Valerie Fritsch: Wie hat mich Afrika verändert?

10. August 2014, 10:00
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Auf Reisen bleiben die Gewohnheiten aus, und der Reiz des Sehens setzt ein: Nigeria. Benin. Togo. Ghana. Eine Reise durch Voodooland

Man fragt mich, ob ich die Welt gesehen habe auf meinen Reisen. Und ich weiß nicht, ob die Welt je still genug hält, um gesehen zu werden. Alles schichtet sich bedächtig um, von morgens bis abends, alles bewegt sich unaufhörlich, tauscht Platz, wandelt Form, wächst heran zu einem und verfällt zu einem anderen, löst sich ab oder löst sich auf, wird groß und wieder klein, dreht sich ohne Unterlass um sich selbst: Den Stillstand der Axis Mundi gibt es nicht.

Dem Pilger singen die Meere und die Vögel Seemannslieder, und die Weltachse kratzt als Grammophonnadel im Universum die Sphärenmusik hervor zum Marsch. Der Mensch wird Transhumanist, dem die Länder als Herzschrittmacher in den Körper gebaut sind, die das Herz und die Beine antreiben ohne Unterlass. Die Sehnsucht wird Prothese, Krückstock und Wanderstab, an dem man sich aufrichtet. Das Moskitonetz der Schleier der Windsbräute und Abenteurer. Alles verwandelt sich mit den Schritten, die man geht, und mit den Jahren, die man wegbleibt - nichts bleibt, was es, und niemand, wer er war. Man ist nie etwas oder jemand lang genug, um es zu bleiben. Wie alle Reisenden bin ich nicht aufgebrochen, um die Welt zu verändern, aber um zu sehen, dass sie mich verändert.

Ich gehe und gehe, ich trage mein Herz westwärts über die Linien der Landkarten und die Wege der Länder. Ich reise von Nigeria nach Benin nach Togo nach Ghana immer dem Zauber hinterher. Die Leprakranken knien in jenen Gebieten, die niemandem gehören und wo man niemandem gehorcht, zwischen den Grenzen und lehnen an den Schranken, die das eine Land von dem anderen trennen. Die beinlosen Bettler sitzen mit ihren Rümpfen auf alten Skateboards und tauchen sich mit Händen, die in Sandalen stecken, über die rote Erde an und verfolgen jene, die ihnen keine Münzen zuwerfen wollen.

Sie murmeln Beschwörungen und zeichnen Formeln mit trockenen Knochen in die Luft. Sie recken mir ihre bröckelnden Körper entgegen, sie beugen sich den Fremden über die Grenzlinien von Nigeria hinterher nach Benin, sie formen die Handteller zu leeren Schüsseln, die ich nicht füllen kann. Sie tragen ihre Krankheiten wie Eigenschaften, einen Charakter, ein gnädiges Schicksal, weil es doch das Einzige ist, dessen sie habhaft werden konnten.

Ein Ort kann ein Schicksal sein. Sie sehen mir nach, weil ich nicht bleiben muss. Ich folge den tiefschwarzen Menschen mit ihren gelben Augen, die die Absperrungen mit Schubkarren voller Rinderhälften und Schlachtfleisch queren, und den Frauen, die große graue Schüsseln, aus denen sternförmig die glänzenden Schwänze der Fische ragen, auf den Köpfen tragen, so stolz, als trügen sie eine silberne Krone.

Hier beginnt eine wilde Welt

Westafrika ist Voodooland. Überall sind sie, die göttlichen Geisterwesen, die einem Gott und all jenen Menschen dienen, die sie anrufen. Es ist eine hybride Religion aus Allerlei, die durch die Sklaverei übers Meer fuhr und immer neu wiederkam, ein Glaube mit indischen Tänzen, Gottvertrauen nach karibischen Mythen, eine Zauberei, mal schwarz, mal weiß, mit christlichen Heiligenbildern und Tieropfern, die nicht nur die Geister, aber auch die Menschen ernähren. Ich besuche einen Pythontempel, in dem hunderte Würgeschlangen träge und heilig hinter verschlossenen Türen in einem Häuschen schlafen. Nur abends, wenn man die Tore öffnet, verlassen sie den Hof, um zu jagen, und findet ein Dorfbewohner eine Schlange in seiner Hütte, seinem Bett, seinem Kochtopf, bedeutet dies Glück, und er bringt sie, sich fröhlich um den Hals gewickelt, anderntags zurück in den Tempel.

Nicht nur Voodoo ist Magie, auch die Landschaft hext hier. Hinter den Maschen der Moskitonetze beginnt eine wilde Welt, eigenartig, kriegerisch, sprachlos, als wäre sie noch nicht in viele Worte gefasst, voll mit brennend heißen Maisfeldern und Bergen, hinter denen Unwetter drohen und Himmel, die sich rauchblau als Kathedralen um sie wölben. Hier steht das Benzin in alten Schnapsflaschen und Sirupgläsern am Straßenrand zum Verkauf, und die Verkäufer schlafen in der Mittagsglut träge auf dem Boden neben ihren Waren.

