Erdogan erhielt 80 Prozent der Stimmen 

11. August 2014, 18:39
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Spitzenplatz bei Unterstützung für designierten Präsidenten, dessen "Underdog-Wahlkampf" Früchte trug

Wien - Bis zu zwei Prozent der abgegebenen Stimmen sollten die türkischen Wähler im Ausland nach Rechnung der AKP ausmachen. Mit aufwändigen Auslandsreden versuchte die Partei Tayyip Erdogans, möglichst viele Auslandstürken für dessen Wahl zum Präsidenten zu mobilisieren. Am Ende hat es zwar tatsächlich für klare Mehrheiten gereicht - als das erwartete Zünglein an der Waage haben sich die Auslandswähler aber mit einer Beteiligung von 8,6 Prozent (0,6 Prozent aller Stimmen) nicht herausgestellt.

In Österreich, wo die Wahlbeteiligung mit etwa neun Prozent im Schnitt lag, erzielte Erdogan immerhin sein bestes Ergebnis in Westeuropa: 80,2 Prozent. 15 Prozent votierten für den von mehreren Parteien unterstützten Oppositionellen Ekmeleddin Ihsanoglu, rund fünf Prozent unterstützten den Kurden Selahattin Demirtas, der auch ein linksliberales Spektrum ansprechen wollte.

Ein Spitzenplatz

Nur im Libanon und in Saudi-Arabien - wo jeweils nur einige hundert Türken zur Wahl gingen - erhielt Erdogan nach Zahlen der Zeitung Yeni Safak (knapp) mehr Unterstützung als in Österreich.

In Deutschland etwa stimmten knapp 70 Prozent für den bisherigen Premier; sein Stimmenanteil unter allen Auslandstürken beträgt 64,37 Prozent. In einigen Ländern - etwa in Großbritannien und den USA - siegte Ihsanoglu.

Als Hintergrund für den prozentuellen Erfolg Erdogans in Österreich sieht der Politikwissenschafter Cengiz Günay (Universität Wien) im Gespräch mit dem Standard auch den politischen Diskurs im Land, "wo Türken oft als Symbol für fehlende Integration oder schlechte Bildungsstandards herhalten müssen". Erdogan habe es verstanden, sich als "Verfechter der Rechte von Underdogs" zu positionieren. "Und viele in Österreich lebende Türken sehen sich als Underdogs."

Kein klarer AKP-Erfolg

Trotz des klaren Sieges könne man wegen der geringen Wahlbeteiligung aber nicht sagen, dass die Mobilisierungsstrategie der AKP "ganz so funktioniert hat, wie deren Planer sich das erhofft hätten", so Günay. Verantwortlich dafür seien mehrere Faktoren, etwa die komplizierte Wählerregistrierung, der Termin mitten in der Urlaubszeit und der scheinbar im Vorhinein klare Wahlausgang.

Und schließlich habe die Opposition auch keinen Kandidaten gefunden, "der Erdogan-Kritiker in Österreich zu hundert Prozent angesprochen hätte". Im Gegenteil: "Bei vielen Oppositionellen, auch in der Türkei, musste sich Ihsanoglu erst vorstellen", so Günay.

Österreichs Außenministerium konnte sich Montag nicht zu einer Gratulation durchringen: Man "respektiere" den Sieg. (mesc, DER STANDARD, 12.8.2014)

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