Niedrigere Wahlbeteiligung half Erdogan

10. August 2014, 21:34
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Viele Oppositionsanhänger sind zu Hause geblieben oder im Urlaub am Strand

Eine Zahl geht an diesem türkischen Wahlabend auf und ab: jene der Wahlbeteiligung. 10 Prozent minus, 20 Prozent minus, 15 Prozent minus. Sie ist wohl der Grund für den Sieg von Tayyip Erdogan bei der Präsidentenwahl. Denn bei keiner Wahl kamen er und seine Partei landesweit über 50 Prozent. Sonntagabend steht der Zähler schließlich bei 51,8 Prozent (99,3 Prozent der Stimmen ausgezählt). Und die Wahlbeteiligung bei 74,5 - 14,5 Prozent weniger als bei den Kommunalwahlen vor vier Monaten. Viele Oppositionsanhänger sind zu Hause geblieben oder im Urlaub am Strand.

Während Erdogan am Abend von Istanbul nach Ankara unterwegs war, um seine mittlerweile traditionelle Rede auf dem Balkon des AKP-Parteigebäudes zu halten, ging sein Herausforderer Ekmeleddin Ihsanoglu kurz ans Mikrofon. 39 bis 40 Prozent seien gar nicht so schlecht, erklärte der Kandidat von CHP und MHP, den Sozialdemokraten und den rechtsgerichteten Nationalisten. "Vor einem Monat haben sie noch gesagt: 'Ihsanoglu ist unbekannt, von Politik versteht er nichts.' Der Unterlegene wird auf diesem Weg als Sieger gezählt."

Der Stimmanteil von Selahattin Demirtaş, dem Kandidaten der HDP, stieg derweil auf 9,7 Prozent. Kommentatoren in den türkischen Medien überbieten sich bereits in Spekulationen über vorgezogene Parlamentswahlen. Die stünden eigentlich im Juni 2015 an. Erdogan, so wird gemutmaßt, wolle den Schwung seines neuerlichen Wahlsiegs ausnutzen und mit Neuwahlen einen für ihn nützlichen Regierungschef installieren und eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament erreichen. Mit der könnte er dann endlich die Verfassung ändern und die Türkei zu einer Präsidialdemokratie machen. (Markus Bernath, derStandard.at, 9.8.2014)

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