Das schmutzige Duell um das Spiel der Könige 

9. August 2014, 17:19
44 Postings

Der Schachweltverband Fide wählt einen neuen Präsidenten. Garri Kasparow hat vor, Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow zu stürzen

Tromsö - Zähe Kämpfe gegen das Establishment sind für Garri Kasparow nichts Neues, doch diesmal geht es besonders hart zu. Im vielleicht schmutzigsten Wahlkampf der Schachgeschichte will der ewige Rebell den umstrittenen Weltverbandpräsidenten Kirsan Iljumschinow mattsetzen.

Irgendwie läuft alles wieder so wie seit knapp 30 Jahren, seit er gegen viele Widerstände dem linientreuen Anatoli Karpow den WM-Titel abnahm. Kasparow, auch mit 51 Jahren noch heißblütig wie eh und je, attackiert ohne Rücksicht auf Verluste, seine Gegner sind aber mächtiger geworden. Unter anderem soll der russische Präsident Wladimir Putin, den Kasparow seit Jahren bekämpft, alle Hebel in Bewegung setzen, um die Wahl des Schach-Genies an die Spitze des Weltverbandes Fide mit Sitz in Lausanne zu verhindern.

Duell hinter den Kulissen

Auch im Schatten der Ukraine-Krise ist die für Montag in Tromsö angesetzte Wahl längst zum Politikum geworden. Während die besten Spieler bei der Schacholympiade in der norwegischen Stadt um den Titel kämpfen, spielt sich das wirklich interessante Duell hinter den Kulissen ab. Kasparow wird vor allem von Europäern und dem US-Verband unterstützt. Iljumschinow, seit 1995 Fide-Präsident, unterhält als ehemaliges Oberhaupt der russischen Teilrepublik Kalmückien beste Beziehungen zu Putin - und der ist nicht gut auf Oppositionspolitiker Kasparow zu sprechen.

Der Modus öffnet Korruption Tür und Tor. Jedes Mitgliedsland hat eine Stimme, unabhängig von Größe und Einfluss. Im Rahmen der Kampagne "Garry Kasparow 2014" führte der Herausforderer einen medienwirksamen Wahlkampf. In den Straßen Tromsös sind Autos mit dem Schriftzug "Kasparow - The future of Chess", Plakate und Banner zu sehen. Gleichzeitig versucht der Herausforderer, die fragwürdigen Methoden des Präsidenten zu enthüllen.

Schach und Politik

Kasparow beschreibt die Fide als Abbild der russischen Politik. Eine undurchsichtige, korrupte Organisation, die das Potenzial des Sports unterdrückt. "Im Schach haben wir feste Regeln und unvorhersehbare Ergebnisse, und in Russland ist es genau das Gegenteil", sagte Kasparow der New York Times. Sein Kontrahent Iljumschinow kritisiert Kasparow für die Vermischung von Politik und Sport. "Schach steht außerhalb der Politik, deshalb ist Kasparow so gefährlich", sagte er - wohl wissend, dass Schach schon häufig politischen Einflüssen ausgesetzt war. In der Vergangenheit fiel der Amtsinhaber mit bizarren Aktionen auf. Während des Bürgerkriegs in Libyen ließ er sich 2011 mit Machthaber Muammar al-Gaddafi beim Schachspielen ablichten. 2010 behauptete er in einem TV-Interview, er sei 1997 von Außerirdischen entführt worden. In der Schachwelt wird der schwerreiche Iljumschinow für seine nebulöse Finanzpolitik kritisiert. Außerdem wird ihm Vorteilsnahme vorgeworfen.

Der Wahlkampf mit Kasparow ist schmutzig. Seit Monaten torpedieren die Rivalen einander. Angeblich hat Iljumschinow unter Mithilfe der russischen Regierung Einfluss auf Delegierte verschiedener Länder genommen. Aber auch Kasparow soll über Zahlungen seiner Stiftung auf Stimmenfang gegangen sein. Davon will er kurz vor der Wahl nichts mehr wissen. "Ich habe Fehler gemacht. Jeder macht Fehler. Und am Ende des Tages geht es nur um die Zukunft. Und jeder weiß: Schach braucht jetzt Reformen." (sid, red, DER STANDARD, 09./10.08.2014))

  • Kasparow gab Fehler im Wahlkampf zu.
    foto: epa/szymanski

    Kasparow gab Fehler im Wahlkampf zu.

Share if you care.