Prozess in Wien: Spielsüchtiger Betrüger ohne Überblick

8. August 2014, 14:27
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Ein junger Mann verspielte zehntausende Euro am Automaten. Um weiter auf die Knöpfe drücken zu können, begann er zu betrügen

Wien - Der Angeklagte Deni D. ist 22 Jahre alt und hat Schulden. "Wie viel?", will Nicole Baczak, Vorsitzende des Schöffensenats, von ihm wissen. "Ich habe den Überblick total verloren. Vor zwei Jahren waren es 30.000 Euro, jetzt werden es 50.000 Euro sein", sagt er leise. Verbindlichkeiten, die ihn wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs vor Gericht gebracht haben.

Neun digitale Zeitungsabos soll er bestellt haben, um an die als Draufgabe beworbenen Tablets zu bekommen. Unter seinem richtigen Namen, aber unter falschen Adressen. Bei einer Tankstelle soll er 20 Euro schuldig geblieben sein und schließlich einem Mann illegalerweise seine Gemeindewohnung untervermietet und eine überhöhte Ablöse für seine Möbel kassiert haben. Und schließlich soll er als Pizzazusteller in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Gesamtschadenssumme: knapp 7000 Euro.

Mit 13 Jahren am Automaten

All das, da er das Geld für Spielautomaten brauchte, erzählt der Angeklagte. Denn: "Ich spiele, seit ich 13 oder 14 bin. Seit 2011, 2012 in extremster Weise und mit extremen Summen." Auch hier fragt Baczak nach und will konkrete Beträge wissen. "Mein Vater hat das Haus in Serbien verkauft, da habe ich 30.000 Euro bekommen. Nach einem Monat war das weg", gibt D. ein Beispiel.

Ein anderes Mal reichten 4300 Euro für Freitagabend bis Sonntag. "Deshalb heißt es kleines Glücksspiel", merkt die Vorsitzende ironisch an Politik und Glücksspielindustrie gerichtet an. Ob er ein Stammlokal gehabt habe? "Nein, ich kenne schon jede Kabine in Wien."

Seine Post öffnete er nicht mehr, blieb die Miete zehn Monate schuldig, bezahlte weder Strom noch Heizung. Die Folge waren Delogierung und Obdachlosigkeit. Als er von seinem Vater verwahrlost in einem Park gefunden wurde, gestand er ihm seine Spielsucht.

"Unheilbare Krankheit"

Ein Schritt zum Guten. D. begann eine stationäre Therapie, die Krankheitseinsicht scheint durchaus gegeben. "Es ist eine unheilbare Krankheit", sagt er dem Gericht. "Es geht darum, mit den Gedanken umgehen zu können."

Damals waren die recht eingeengt: "Ich hatte nur den Gedanken, dass ich zu Geld komme und wieder in die Kabine kann." Kein Einzelfall, übrigens. Der Wiener Kriminalbeamte Robert Klug erklärte am Freitag gegenüber dem ORF, 98 Prozent aller Bankräuber in der Bundeshauptstadt hätten Spielschulden.

Für D. gibt es vielleicht Hoffnung. Mittlerweile arbeitet der Unbescholtene wieder bei einem Zustelldienst, auch im Saal trägt er seine Uniform, schließlich sei er direkt von der Arbeit gekommen, wie sein Verteidiger Georg Hoffmann sagt.

Bewährungshilfe und Therapie

Nach zehn Minuten Beratung verkündet Baczak das rechtskräftige Urteil: ein Jahr bedingte Haft für schweren gewerbsmäßigen Betrugs, der geringer bestraft wird. Dazu ordnet sie Bewährungshilfe an und erteilt die Weisung, dass sich der junge Mann drei Jahre lang weiter der Therapie unterziehen muss.

"Sie sind kein Großverbrecher", gesteht ihm die Vorsitzende zu und rät ihm zum Privatkonkurs. "Viel Erfolg", wünscht sie ihm noch am Ende. (Michael Möseneder, derStandard.at, 8.8.2014)

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