Eine doppelte Metamorphose

8. August 2014, 17:25
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Der von Luftwurzeln verspürte Mangel an Zugehörigkeit: Sigrid Löfflers Anthologie einer neuen, hybriden Weltliteratur im Spannungsfeld zweier oder mehrerer Kulturen

Der Leipziger Buchpreis 2014 ging an den Inder Pankaj Mishra. Polemisch geißelte er in seiner Rede Europas "Ansprüche auf moralische, geistige und politische Überlegenheit". Obwohl die Definition von Weltliteratur noch immer hier getroffen wird: Bei der Verleihung namhafter Preise sind Autoren mit transnationaler Identität schon eher Regel denn Ausnahme. Nichts ist in aufgeklärten Kreisen moderner, als nicht eurozentristisch zu sein, sondern kosmopolitisch zu denken. Migranten sind zu Leitfiguren des Literaturbetriebs geworden.

Ganz neu ist das nicht. Einst wanderten die Werke, dann die Autoren, manche aus freien Stücken wie Goethe, der den Begriff Weltliteratur prägte, immer mehr aber unfreiwillig. Sigrid Löffler, Grande Dame der deutschsprachigen Kritik und Gründerin der Zeitschrift "Literaturen" - bewusst im Plural -, führt uns mit der Neuen Weltliteratur und deren großen Erzählern in Weltgegenden, die kaum Sehnsuchtsorte sind. Das einstige britische Empire dient als Erläuterungsmodell für Zerfall und Migration.

Löffler beginnt ihre Zeitreise durch 60 Jahre Entkolonisierung, Transkulturation, Kreolisierung, Verzweiflung und Erfolg in London, Europas multi-ethnischste Stadt. Seit 1948 per Schiff 500 Gastarbeiter aus Jamaika ankamen, folgten rasch Inder und Pakistani, später Afrikaner. Für Zuwanderer wie V.S. Naipaul oder Michael Ondaatje wurde nicht unbedingt Entbehrung zur Produktivkraft, eher Melancholie: der von Luftwurzlern verspürte Mangel an Zugehörigkeit.

Löffler skizziert die Lebensläufe und -brüche jener Pioniere einer "hybriden" Literatur im Spannungsverhältnis zweier oder mehrerer Kulturen, die heute arriviert und zum Teil Nobelpreisträger sind, aber auch viele neue. Notgedrungen musste sie auf "exemplarische Autoren" eingrenzen oder auf solche, die für sie auch ästhetisch interessant sind. In ihrer Anthologie setzt sie deren Werke in den Kontext globaler Entwicklungen. Es sind Geschichten vom Überleben, von Flucht oder Auswandern und vom Ankommen der Getriebenen in den "arrival cities" London, New York, Toronto, aber auch Bombay, Paris oder Berlin.

Die erste Autorengeneration hat sich am Aufeinandertreffen von West und Ost, Nord und Süd abgearbeitet, die zweite hat schon neue, globale Kulturkonflikte vorausgeahnt. The Empire Writes Back with a Vengeance schrieb Salman Rushdie 1982. Eine jüngere Generation übt nicht mehr den antikolonialen Befreiungsgestus, sondern geht selbstkritisch in die widersprüchliche Gegenwart, wie etwa der Somalier Nuruddin Farah oder der Nigerianer Helon Habila in seinem beklemmenden Nigerdelta-Roman Öl auf Wasser.

Diese Autoren schreiben von Hunger, Folter und Gier in gescheiterten Staaten. "Je korrupter eine Gesellschaft, desto üppiger und besser ist oft die Literatur. Sie hat genügend Erzählstoff", meint Löffler. Schöpft die neue Weltliteratur ihre Dringlichkeit aus Bürgerkriegen und Elend? Es sind nicht nur hoffnungslose Geschichten. Dahinter steckt für Löffler auch Utopie, die Überwindung der Verwerfungen zwischen Religion, Tradition und Moderne.

Zuwanderer müssen erzählen. Sie übernehmen literarische Formen des Westens und verändern den Kanon mit ihren Themen und Bildern. Es ist eine doppelte Metamorphose: Mit dem Kultur- und oft auch Sprachwechsel wird das Autoren-Ich heterogen, aber auch die Einwanderungsländer und ihre Definitionsmacht ändern sich. Immer mehr Werke werden in renommierten Magazinen wie der New York Review of Books besprochen.

Egal ob Armutsmigranten oder jüngere Autoren, die mit ihrer Elitemobilität souverän über transnationale Lebensläufe und Identitäten verfügen: Alle sind sie Grenzgänger "lost in transnation". Für letztere Gruppe hat die ghanaisch-nigerianische Autorin Taiye Selasi den Begriff Afropoliten geprägt. Diese treten in Talkshows eloquent als hippe Weltafrikaner auf, greifen aber am Flughafen-Einreiseschalter gerne zum EU-Pass.

Zerfalls- und Bürgerkriegsgeschichten, wo Völker aufeinanderschlagen, liegen nicht nur in der Ferne: Gegen Ende kommt Löffler wieder nach Europa, am Beispiel des US-Bosniers Aleksandar Hemon zu Belagerungsgeschichten von Sarajevo und den Kriegsverheerungen der Seele. Unter den gut 50 skizzierten Autoren hat Löffler auch einige auf Deutsch schreibende gestreift, etwa Irena Brezná, die mit der Undankbaren Fremden in brillantem Furor über Ankommen, Anpassung und Widerrede einem saturiert-friedlichen Land wie der Schweiz den Spiegel vorhält.

Unterschiedlichste Sprachflüsse münden in Löfflers Betrachtungen. Man mag der Essayistin vorwerfen, dass ihre Auswahl englischlastig ist. Englisch ist für die studierte Anglistin eine besonders demokratische Sprache. London oder New York sind Magneten für Migranten aller Herren Länder. Anerkennung dort öffnet die Tore zu globalem Erfolg. Zahllose arabische oder portugiesischsprachige Autoren Afrikas wurden ebenso wenig erwähnt wie viele französischsprachige: Dazu gibt der Afroromanist János Riesz im kürzlich erschienenen Südlich der Sahara einen Überblick. Und Lateinamerikas Wortmagie wird längst als Teil der Weltliteratur wahrgenommen.

Der Titel Die Neue Weltliteratur klingt etwas bombastisch. Es ist kein Lexikon, aber eine kluge Orientierungshilfe und ein inspirierender Essayband. (Gunther Neumann, Album, DER STANDARD, 9./10.8.2014)

Sigrid Löffler, "Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler", € 20,60 / 344 Seiten. CH. Beck, München 2014

  • Nicht unbedingt Entbehrung, sondern Melancholie als Produktivkraft. Der in Sri Lanka geborene kanadische Autor Michael Ondaatje wartet beim westindischen Jaipur Literatur Festival auf seine Lesung. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2012.
    foto: ap / manish swarup

    Nicht unbedingt Entbehrung, sondern Melancholie als Produktivkraft. Der in Sri Lanka geborene kanadische Autor Michael Ondaatje wartet beim westindischen Jaipur Literatur Festival auf seine Lesung. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2012.

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