"80 Days" im Test: In 80 Tagen um die Welt

10. August 2014, 12:00
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Das iOS-Reiseabenteuer lässt Spieler im Wettlauf den Erdball eines alternativen 19. Jahrhunderts umrunden

Jules Vernes Abenteuerroman “Reise um die Erde in 80 Tagen”, besser bekannt als “In 80 Tagen um die Welt”, ist als Klassiker wohl den meisten bekannt, und sei es nur von einer der zahlreichen Verfilmungen: Der englische Gentleman Phileas Fogg tritt als Resultat einer Wette nur von seinem treuen Diener Passepartout begleitet eine halsbrecherische Reise um die Welt an, um sie erfolgreich in nur 80 Tagen zu umrunden. Im iOS-Adventure “80 Days” haben nun Spieler die Gelegenheit, dieses Kunststück zu wiederholen.

Wir schreiben das Jahr 1872, doch sonst ist nichts wie immer: Im Spiel der britischen Abenteuerspezialisten inkle, denen bereits letztes Jahr mit “Sorcery!” ein höchst origineller Eintrag ins altehrwürdige Adventuregenre gelungen ist, ist alles einen Tick fantastischer als im ohnedies an Abenteuerlichkeiten nicht armen Original des französischen Science-Fiction-Großvaters Jules Verne. Die Welt, durch die Fogg und Passepartout reisen, ist merkbar dem Science-Fiction-Genre des Steampunk zuzuordnen: Riesenhafte Roboter und kunstfertige Androiden, Luftpiraten in Zeppelinen, afrikanische Flugmaschinen und dampfbetriebene Kutschen geben der Jagd um den Globus einen Hauch Phantastik, ohne jedoch den sympathisch charakteristischen 19.-Jahrhundert-Grundton einzubüßen. Phileas Fogg ist und bleibt ein distinguierter britischer Gentleman, der mit typischem Understatement kaum eine Miene verzieht und mit kühler Höflichkeit auch der haarsträubendsten Situationen Herr wird.

Reiseplanung mit Hindernissen

Aufgabe Passepartouts bzw. der Spieler ist es einerseits, die Jagd um die Welt organisatorisch und logistisch zu planen: Ausgehend von London ergeben sich bereits mehrere Möglichkeiten, sich seinen Weg Richtung Osten zu bahnen. Soll die Reise über Moskau und die transsibirische Eisenbahn führen oder aber doch über Nordafrika und Indien? Nicht alle Orte sind miteinander verknüpft oder auch nur gut zu erreichen, manche Routen sind beschwerlicher und manchmal sind auch Umwege nötig. “80 Days” zwingt seine Spieler dabei zur sorgfältigen Reiseplanung und gibt quasi nebenbei Nachhilfe in Geografie: Auf dem frei beweglichen 3D-Globus sind die bekannten Verbindungen zwischen Städten eingezeichnet und Züge, Fluggeräte oder noch exotischere Fortbewegungsmittel verlassen die Städte zu festgelegten Zeiten. Da “80 Days” in (allerdings recht gemütlicher) Echtzeit gespielt wird, können zu lange Marktbesuche also auch tatsächlich zum Versäumen der jeweiligen Mitfahrgelegenheit und somit zum Zeitverlust führen.

In den Städten, aber auch während der mal mehr, mal weniger beschwerlichen Transporte erblüht “80 Days” andererseits zum humorvollen (Text-)Adventure mit entschieden modernen Tugenden. In der Gestalt Passepartouts trifft der Spieler direkt im Lesefluss immer wieder Entscheidungen - ob eine Begegnung belanglos bleibt, zum Rendezvous wird oder gar ins Kriminelle führt, ist der Auswahl des Spielers ebenso überlassen wie die Reaktionen und Antworten des tapferen Kammerdieners. Es ist eine moderne Variante des “Choose Your Own Adventure”-Systems, die ähnlich im Ausnahme-Adventure “Kentucky Route Zero” zur Anwendung kommt und hier wiederholt spannende und auch überraschende Story-Wendungen hervorbringt. Im Unterschied zum angestaubten klassischen Textadventure bahnen sich Spieler so mit einer Fülle schneller Entscheidungen ihren Weg durch das nichtlineare Stück interaktiver Literatur.

Textadventure, frisch wie nie

Verbunden mit der großen Anzahl von 150 Städten und der Möglichkeit, seine Route immer wieder neu zu planen, ergibt sich so ein wild wucherndes, riesiges Abenteuer an unzähligen Möglichkeiten, das sich bei einmaligem Durchspielen unmöglich erforschen lässt - und die allermeisten Spieler werden ohnedies mehr als einen Anlauf brauchen, um Phileas Foggs Wette auf ihrer ganz persönlichen Route zu gewinnen. Dass auf der Karte außerdem alle anderen zugleich online spielenden Reisenden sichtbar sind, lässt zudem tatsächlich eine Art Rennfieber aufkommen.

“80 Days” überzeugt als “Vollpreisspiel” für iOS durch seinen Humor, seine Originalität sowohl in Spielmechanik als auch Setting und durch die außerordentlich hohe Qualität der gebotenen Texte. Mit seiner flexiblen, interaktiven Erzählung ist es der Beweis, dass das längst in obskure Nischen abgetaucht geglaubte Genre des Textadventures noch quicklebendig und frisch wie lange nicht ist. “80 Days” ist ein weiterer Beweis dafür, dass es im Mobile Gaming abseits von Free-2-Play und Massenware auch Platz für innovative Ausnahmetitel gibt. (Rainer Sigl, derStandard.at, 10.8.2014)

“80 Days” ist zum Preis von 4,49 Euro vorerst nur für iOS erschienen.

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80 Days

  • “80 Days” ist zum Preis von 4,49 Euro vorerst nur für iOS erschienen.
    screenshot: "80 days"

    “80 Days” ist zum Preis von 4,49 Euro vorerst nur für iOS erschienen.

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