antworten - haben Sie die gestern bekommen?

Peter Resetarits: Ich denke ja. Es waren aus meiner Sicht für Politiker-Interviews erstaunlich, zu den Fragen korrespondierende Antworten. Ich finde, Herr Strolz hat sich da nicht versteckt.

UserInnenfrage per Mail: Sie wirkten zwischendurch fast grantig: Hat Sie der Wortschwall von Matthias Strolz verärgert?

Peter Resetarits: Nein, ich habe ihn eigentlich sympathisch und engagiert gefunden. Aber irgendwann muss man intervenieren, sonst redet der Gast nahtlos bis an die ZIB 2 heran. Und diese Interventionen sind immer unangenehm, wirken ungeduldig oder grantig, aber möglicherweise wirke ich von meiner Physiognomie her grantiger, als ich wirklich bin.

UserInnenfrage per Mail: Ihre Moderation entspricht kaum der emotionalen Wirklichkeit, zumindest wird diese durch ihre zu höfliche und sanfte Art nicht vermittelt. Auf grobe Klötze gehören grobe Keile.

Peter Resetarits: Da gibt's offenbar unterschiedliche Wahrnehmungen. Ich habe von zu höflich bis respektlos und (siehe oben) grantig alle möglichen Feedbacks bekommen. Meine Volksschullehrerin pflegte zu sagen: "Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann." Sie hatte offenbar antizipiert, wie ich 45 Jahre später in den Sommergesprächen ankommen würde.

UserInnenfrage per Mail: Wieso ist es auch Ihrer Sicht sinnvoll und gesprächsbereichernd Personen mit Einzelschicksalen ins Studio einzuladen? Aus meiner Sicht ist dies insofern wenig sinnvoll, weil die Zeit zu einer Klärung des Problems viel zu gering ist. Ein Politiker k

Peter Resetarits: Das sehe ich nicht so. Wir haben bewusst Fragen ausgewählt, die letztlich von allgemeiner Gültigkeit waren: Wie schafft die Politik es Menschen länger im Berufsleben zu halten? Welche Rahmenbedingungen sind dafür nötig? Was macht man mit Leuten, die wirklich im Arbeitsalltag nicht mehr mitkönnen? Was ist das konkrete Konzept für leistbares Wohnen? Ist es sinnvoll, Wohnungen der öffentlichen Hand zu privatisieren? etc. Wir haben uns bemüht aus konkreten Fallkonstellationen allgemeine Fragen abzuleiten. Aus meiner Sicht gab es dafür auch mehr als die von Prof. Filzmaier genannten vier Sekunden Zeit zur Beantwortung.

UserInnenfrage per Mail: Die eingeladenen Gäste wirken, als ob man die „Waserln“ genommen hätte… repräsentativ ist da keiner gewesen…. Zumindest m.M. nach. Oder sind die Leute doch so untertansbewegt????

Peter Resetarits: Da habe ich wieder eine andere Wahrnehmung. Insbesondere die Mietervertreterin aus Innsbruck fand ich durchaus angriffig. Man muss bedenken, so eine Studiosituation ist für einen, der das das erste Mal erlebt, auch nicht ohne. Aber Asche auf mein Haupt: Vielleicht hätte ich den Gästen ein wenig mehr Raum für Kritik lassen sollen.

Franz von Maier: Warum wurde eine derart ideologisch belastete Frau die jene vom Wohnservice für ein sachliches Interview engagiert?

Peter Resetarits: Wir dachten, Sie könnte das dramatische Wohnproblem in Innsbruck besonders gut auf den Punkt bringen. Vonwegen ideologisch belastet: Ich denke, es macht Sinn, Leute mit einer Gegenposition oder mit einer tendenziell kritischen Haltung zur Position des anwesenden Politikers zu Wort kommen zu lassen.

