Wie und wo neue Berufe entstehen

Interview10. August 2014, 11:19
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An der Schnittstelle zur Forschung werden neue Berufe entstehen, sagt Sabine Putz (AMS) und erklärt, ab wann von einem neuen Beruf gesprochen werden kann

STANDARD: Der Anspruch der Wirtschaft und neue Technologien verändern den Arbeitsmarkt. Wo entstehen neue Berufsbilder?

Putz: Neue Berufe entstehen hauptsächlich an der Schnittstelle zur Forschung oder durch neue Dienstleistungen, die durch neue Technologien getrieben werden. Im Gegensatz zu Mangelberufen wie beispielsweise in der Metallverarbeitung oder auch im Tourismus gibt es bei neu entstandenen Berufen meist keinen Engpass an Mitarbeitern.

STANDARD: In welchen Bereichen werden neue Berufe entstehen?

Putz: Da gibt es verschiedene Prognosen. Energietechnik ist einer dieser Bereiche, in denen sich durch die Energiewende und den Anspruch, Energie zu sparen, zuerst Mitarbeiter im Betrieb damit beschäftigt haben. Mittlerweile gibt es an den Fachhochschulen Studienschwerpunkte dazu. Auch Biotechnologie ist in Österreich ein Zukunftsbereich, in dem viel geforscht wird; wie stark sich das auf die Produktion und damit auch auf neue Berufe auswirkt, ist noch nicht so eindeutig. Das Gleiche gilt für den gesamten Bereich der Pflege. Hier könnten durch die technologischen Möglichkeiten ganz neue Berufsbilder entstehen. Der Bedarf nach Ambient-assisted Living wäre gegeben. Dieser Bereich ist aber sehr kostenintensiv, und neue Berufe und damit auch neue Arbeitsplätze werden davon abhängen, wer die Kosten übernehmen soll - die Krankenkassen oder die einzelnen Haushalte.

STANDARD: Ab wann spricht man dann von einem neuen Beruf?

Putz: Es beginnt meistens damit, dass zusätzliche Aufgaben in bestehenden Berufen zu erledigen sind und es dafür noch keine eigene Ausbildung, sondern nur punktuelle Qualifizierungsangebote gibt. Irgendwann wandelt sich der Beruf so stark, dass dieser an eine umfangreichere Ausbildung gekoppelt wird. Und dann spricht man typischerweise von einem neuen Beruf. Oft unterliegen neue Berufe aber auch bestimmten Trends. Ayurveda-Berater ist beispielsweise so ein Modeberuf. Hier ist der Schritt in die Selbstständigkeit meistens die einzige Möglichkeit.

STANDARD: Aber es gibt auch Ausbildungsangebote beispielsweise im Nachhaltigkeits- oder Corporate-Social-Responsibility-Bereich, für die es kaum Jobangebote gibt ...

Putz: Es ist oft schwer zu prognostizieren, in welchem Umfang bestimmte Qualifikationen am Arbeitsmarkt gefragt sind. Gerade im Bereich der Green Jobs und der Green Economy spielen staatliche Förderungen eine Rolle. Solarenergie ist dafür ein gutes Beispiel, denn neue Technologien sind von Förderungen abhängig, und daran hängt auch der Jobmarkt. Es kommt aber auch darauf an, was von Unternehmen gefordert wird. Wenn es beispielsweise bestimmte Normen im Bereich der Nachhaltigkeit zu erfüllen gilt, dann bedarf es dafür auch qualifizierter Mitarbeiter.

STANDARD: Die angebotenen Ausbildungen decken sich mit den Anforderungen in den Unternehmen ...

Putz: Wir forschen ja auch mit den Betrieben und fragen, was ihnen fehlt. Und in Einzelfällen, wenn ganz spezielles Know-how gefragt ist, gibt es möglicherweise dafür kein passendes Bildungsangebot, aber generell gibt es im österreichischen Ausbildungssystem keine großen Lücken. Denn die Weiterbildungseinrichtungen reagieren sehr rasch bei der Entwicklung passender Programme.

STANDARD: Welche Berufe sind gefährdet?

Putz: Viele Berufe gibt es jetzt schon nur noch theoretisch, Hutmacher oder Büchsenmacher beispielsweise. Traditionelle Handwerksberufe bestehen zwar weiterhin, aber Jobangebote sind sehr selten. Gefährdet sind auch solche Berufe, bei denen ganze Industriezweige abgewandert sind, wie beispielsweise die Textilindustrie.

Sabine Putz leitet die Abteilung Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation beim AMS Österreich.

  • An der Schnittstelle zur Forschung werden, so Sabine Putz, neue Berufe entstehen.
    foto: ho

    An der Schnittstelle zur Forschung werden, so Sabine Putz, neue Berufe entstehen.

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