Ebola: Nicht fürchten, eingreifen!

Userartikel11. August 2014, 16:36
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Über die Gefahr einer Einschleppung nach Europa, die Entwicklung eines Impfstoffes und warum das Prinzip "Augen zu und durch" nicht funktionieren wird

Sucht man allein im Archiv von derStandard.at seit 2002 unter dem Stichwort "Ebola", wird man mit 18 Seiten Links zu Artikeln überschüttet. Die Filmindustrie hat das Thema schon länger entdeckt und etliche Katastrophenschocker geliefert, die Lösungsvorschläge der Filme reichen von "schnell mal angefertigten Antikörpern" bis zu "man rottet das Virus aus, indem man eine Atombombe zündet - samt den infizierten Leuten, die man vorher am Ort des Geschehens abgeriegelt hat, versteht sich". Selbstverständlich wird die Welt gerettet. Wenn das bloß so einfach wäre.

Was ist das schon wieder?

Das Ebola-Virus verursacht, wie einige andere Viren, ein sogenanntes Hämorrhagisches Fieber. Es wurde nach dem Ort des ersten größeren Auftretens am Fluss Ebola im Kongo 1976 benannt. Seit damals hat es mehrere Epidemien gegeben, aber außer in der Aufmerksamkeit von Tropenmedizinern und in ein paar Fußnoten ist das nirgendwo aufgetaucht. Afrika ist weit weg.

Grob und unvollständig beschrieben: Man kennt fünf Untertypen, beschuldigt Flughunde als Tierreservoir, man weiß, wie es aussieht. Man weiß, dass es als Kontaktinfektion, auch über Gegenstände, übertragbar ist, die Inkubationszeit zwischen zwei und 21 Tagen liegt und gefährlich ist! Die Sterblichkeit der Erkrankten liegt bei 50 bis 90 Prozent.

Seit die Krankheit in mehreren Staaten Westafrikas, Nigeria, Liberia, Guinea und Sierra Leone, zu einer sich schnell ausbreitenden Epidemie anwächst und die WHO den internationalen Notfall erklärt hat, steigt die Nervosität. Die Zahl der Toten übersteigt bereits die Tausend. Aktuell könnte es sich auch Richtung Ghana und Mali ausbreiten.

Jedenfalls ist der WHO recht zu geben: Regional ist die Seuche außer Kontrolle. Das liegt aber auch am Gesundheitssystem und der Lebensweise in diesen Ländern. Für Europa stellen sich nun folgende Fragen:

1) Wie wahrscheinlich ist eine unkontrollierte Einschleppung?

2) Wie problematisch ist das Heimholen kranker Mitbürger?

3) Was können und sollen wir grundsätzlich tun?

Wo liegt das Problem?

Eine wesentliche Schwierigkeit liegt darin, dass man anders als bei anderen Krankheitserregern bisher nur gegen eine kleine Handvoll Viren überhaupt Medikamente für eine Behandlung hat, so zum Beispiel für Herpes oder HIV. Das ist begründet in der Art, wie Viren funktionieren. Man kann das Ebola-Virus schnell und gut diagnostizieren - aber praktisch alle Behandlungsmöglichkeiten und die Prophylaxe, also eine Impfung, sind im Augenblick noch experimentell.

Was tun dagegen?

Hier ein paar Ansätze und Ideen: Antikörper können eingesetzt werden, die aus infizierten Mäusen gewonnen werden und sich an das Virus binden. Drei solcher Antikörper sind bekannt - wie sie allerdings am Virus wirklich wirken, davon hat man bisher nur eine ungefähre Vorstellung. Ebenso ist unklar, welche möglichen Nebenwirkungen sie haben.

Die beiden aktuell infizierten und zurückgeholten amerikanischen Helfer werden gerade damit behandelt, unter Umgehung der üblichen Zulassungskriterien. Das geht, weil man ansonsten absolut ratlos ist, was sonst noch zu machen wäre, und die Zeit drängt. Dass es ein "geheimes Wundermittel" sei, wie es in diversen Berichten heißt, fällt unter "Unfug". Wie immer in beängstigenden Fällen brodelt es in der Gerüchteküche.

Ein Problem dieser Behandlung ist, dass jedes Präparat aus dem Serum von Tieren unter Umständen schwere Abwehrreaktionen des Immunsystems der Patienten hervorrufen kann - und zwar in einer Häufigkeit, die nicht vernachlässigt werden kann. Das ist zwar das Letzte, was Ebola-Patienten in ihrer Situation brauchen können, ist aber trotzdem nach Nutzen/Risiko-Abwägung ein gangbarer Weg.

