"Wir werden auch instrumentalisiert"

Interview8. August 2014, 17:16
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Ein Gespräch mit Bernd Euler-Rolle, der für das Bundesdenkmalamt "Standards der Baudenkmalpflege" herausgegeben hat

Der Denkmalschutz ist für die einen ein Feindbild, die anderen berufen sich auf ihn. Das Bundesdenkmalamt hat "Standards der Baudenkmalpflege " verfasst, die Immobilienbesitzern die Angst vor dem Denkmalschutz nehmen sollen, erfuhr Franziska Zoidl von Bernd Euler-Rolle.

STANDARD: Immobilienbesitzer fürchten die Wertminderung eines Objekts, wenn es unter Denkmalschutz gestellt wird. Zu Recht?

Euler-Rolle: Natürlich haben viele zuerst einmal Sorge. Das hat in hohem Maße damit zu tun, dass sie nicht wissen, was auf sie zukommt, was ja ganz klar ist - so etwas macht man wahrscheinlich einmal im Leben, sofern man nicht beruflich damit zu tun hat. Man weiß nicht, wie das mit dem Bundesdenkmalamt wird. Außerdem machen viele Gerüchte die Runde, etwa, dass man dann keinen Nagel mehr einschlagen darf. Das sind Storys, die so überhaupt nicht stimmen. Das war einer der Ausgangspunkte für unsere Publikation Standards der Baudenkmalpflege.

STANDARD: Mit 416 Seiten ist das ja ein ziemlicher Schmöker geworden. Muss man das als Denkmalbesitzer alles lesen?

Euler-Rolle: Nein, es ist ein Nachschlagewerk. Unser Wunsch: Denkmalbesitzer sollen sich vorab ein bisschen mit den Regeln beschäftigen können. Dadurch wird Angst genommen. Außerdem können damit die Nutzungsüberlegungen schon in eine Richtung gelenkt werden, die dann zu einem Ergebnis führt. Das ist die Zauberformel: dass die, die ein Objekt besitzen und es verändern wollen, möglichst bald zu uns kommen. Konfliktpotenzial liegt ja in hohem Maße darin, dass oft die Planungen schon fertiggestellt sind, bevor man uns zurate zieht. Dann ist möglicherweise eine zu große Kluft zwischen dem, was ein Objekt an Veränderung noch verträgt, und dem, was schon geplant ist.

STANDARD: Gibt es vonseiten der Planer zu wenig Bewusstsein für den Denkmalschutz?

Euler-Rolle: Oft fehlt die individuelle Auseinandersetzung. Da möchte dann jemand 27 Wohnungen mit bestimmtem Grundriss, der dann überhaupt nicht mit dem historischen Grundriss zusammenpasst - anstatt den umgekehrten Weg zu gehen und zu fragen: Was kann das Objekt?

STANDARD: Das klingt nach viel zeitlichem Aufwand.

Euler-Rolle: Das spielt sicher eine Rolle. Darum ist diesem Erfassen auch ein großes Kapitel in unserem Buch gewidmet. Aber das, was man in diese Phase investiert, gewinnt man später dazu. Es geht ja nicht nur um die Kommunikation mit dem Denkmalschutz, sondern auch um ganz simple Fragen der Statik, der Haustechnik. Wenn ich den Bestand vorher gut kenne, arbeite ich mit ihm und stehe nicht auf einmal während der Bauführung vor einem Problem. Auch der gestalterische Ausgangspunkt birgt Konfliktpotenzial: Mitunter will ein Architekt seinen Gestus auf jeden Fall auf das Objekt übertragen.

STANDARD: Oft wird das Bundesdenkmalamt als Verhinderer gesehen. Zu Recht?

Euler-Rolle: Grundsätzlich sind wir Ermöglicher, aber es liegt im Wesen des Denkmalschutzes, dass es einen Punkt gibt, an dem man sagt: Das geht nicht. Das fügt sich nicht in das Objekt ein. Wenn ihr das jetzt macht, dann ist der Wert und das Besondere davon leider verloren. In Wahrheit sind die Konfliktfälle aber im einstelligen Prozentbereich.

STANDARD: Genau von diesen Konfliktfällen liest man aber dann.

Euler-Rolle: Wir stehen immer zwischen zwei Polen. Die einen sagen: Es steht viel zu viel unter Denkmalschutz. Die anderen: Ihr seid viel zu nachgiebig. Es ist eine Schiene, auf der man sich zwischen den Polen bewegt, und es gibt nicht immer nur einen Weg. Wir können nicht eine Käseglocke darüberstülpen, können aber auch nicht sagen: Macht, was ihr wollt.