Franz von Maier: Es wird ständig kritisiert dass Politiker populistische Meinungen vertreten und dem Boulevard nach dem Mund reden. Die Sommergespräche würden die Möglichkeit bieten fachliche, exakte und detaillierte Antworten zu bekommen. Im aktuellen Konzept werde

Peter Resetarits: Das wäre eigentlich mein Part gewesen, die Fakten zu haben und das Gespräch mit dem Politiker inhaltlich sinnvoll zu vertiefen. Beim Thema Mieten oder Pensionen hätte ich da tatsächlich auch mehr auf Lager gehabt, aber dann aus Zeitgründen die Diskussion vielleicht zu früh abgebrochen. Ich denke nach, ob wir uns für die nächsten Ausgaben vielleicht mehr Zeit lassen sollten für die einzelnen Fälle oder Themen.

berti russell: Wieso lässt man beim ORF Politikern wie gestern Strolz immer die intelligenzbefreiten, populistischen Stehsätze durchgehen? OK, bei den Mieten gab´s ganz interessante Konter, aber die Feststellung, dass man sich Pensionen nicht leisten kann (hallo,

Peter Resetarits: Sie haben natürlich recht. Aber man hätte zum Thema Pensionen wahrscheinlich mehrere sinnvolle Konter anbringen können und vermutlich ein mehrstündiges Privatissimum abhalten können. Da muss man relativ spontan Entscheidungen treffen, wo und wie man nachhakt. Mir erschien es sinnvoll die Frage nach den Auswirkungen einer Milliardeneinsparung bei den Pensionisten zu thematisieren. Das ist vielleicht wie beim Fußball: In der Zeitlupenwiederholung erkennt man im Nachhinein besser, wo man den langen Pass besser hinspielen hätte können.

Herr Mag. Quasi Modo: Können Sie mir den Gefallen tun und insbesondere bei Herrn Strache auf konkrete Antworten auf konkrete Fragen zu bestehen? (Sie können dafür auch gerne dieselbe Frage 57mal stellen ...:) )

Peter Resetarits: Ich werde mich bemühen. 57 mal traue ich mich glaube ich nicht.

G.P.K.: S.g. Herr Resetarits, wie werden Sie vermeiden, dass die Vertreter der größeren Parteien sich in die wohlvertraute Verwendung von Gemeinplätzen flüchten können? Danke.

Peter Resetarits: Das ist vermutlich eine unlösbare Aufgabe. Man kann versuchen, ein gutes Mittelmaß zu finden, denn sonst (siehe oben) kriegt man den Vorwurf: Wieso unterbrechen Sie den Politiker dauernd und lassen ihn seinen Gedanken nicht ausformulieren. Es wird vermutlich ein permanentes Streben von mir sein, korrespondierende Antworten auf die Fragen zu bekommen. Aber es wird mir nicht ganz gelingen.

Fletz: Lieber Herr Resetarits, ich fand ihre strenge Gesprächsführung gestern sehr angenehm und bei Politikern auch notwendig. Aber denken Sie dass sie eine ähnlich strenge Performance auch bei Faymann/Spindelegger zusammen bringen werden, oder letztlich d

Peter Resetarits: Das wäre natürlich ganz blöd, wenn der Eindruck entstünde, bei den Kleinen traut er sich und bei den Großen nicht. Ich werde mich bemühen, bei allen den gleichen Maßstab anzulegen.

hanzej: Dobro jutro Peter Resetarits. Würden Sie nicht eine schöne Sommerlaube dem sterilen Studio für die Sommergespräche vorziehen?

Peter Resetarits: Ansich ja. Aber im Konzept mit dem Publikum und vor allem mit den vielen Zuspielungen hätten wir uns in der Laube schwer getan.

eXodus66: Warum wurden die Interviews in so einer Atmosphäre gemacht? Das ganze wirkte wie ein Wahlkampfduell, während im Vorjahr das Konzept darauf ausgelegt war, das ganze absichtlich in einer ungewohnten Location stattfinden zu lassen. Was erhofft man sich

Peter Resetarits: Tja, das sollte natürlich nicht so wirken. Wir haben uns bemüht, eine Atmosphäre zu schaffen, die für Interviewer und Politiker zumindest ansatzweise nach einem klassischen Sommergespräch ausschaut. Ich glaube allerdings, das die Studioatmosphäre wenig dazu beiträgt, ob jemand in einen kämpferischen Modus schaltet oder nicht. Das kann auch beim Heurigen passieren.

I can no more - I break equal together...: Auch wenn Herr Strolz geredet hat wie ein Duracell-Hase auf Starkstrom hat er doch wichtige Punkte angesprochen, z.B. die Föderalismus-Auswüchse, Beamten-Privilegien, ungleiche Pensionen, ... Werden Sie insbesondere Faymann und Spindelegger mit dies

Peter Resetarits: Weiß ich noch nicht, sind aber natürlich wichtige Themen.