In den Autos, die zwischen den Dörfern verkehren, drängen sich acht Leute in einen Viersitzer, und es riecht nach Schweiß und Muttermilch. Die Kinder liegen nackt auf den hochgezogenen Beinen der Frauen und saugen im Fahrtwind an den schwarzen Brustwarzen, groß wie Mantelknöpfe. Es gibt halluzinogene Hitze und den somnambulen Flow der Landschaft, wenn man zwischen dem einen und dem anderen Ort, an die dreckigen Scheiben gelehnt, schläfrig über die Straßen schaukelt und später nachts die Augen auf den Mond heftet.

Auf Reisen bleiben die Gewohnheiten aus, und der Reiz des Sehens setzt ein. Hier bin ich in die Irre geführt von den Entfernungen und Windrichtungen, die mit jeder Bö drehen in diesem heißen Landstreifen, in dem Hexerei und Geister aus der Erde steigen. Die Voodoodörfer liegen winzigklein verstreut an den Straßen und sind vollgestopft mit Opferaltären und Priestern, deren Schellen an den Handgelenken ihren Zauber einläuten mit jedem Schritt, den sie gehen. Ein nomadisches Klingeln der Luft kommt auf, einmal hier und einmal dort, um gleich wieder zu verstummen in den leeren Gassen. Es gibt jene Kinder, die im Spiel den Plastiksäcken hinterherlaufen, die der Wind hochreißt, als wären es Drachen, und Säuglinge, die in Haufen aus grünen Orangen sitzen, als wären sie im Ikea-Kinderparadies und spielten mit den runden Früchten. Die Bäume sind groß wie Türme, bis sie abends von der Dunkelheit davon geschoren werden in die Nacht.

Abgehackte Köpfe

Auf den Fetischmärkten kaufen die Menschen Medizin gegen Liebeskummer, Erkältungen und Aids oder Amulette für ein bisschen Glück. Die großen hölzernen Glieder stapeln sich an den Ständen der Priester zwischen den aufgeplatzten und zum Trocknen niedergelegten Tierkadavern und Raubtierfellen. Die Fetischmärkte sind Orte, überfüllt mit eigenartigen Schatten und Schlangen, die sich im Stoff der zugebundenen Jutesäcke winden, Affenschädeln, die in der Hitze aneinander kleben, Krokodiltorsos, die aufgespießt auf Metallstangen im Wind stehen. Wie die artengeschützten Tiere aufgebahrt sind und man ihnen zur Präparierung bloß den Bauch aufschneidet. Wie sich die mumifizierten Gesichter der Hunde traurig anschauen, wie die trockene Haut dünn wie Papier sich um die Zähne spannt, wie die abgehackten Köpfe der Paradiesvögel zwischen den Knochen leuchten und sich auf den Leichen die Fliegen tummeln mit ihren tausendfach zerbrochenen Augen.

Der Gestank des Fleisches schnürt die Glücksbringer ein, aber das nervöse Schreien der Opfertiere, der Ziegen, Rinder und Hühner, die man in Käfigen zum Verkauf feilbietet, öffnet sich über ihnen wie ein Schirm.

Später werden sie mir wiederbegegnen, die Tiere. Ich werde in einer dunklen Nacht neben einem großen Baum mit tausenden Menschen in der Dunkelheit hocken, ärgerlich geduldet, während der halbnackte König von Benin auf einem Ikea-Liegestuhl thront inmitten seiner Frauen. Es wird Tanz und Trance geben, Trommelwirbel und Delirium, lange Messer und Baldachine über den Schlachttieren.

Bei einer Zeremonie werden sie gefesselt inmitten betender Menschentrauben versuchen, mit ihren zusammengebundenen Beinen aufzustehen, und irgendwann mit ihren Rümpfen zucken, während man ihnen aus ihren Köpfen schon das Blut trinkt und der König von Benin in einem kleinen Volvo wieder davonfährt. Mit blutigen Knien werde ich bleich eine polnische Zigarette rauchen und nahe an einer Welt gewesen sein, die mir nahe gegangen ist. Wie alle Reisenden werde ich nicht aufgebrochen sein, um sie zu verändern, aber um im Spiegel zu sehen, dass sie mich verändert hat. Das Fremdsein lernt man nicht auf den Reisen, aber erst an den Gesichtern der anderen, wenn man wiederkommt.

Verzaubert. (Valerie Fritsch, Album, DER STANDARD, 9./10.8.2014)

  • Verkäufer in der Mittagsglut, schlafend neben den Waren: Fetischmärkte sind Orte, überfüllt mit eigenartigen Schatten und Schlangen, die sich im Stoff der zugebundenen Jutesäcke winden, und Affenschädeln, die in der Hitze aneinander kleben ...
    foto: valerie fritsch

    Verkäufer in der Mittagsglut, schlafend neben den Waren: Fetischmärkte sind Orte, überfüllt mit eigenartigen Schatten und Schlangen, die sich im Stoff der zugebundenen Jutesäcke winden, und Affenschädeln, die in der Hitze aneinander kleben ...

  • Valerie Fritsch geb. 1989 in Graz, studierte an der Akademie für angewandte Fotografie. Sie arbeitet als freie Schriftstellerin und Fotokünstlerin. Zuletzt erschien von ihr "Die Welt ist meine Innerei. Reisebriefe und Bilder" (Septime 2012).

    Valerie Fritsch geb. 1989 in Graz, studierte an der Akademie für angewandte Fotografie. Sie arbeitet als freie Schriftstellerin und Fotokünstlerin. Zuletzt erschien von ihr "Die Welt ist meine Innerei. Reisebriefe und Bilder" (Septime 2012).

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