STANDARD: Mit dem Resultat, dass nie alle glücklich sind.

Euler-Rolle: Es läuft eben nicht mehr so, dass es mit der einfachen Entscheidung einer Behörde getan ist. Man wird heute hinterfragt, und das ist auch gut so. Denkmalpflege heißt ja, Werte setzen und sie auch verteidigen. Diese Werte entstehen nicht in den Köpfen der Denkmalpfleger, sondern sie sind eine gesellschaftliche Einschätzung. Darum ist es für uns jetzt nicht besonders ungewöhnlich oder schwierig, unsere Entscheidungen mehr als früher zu erklären. Wir werden aber auch instrumentalisiert. Mitunter geht es darum, dass das schöne kleine Haus in der Nachbarschaft unbedingt erhalten werden muss, weil die Anrainer nicht wollen, dass da ein großes Haus mit mehr Parkplätzen entsteht. Da gibt es natürlich Enttäuschungen: Wenn das Objekt keinen besonderen Stellenwert hat, können wir nicht in die Presche springen.

STANDARD: Sie sagen, dass die Publikation "Standards der Baudenkmalpflege" europaweit einzigartig ist.

Euler-Rolle: Es gibt schon allgemeine Leitlinien, aber was es nicht gibt, ist eine Antwort auf die Frage: Was heißt das konkret im Einzelfall? Vielleicht spiegelt unser Projekt auch den Stellenwert wider, den Denkmalpflege in Österreich hat. Es lebt als Kulturland in hohem Maße davon.

STANDARD: Wie verträgt sich das mit Ausbauten, die derzeit nur so aus den Dachgeschoßen schießen?

Euler-Rolle: Es ist oft so, dass man erst aus dem Erlebnis der Verluste erkennt, dass man sich um das eine oder andere mehr kümmern muss. Unser Zugang liegt in einer Differenzierung: Wenn es sich um einen entstehungszeitlichen barocken Dachstuhl mit Zimmermannszierschnitten handelt, dann wird man mitunter sagen müssen: Da geht es nicht. Es gibt auch historische Dachstühle, die vielleicht einfacher beschaffen sind und in einer zweiten oder dritten Phase erneuert wurden. Da ist unter Umständen die unveränderte Erhaltung des Dachstuhls nicht unbedingt nötig, um das wichtigste am Haus zu erhalten - aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Es ist ein schwieriges Thema, weil es hohen Druck gibt. In einem Haus, wo es langfristige Mietverhältnisse mit wenig Ertrag gibt, liegt die einzige Möglichkeit oft in der Dachzone. Aber wir können nicht alles ausgleichen, wenn der Hase woanders im Pfeffer liegt. Und man muss auch sagen: Objekte, wo ganze Luxusyachten auf den Dächern gelandet sind, stehen nicht unter Denkmalschutz.

STANDARD: Oft wird kritisiert, dass moderne Architektur zu wenig Beachtung im Denkmalschutz findet.

Euler-Rolle: Das österreichische Denkmalschutzgesetz kennt keine Zeitgrenze. Wir haben auch das Haas-Haus von Hans Hollein schon sehr früh unter Denkmalschutz gestellt. Was es aber schwierig macht, allerjüngste Objekte unter Denkmalschutz zu stellen, ist, ob es gelingt, den historischen Abstand - aus dem heraus ein Wert entsteht - ein bisschen vorwegzunehmen und zu sagen: Dieses Objekt wird ganz bestimmt für seine Zeit ein herausragender Vertreter. (Franziska Zoidl, DER STANDARD, 9.8.2014)

Bernd Euler-Rolle (56) ist seit 2012 Fachdirektor des Bundesdenkmalamtes. Er hat die neue Publikation koordiniert.

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Die "Standards der Baudenkmalpflege" zum Downloaden

  • Die sich verändernde Dachlandschaft ist ein emotionales Thema. Beim BDA setzt man auf Differenzierung.
    foto: istockphoto.com / amoklv

    Die sich verändernde Dachlandschaft ist ein emotionales Thema. Beim BDA setzt man auf Differenzierung.

  • Bernd Euler-Rolle: "Grundsätzlich sind wir Ermöglicher, aber es liegt im Wesen des Denkmalschutzes, dass es einen Punkt gibt, an dem man sagt: Das geht nicht."
    foto: bda

    Bernd Euler-Rolle: "Grundsätzlich sind wir Ermöglicher, aber es liegt im Wesen des Denkmalschutzes, dass es einen Punkt gibt, an dem man sagt: Das geht nicht."

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