Nussbaum: wie wäre es wenn man häufig kommende stehsätze dem politiker vor der sendung vorlegt und bei verwendung kommt ein lautes warnsignal?

Peter Resetarits: Gute Idee! Können wir uns einmal überlegen. Das Problem ist nur: Wie definiert man dann den zu sanktionierenden Stehsatz? Hupt man nur, wenn exakt die Formulierung: "Und darum müssen in einer groß angelegten Verwaltungsreform die Forderungen des Rechnungshofs endlich umgesetzt werden" oder auch bei einer kleinen Variante davon?

TryAndFail: Rechnen Sie mit nachträglichen Richtigstellungen/Kontroversen/Shitstorms/Klagen nach dem Gespräch mit Strache?

Peter Resetarits: Nein. Ich rechne eigentlich nicht damit. Werde mich bemühen ein korrektes Gespräch zu führen.

Herr Mag. Quasi Modo: Hat man eigentlich Mitleid wenn so Personen wie Frau Nachbauer als Verteterin einer Partei im niedrigen einstelligen Promille-Bereich zum Interview kommt?

Peter Resetarits: Nein. Den niedrigen einstelligen Promillebereich würde Frau Nachbauer im übrigen bestreiten. Aber man muss den derzeitigen Zustand des Team Stronach thematisieren.

berti russell: Wieso müssen beim ORF immer "Adabeis" (zb Franzobel) zu Wort kommen? (siehe auch Fussball-WM) Warum nicht mal Menschen, die professionelle Analysen bringen können? (Die wundern sich dann auch nicht, warum die NEOS einfach so in das Parlament einzieh

Peter Resetarits: Ok, auch ein guter Ansatz, aber wir haben uns gedacht, dass es den Sommergesprächen gut tut, kritische Intellektuelle, Künstler in der Sendung an prominenter Stelle zu Wort kommen zu lassen.

bubblefish: Herr Resetarits, glauben Sie wirklich, dass der von Ihnen mehrfach in Fragen verpackte Zusammenhang zwischen Sparen bei Pensionen und Reichensteuer besteht? Warum ist es Ihnen nicht möglich, getrennt Themen auch getrennt zu behandeln? Diese Art der

Peter Resetarits: Ich glaube nicht, dass das ein besonders reißerischer Übergang war. Wir haben über Pensionen und mögliche Milliardeneinsparungen dabei geredet und dann kam eben das nächste Thema: Vermögenssteuern. Der Übergang: "Wieso wollen Sie den Pensionisten Geld wegnehmen? Lohnt es sich nicht auch über die Vermögenszuwächse der Milliardäre nachzudenken?" ist meiner Ansicht nach zulässig.

SokratesD2: Kann man einen Politiker eigentlich ernst nehmen der nichts von einer Förderung des AMS Langzeitarbeitsloser weiß und von Pensionen ab € 5000,- spricht? Das wirkt alles ein Realitätsfremd auf mich.

Peter Resetarits: Kam für mich nicht so rüber. Gemeint war von Herrn Strolz, dass er bei Pensionen über 5000 Euro Solidaritätsabschläge fordern würde. Und solche Pensionen gibt's ja tatsächlich.

Der Artikel gefällt mir: Ich fand das Gespräch sehr erfrischend, aber in der gedrängten Zeit mit sehr vielen Themen müssen Politiker noch immer in 3 Sätzen eine komplexe Welt erklären. Und das geht offenbar oft nur über Hohlphrasen. Wie könnte mehr Tiefgang erreicht werden

Peter Resetarits: Hm, Sie hätten eigentlich eh auch Platz für mehr als drei Sätze. Nur wenn es in Phrasendrescherei ausartet, fühle ich mich als Anwalt des Publikums verpflichtet, zu intervenieren. In einem anderen Format, ein Philosophicum etwa, hätte man zugegebenermaßen mehr Platz für tiefer gehende Reflexion.

Kniefall vorm Marktgott!: Halten sie ein Format für sinnvoll, wo stand nur eines Spitzenpolitikers z.B. drei von einer Partei im Gespräch dabei sind?