Um das in den Griff zu bekommen, bedient man sich für die Produktion auch gentechnisch veränderter Tabakpflanzen. Die daraus gewonnenen Stoffe sind reiner. Übrigens war an der Entwicklung dieser Methode auch die österreichische Universität für Bodenkultur beteiligt.

"Tut mir leid, führen wir nicht, aber wir arbeiten dran"

Die erfolgversprechendste Langzeitstrategie wäre, wie bei allen Viruserkrankungen, die Entwicklung einer Impfung. Die Ansätze dazu bewegen sich ebenfalls noch im experimentellen Rahmen. Immerhin wurde der WHO bereits Geld zur Verfügung gestellt.

Streng genommen muss man leider feststellen: Es gibt derzeit weder eine in der Wirksamkeit gesicherte Behandlung noch eine Impfung. Wann soll diese kommen? Ironisch angemerkt: "Sicher morgen, eventuell nächste Woche, aber das ist noch nicht unsicher genug."

Muss ich mich jetzt fürchten?

Wir können sicher nicht die Augen verschließen und hoffen, dass sich das Problem örtlich begrenzt von allein erledigt. Es gibt weltweiten Reiseverkehr, innerhalb der Inkubationszeit kann man mehrmals die Welt umfliegen. Müssen wir uns also fürchten?
Im Prinzip ja, aber ... NEIN! Womit wir bei den drei obengenannten Fragen sind:

Zu 1) Die Gefahr einer Einschleppung ist vorhanden. Die Wahrscheinlichkeit einer unkontrollierten Einschleppung ist gering. Das sagen maßgebende Fachleute, und ich teile die Einschätzung derzeit. Das einzige Verkehrsmittel, das Menschen aus diesen Gebieten innerhalb der Inkubationszeit rasch genug in andere Länder bringt, ist das Flugzeug. Nachdem das stark kontrolliert ist, wird man wenig übersehen. Flüchtlinge auf anderen Wegen benötigen für die Reise auf dem Land- und Seeweg wesentlich länger und wären krank, bevor sie die Möglichkeit fänden einzureisen. Grund für panische Reaktionen gibt es also keine. Die Gegebenheiten in den derzeit betroffenen Ländern sind allerdings nicht einfach, und daher sind die Möglichkeiten einer Begrenzung in der Region schwieriger.

Zu 2) Die wichtigste Maßnahme ist derzeit die Aufnahme solcher Patienten in ein Zentrum, das eine Isolierstation betreiben kann. Davon gibt es nicht sehr viele, denn der Aufwand ist hoch, und man benötigt eine ausgefeilte Infrastruktur, um Patienten isoliert zu betreuen, ohne die Krankheit auszustreuen.

Dazu braucht es außerdem ärztliche und pflegerische Expertise. Bisher ist es gelungen, die wenigen ausgeflogenen Patienten auf dem gesamten Transportweg so zu betreuen, dass eine Verbreitung vermieden wurde. In Europa gibt es sehr renommierte Zentren, die gut in der Lage sind, die Sache zu managen - allerdings eben nur für eine eher kleine Anzahl Patienten. Solange es wenige bleiben, haben wir nicht wirklich ein Problem. Deswegen sind auch vereinzelte Panikreaktionen und Proteste gegen die Heimholung, wie aus den USA berichtet, unnötig.

Zu 3) "Augen zu und durch" wird aber nicht funktionieren. Die Welt ist zu klein geworden, um sich auf die Entfernung zu verlassen, und ich erwarte jedenfalls eine weitere Verbreitung. Ebola muss nicht, kann aber sehr wohl zu uns kommen.

Wir müssen die Expertise und Technik, über die wir verfügen, einsetzen, um bei der Bekämpfung dieser Seuche zu helfen. Eins ist sicher: Es wird etwas kosten, und es braucht Zeit! Je früher wir beginnen, desto besser, desto sorgfältiger kann man an das Problem herangehen. Zu warten, bis es in unserem Wohnzimmer ist, wäre der falsche Ansatz. Wir können auch nicht einfach die Menschen "dort unten" alleinlassen.

Das Problem wird sich nicht von selbst lösen. Nicht fürchten, eingreifen! Es ist eine Frage der Vorsicht.

In memoriam Sheik Umar Khan. (Michael Dolezal, derStandard.at, 11.8.2014)

Michael Dolezal ist Facharzt am Institut für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Salzkammergut/Vöcklabruck und postet regelmäßig auf derStandard.at

  • Ebola ist zwar schnell zu diagnostizieren - aber praktisch alle Behandlungsmöglichkeiten und die Prophylaxe sind im Augenblick noch experimentell.
    foto: ap

    Ebola ist zwar schnell zu diagnostizieren - aber praktisch alle Behandlungsmöglichkeiten und die Prophylaxe sind im Augenblick noch experimentell.

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