USA im Irak: Verzweiflungsakt statt durchdachtes Konzept

Analyse9. August 2014, 08:00
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Nach George Bush senior, Bill Clinton und George W. Bush ist Obama der vierte US-Präsident, der Luftschläge im Irak anordnen muss

Washington − Barack Obama steckt genau in jener Zwickmühle, der er immer ausweichen wollte. Der Irak hat ihn eingeholt, den prominentesten Fürsprecher der neuen amerikanischen Bescheidenheit, der das Duell ums Weiße Haus 2008 auch deshalb gewann, weil er seinen Landsleuten versprach, die "Boys in Uniform" nach Hause zu holen und zu beenden, was er selber einen "dummen Krieg" nannte. Nun ist er nach George Bush, Bill Clinton und George W. Bush der vierte US-Präsident, der Luftschläge im Zweistromland anordnet. Es riecht nach einem Verzweiflungsakt, weniger nach einem durchdachten Konzept.

Noch im Juni, als die islamistischen Rebellen die Millionenstadt Mossul eingenommen hatten und auf Bagdad marschierten, stemmte sich der zurückhaltende Stratege gegen alle, die ihm militärisches Eingreifen empfahlen, gegen seine UN-Botschafterin Samantha Power ebenso wie gegen republikanische Falken vom Kaliber John McCains.

Solange der Schiit Nuri al-Maliki keinen Ausgleich mit den schikanierten Sunniten anstrebe, lautete sein zentraler Einwand, könnten amerikanische Waffen auch nichts ausrichten. Maliki sitzt noch immer im Sessel des Regierungschefs. Washingtons Konzept, ihn von der Macht zu verdrängen, ist nicht aufgegangen, eine politische Lösung ist nicht in Sicht. Dass Obama der Air Force dennoch grünes Licht gibt, liegt an einer qualitativ neuen Bedrohungslage.

Gefährdete Stadt Erbil

Mit der Augustoffensive der Fanatiker des „Islamischen Staats“ ist nun auch Erbil gefährdet, die Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion. Die Metropole jener Kurden, die in amerikanischen Augen als die einzig verlässlichen Verbündeten in dem zersplitterten Krisenstaat gelten, das Symbol eines besseren, zumindest bis dato relativ stabilen, wirtschaftlich florierenden Irak.

Fiele Erbil, wäre das Desaster perfekt. Und im US-Kongress würde der Ruf lauter, das Ruder nun mit voller Kraft herumzuwerfen, eine großangelegte Offensive gegen die islamistische Guerilla zu starten, womöglich doch noch Bodentruppen zu schicken. Solange Obama die Kurden nur aus der Luft unterstützt, solange sich die Peschmerga-Milizen gegen die Glaubenskämpfer halten, kann er halbwegs glaubwürdig sagen, dass er nicht daran denke, sich − wie sein Vorgänger im Amt − in den Stricken eines nahöstlichen Konfliktknäuels zu verheddern.

Als Commander in Chief werde er nicht zulassen, dass die Vereinigten Staaten in einen weiteren Krieg im Irak hineingezogen werden, lautet ein Schlüsselsatz seiner kurzen Rede, mit der er den Luftwaffeneinsatz begründete. Für die politischen Probleme des Irak gebe es keine Lösung durch amerikanische Waffen, lautet ein anderer. Es sind Pflichtsätze. Damit beruhigt Obama seine ernüchterten Landsleute, die an den Turbulenzen der Welt allmählich verzweifeln.

Gegen eine Kehrtwende

Damit gibt er zu verstehen, dass er dem Abzug im Dezember 2011 keine Kehrtwende folgen lassen will. Es ändert nichts daran, dass manche Demokraten von einer gefährlichen Rutschbahn reden, auf die man sich begebe, wenn man erst mal den Anfang mache. Was immer der Präsident in den nächsten Tagen anordnet: Gerade in seiner eigenen Partei wird jeder seiner Schritte von Unbehagen, ja Argwohn begleitet werden.

Praktisch unumstritten ist hingegen die humanitäre Hilfe, mit der das Weiße Haus die fliehenden Jesiden vor dem Schlimmsten zu bewahren versucht, indem es die Air Force Trinkwasserkanister und Fertigmahlzeiten abwerfen lässt. Zu Wochenbeginn habe ein Iraker noch gerufen, dass niemand zu Hilfe komme, zitiert Obama einen Verzweifelten und gibt mit belegter Stimme die Antwort: „Nun, heute kommt Amerika zu Hilfe“. Es ist eine ungewohnt emotionale Szene für den stocknüchternen Analytiker an der Pennsylvania Avenue. Und doch entspringt auch sie kühlem Kalkül.

Von Idealen beseelt

In Momenten wie diesen ist Amerika ganz bei sich selbst, beseelt von den eigenen Idealen, dort hemdsärmelig tatkräftig, wo die vorsichtigen Europäer noch zaudern. Mit humanitären Argumenten lässt sich eine Kurskorrektur am ehesten begründen, zumal vor skeptischem Publikum.

Ob sie den inneren Überzeugungen des Präsidenten entsprechen, wer weiß das schon so genau? Im Wahlkampf 2008 hatte es jedenfalls noch ganz anders geklungen. Wenn menschliche Not ein Kriterium für militärische Entscheidungen sei, hatte der Kandidat Obama damals erklärt, dann stünden jetzt 300.000 US-Soldaten im Kongo, wo unzählige Menschen ethnische Unruhen mit ihrem Leben bezahlen mussten. (Frank Herrmann, derStandard.at, 9.8.2014)

  • US-Präsident Barack Obama sprach sich noch vor wenigen Monaten dagegen aus, ...
    reuters/kevin lamarque

    US-Präsident Barack Obama sprach sich noch vor wenigen Monaten dagegen aus, ...

  • ... die USA in einem weiteren Krieg zu engagieren. Anlass seiner Rede war damals der Abschluss des neuesten Jahrganges der Militärakademie West Point.
    reuters/kevin lamarque

    ... die USA in einem weiteren Krieg zu engagieren. Anlass seiner Rede war damals der Abschluss des neuesten Jahrganges der Militärakademie West Point.

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