Irak: "Es scheint, Gott ist wütend auf uns"

8. August 2014, 14:34
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Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sitzen seit Tagen im unwegsamen Gebirge im Nordwesten des Irak fest

Bagdad - Als nach Tagen ohne Essen und Trinken ein irakischer Armeehubschrauber endlich die versprochenen Hilfspakete abwarf, glaubte Farez Sinjari Abu Iwan, endlich etwas zu Essen zu kriegen. Doch die Hilfslieferung landete inmitten von Bienenstöcken. Ohne Schutzausrüstung war es selbst dem an dem Umgang mit Bienen gewöhnten Imker nicht möglich, die Verpflegung zu bergen.

"Es scheint, Gott ist wütend auf uns", sagt der 45-Jährige resigniert, der mit seiner alten Mutter und tausenden anderen Jesiden in den Bergen bei Sinjar festsitzt. Die Stadt im Nordwesten des Irak war am Samstag von der Jihadistengruppe Islamischer Staat (IS) überrannt worden.

Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden flohen daraufhin in die kargen Berge. Den Jihadisten gelten die Jesiden als "Teufelsanbeter", weil sie eine vom altpersischen Glauben des Zoroastrismus abgeleitete Religion praktizieren. Ebenso wie Schiiten, Christen und überhaupt allen Menschen, die nicht die engstirnige Islam-Auslegung der Jihadisten teilen, droht ihnen Verfolgung und Tod.

Zuflucht im Kurdengebiet

Seine Frau und Tochter hat Abu Iwan mit seinem Bruder auf den langen Fußmarsch in die relative Sicherheit der Stadt Dohuk im autonomen Kurdengebiet geschickt, doch er selbst harrt mit seiner greisen Mutter in den Bergen aus. "Meine Mutter ist 80 Jahre alt und kann kaum gehen. Wir konnten sie nicht alleinlassen, also brachten wir sie hier herauf", sagt der Imker am Telefon der Nachrichtenagentur AFP. Ebenso wie andere Flüchtlinge schaltet er sein Handy nur kurzzeitig für Gespräche mit Regierungsvertretern, Helfern oder Journalisten an, um Strom zu sparen.

"Wir sind erschöpft, weil wir verhungern", sagt Abu Iwan. "Es gibt nichts hier." Einige der Flüchtlinge hätten Schutz in alten Wohnhöhlen in einer der Schluchten gefunden. Doch der Gebirgszug, der sich nahe der syrischen Grenze über 60 Kilometer erstreckt, ist weitgehend unbewachsen und wasserlos.

Anführer der Jesiden warnen, dass ihre Gemeinschaft durch Hunger ausgelöscht zu werden drohe. Doch die Berge zu verlassen ist gefährlich, denn in der Ebene warten die Kämpfer des Islamischen Staats, wie Abu Iwan berichtet.

IS blockiert Fluchtweg

"Wir haben mit einigen gesprochen, die es bis in die Türkei geschafft haben. Doch auf der Flucht stießen sie auf IS-Kämpfer, die ihnen den Weg abschnitten", sagt der Imker. "Einige konnten fliehen, andere wurden getötet, weitere kehrten in die Berge zurück."

Rund 800 Jesiden schafften es laut den Behörden im Norden über die Grenze in die Türkei, weitere Familien wurden von kurdischen PKK-Kämpfern nach Syrien in Sicherheit gebracht. Doch harren weiter tausende Jesiden in kleinen Gruppen verstreut in den Bergen aus.

Angesichts der "Gefahr eines Genozids" ordnete US-Präsident Barack Obama inzwischen an, dass die US-Luftwaffe Hilfslieferungen über den Sinjar-Bergen abwirft und auch gezielte Luftangriffe auf die Jihadisten fliegt.

Abu Iwan hat von der US-Hilfe noch nichts gesehen. Doch nach dem ersten verfehlten Abwurf gab es doch noch "ein Geschenk aus der Luft", wie der Jeside berichtet. "Ein irakisches Flugzeug hat uns gerettet. Es beschoss IS-Kämpfer, als sie zu uns heraufkamen und kurz davor waren, uns zu finden." (APA/AFP, 9.8.2014)

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