Peter Resetarits: Eigentlich nicht. Die würden sich nicht wehtun und vermutlich sich permanent bestätigend das im Wesentlichen Gleiche sagen.

el xorxe: Die Sendung ist zwar innenpolitisch fokussiert, dennoch könnte man doch partiell auch aktuelle außenpolitische oder europapolitische Problemstellungen aufgreifen. Haben Sie vor bei den kommenden Sendungen auch solche Fragen zu stellen?

Peter Resetarits: Durchaus, insbesondere, wenn der Ansatz die Betroffenheit von Bürgerinnen und Bürgern ist. Zum Beispiel haben sich etliche Bauern gemeldet, die wollen, dass ich die Politiker frage, ob das mit den Russlandsanktionen eine so tolle Idee war, wenn bei ihnen konkret der Kilopreis für Ferkel binnen einer Woche dramatisch einbricht.

ichbineininsekt: sind sie stolz darauf, dass sie eines der wenigen intakten formate dieses senders aufs niveau von RTLs "mitten im leben" gebracht haben?

Peter Resetarits: Hm, ich kenne "Mitten im Leben" nicht, vermute aber, dass Sie mir Niveaulosigkeit unterstellen wollen. Tut mir leid, wenn das bei Ihnen so angekommen ist. Aber ich halte es für legitim, Politiker mit der Lebensrealität zu konrontieren. Und die ist halt nicht immer hochgestochen.

Herr Mag. Quasi Modo: Könnten Sie es sich vorstellen auch "Fangfragen" zu stellen, so in etwa wie es etwa Armin Wolf mit HC Strache vor einigen Jahren mit "seiner Rezension von Ernst Jünger" gemacht hatte (der Text stammte dann doch von einer Neonazi-Seite). Bzw. könnten

Peter Resetarits: Ich fürchte, dass alle Politiker genau gelernt haben, was ein Liter Milch, ein Viertel Butter, eine Wurstsemmel, etc. kosten. Das ist vermutlich Standardvorbereitung. Wenn Sie eine tolle Fangfrage für mich hätten, stelle ich die natürlich.

Wachsender Widerstand: Hallo Herr Resetarits, ich muss sagen, ich war etwas verblüfft, wie Sie das Politiker bashing à la Wolf und Turnher übernommen haben. Ich enmpfinde es als extrem unhöflich, wenn man dem Gegenüber ins Wort fällt, bitte diese Gesprächsführung bei den

Peter Resetarits: Verstehe ich nicht ganz. Wie geht das, den Politikern nicht ins Wort fallen, aber darauf achten, dass ein Thema, wenn keine vernünftige Antwort kommt, abgehakt ist? Mir ist diese Unterbrecherei selber extrem unangenehm, aber wenn man den Eindruck hat, das wird ein Referat zu einem Thema, das überhaupt nicht gefragt war, ist man dem Publikum verpflichtet, da irgendwie zu intervenieren.

ben12: keine frage, aber ein Lob: mir gefällt das neue format und die art wie sie mit strolz umgegangen sind, sehr gut!

Peter Resetarits: Super! Vielen Dank! Das baut mich auf.

Maerlyn: Herr Resetarits, ich habe unlängst ihre alten Arbeiten für den ORF zum Thema Immobilienspekulanten in Wien und Pizzeria Anarchia gesehen, die ich übrigens sehr gut fand. Hat der ORF in absehbarer Zeit vor dieses Thema wieder aufzugreifen, insbesonde

Peter Resetarits: Ja, unbedingt. Insbesondere, weil wir allgemein gesprochen von Immobilienspezialisten, wann immer wir über sie berichten, mit einer Flut von Klagen eingedeckt werden. So unter dem Motto: Das wird unangenehm und teuer, sich mit uns zu beschäftigen. Und da hat der ORF - kleine Verlage können sich solche Prozesse oft nicht leisten - aus meiner Sicht fast die Pflicht, genau hinzuschauen und zu berichten. Auch eine Art von Public Value.

UserInnenfrage per Mail: Mit wem haben Sie lieber zu tun: Bürger oder Politiker?

Peter Resetarits: Klare Antwort: Einfachen Leuten.

ModeratorIn: Wir danken für die vielen Fragen und Beiträge und Peter Resetarits für seine Antworten - noch einen schönen Tag!

Peter Resetarits: Vielen Dank für Ihr Interesse! Danke für Ihren Input. Hat Spaß gemacht, mit Ihnen zu kommunizieren!

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