Da staunt Karl Kraus

8. August 2014, 16:53
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Ein auffälliges Indiz, auf das sich "Profil" bei seinen Spekulationen über eine Erneuerung der SPÖ aus dem Geiste der Bundesbahn stützen konnte, war in der "Kronen Zeitung" zu finden

Diese Woche hat "Profil" Christian Kern, dem Chef der Österreichischen Bundesbahnen eine Freude gemacht. Lieber denn als Nachfolger Werner Faymanns genannt zu werden, wäre ihm, wenn er als Nachfolger von Google-Chef Eric Schmidt im Gespräch wäre. "Wenn Sie mir eine Freude machen wollen, dann schreiben Sie das." Und "Profil" schrieb. Warum soll man auch nicht vorbeugend jemandem eine Freude machen, von dem man ferner schreibt: Er gilt als wichtigste Personalreserve der SPÖ - und als möglicher Nachfolger von Kanzler Werner Faymann. Ob das Magazin damit auch Werner Faymann eine Freude gemacht hat, ist nicht leicht zu beurteilen, hätte der Bundeskanzler vermutlich doch nicht einmal eine Freude, wenn "Profil" schriebe, er sei als Nachfolger von Google-Chef Eric Schmidt im Gespräch. Was sollten sich denn da die Delegierten zum Parteitag im Herbst denken?

Ein auffälliges Indiz, auf das sich "Profil" bei seinen Spekulationen über eine Erneuerung der SPÖ aus dem Geiste der Bundesbahn stützen konnte, war in der "Kronen Zeitung" zu finden, die neulich ihre Leser mit einer doppelseitigen Jubelreportage erfreuen konnte, in der kein Geringerer als Karl Kraus aufgeboten wurde, Christian Kern jene höheren Weihen zu erteilen, die einem als wichtigste Personalreserve zwar nicht von Google, aber immerhin der SPÖ nur nützen können.

Die Dienstfertigkeit, die einem SP-Chef vor der "Krone" wohl ansteht, war der Personalreserve schon eingegeben. ÖBB-Chef Christian Kern führte die "Krone" durch Wiens neuen Hauptbahnhof, 70 Tage vor der Eröffnung des Milliarden-Baus. Der Titel der Reportage Ja, auch Karl Kraus würde staunen galt aber nicht diesem kaum noch Staunen erregenden Umstand, sondern einer offenkundigen Fehleinschätzung des Satirikers. Jetzt, 2014, würde selbst der kritische Karl Kraus staunen: Über der Grundfläche des einst schmucklosen Südbahnhofs setzt sich jetzt eine Bahnhofs-City mit viel Glas, poliertem Stahl und tauerngrünen Marmor-Bodenplatten in Szene - die Architekten hatten Geschmack.

Der kritische Karl Kraus war Härteres gewohnt, als dass sich eine Bahnhofs-City in Szene setzt, aber darüber, wie er überhaupt in diese Geschichte gerät, hätte er vielleicht gestaunt. Nach Ägypten wär's nicht so weit, aber bis man zum Südbahnhof kommt", zitiert Christian Kern gleich zu Beginn der exklusiven Bahnhofs-Tour an diesem wolkenverhangenen Morgen lächelnd den bekannten Autor und Satiriker Karl Kraus. Ja, das war einmal. Dabei bestand zum Lächeln nicht der geringste Grund, denn der Abstand zwischen Ägypten und dem Südbahnhof ist noch immer derselbe, und wenn sich Letzterer noch so sehr in Szene setzt - was dem bekannten Autor und Satiriker gewiss nicht entgangen wäre.

Damit noch nicht genug der Fehleinschätzung. Allein die nackten Zahlen hätten vermutlich auch Karl Kraus ziemlich beeindruckt, spann der Reporter den literarischen Faden weiter, an dem ihn die wichtigste Personalreserve der SPÖ über die tauerngrünen Marmor-Bodenplatten zog. Damit war aber die Rolle Karl Kraus' als Kronzeuge des neuen Südbahnhofs noch nicht zu Ende. Von der U-1-Station sind die Bahnsteige des neuen Hauptbahnhofs nur 320 Meter entfernt, 50 Prozent des Weges können über Rolltreppen zurückgelegt werden. Die Schnellbahn hält direkt im Eingangsbereich.

Dass die Bahnsteige des neuen Hauptbahnhofs nur 320 Meter entfernt sind, die Schnellbahn aber dennoch direkt im Eingangsbereich hält, wirkt wenig begeisternd, aber nur für Leser von heute. Denn: Karl Kraus wäre jetzt zufrieden. Endlich.

Dass der "Krone" so viel an der Zufriedenheit von Karl Kraus mit einem Einkaufszentrum samt Gleisanschluss liegt, ist rührend. Wo die ÖBB in der Selbstberühmung auf die Hilfe des Kleinformats verzichten, sind sie auf den bekannten Autor und Satiriker nicht mehr angewiesen. In einer Publikation mit dem subtilen Titel "Railaxed" erheben sie den Hauptbahnhof zur Drehscheibe für Europa, und zwar einerseits in unmittelbarer Nähe zur Wiener Innenstadt, andererseits in nur 2 Kilometer Luftlinie von der Wiener Innenstadt, womit eingestanden wird, dass sich weder an der Strecke, auf der man laut Karl Kraus bis man zum Südbahnhof kommt, noch an der Nähe des Hauptbahnhofs zu Ägypten seit hundert Jahren etwas geändert hat.

Besonders erfreulich, dass der Bahnhof auf Reisende zugeschnitten sein und Bahnfahren Lifestyle wird. Jetzt würde Karl Kraus zufrieden sein. Endlich. (Günther Traxler, DER STANDARD, 8./9.8.2014)

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