Manager 45+ auf der Reservebank

8. August 2014, 16:50
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Jugendwahn und die allzu schnelle Bereitschaft, Leute Mitte Vierzig raus zu schicken, kritisiert Personalberater Martin Mayer

STANDARD: Wie sehen die Karrierechancen im Jahr sieben der Stagnation nach der Boomzeit aus? Welche Generation hat die besten?

Mayer: Ausgenommen im Topmanagement erlebe ich so etwas wie einen Jugendwahn in den großen Unternehmen. Das ist nicht nur eine Gehaltsfrage, weil die Älteren angeblich so teuer sind, es wird offenbar allgemein angenommen, dass die Jungen mit dem Wandel besser zurechtkommen, dass sich das mit ihnen eher gestalten lässt.

STANDARD: Sie haben da Zweifel ...

Mayer: Allerdings. Ich halte es für falsch, dass die Social-Media-Leute in den Unternehmen nur ganz Junge sind. Lebenserfahrung bringt kritische Distanz zur rasenden Entwicklung in den neuen Medien. Wer älter ist, hat mehr Überblick und kann besser beurteilen, was für die Firma relevant ist. Das sehe ich auch zum Thema "Change, Wandel" so: Lebenserfahrung ist dafür ein Kapital, das auch verhindert, gleich auf alles aufzuspringen - oder gleich wieder abzuspringen.

STANDARD: Dass Ältere so viel wertvolles Erfahrungswissen haben, ist ja quasi ein Mantra der Wirtschaft - tatsächlich will man Leute ab 50 aber loswerden ...

Mayer: Ja, das sind Lippenbekenntnisse, sonst gar nichts. Im Arbeiterbereich gibt es einige gute Initiativen, im qualifizierten Bereich so gut wie nichts. Da besteht eine unselige Allianz, vor allem bei den Multis: Die setzen auf Junge und schicken die 50er tendenziell raus. Das liegt teilweise auch daran, dass es die Jobs für diese Qualifikationen nicht mehr ausreichend gibt.

STANDARD: Was ja auch zu Standortkritik geführt hat: Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl wurde da ja gebasht.

Mayer: Tatsache ist aber, dass Österreich auch auf der Karrierenseite sehr von der Ostöffnung profitiert hat und viele Steuerungsfunktionen für CEE übernehmen konnte. Viele dieser Jobs sind mittlerweile abgeschafft, in Headquarters zurückverlagert.

STANDARD: Und diese Headquarters sind eben nicht (mehr) in Österreich ...

Mayer: Genau. Dazu kommt ein sehr, sehr großer Konsolidierungsdruck etwa im Finanzbereich. Das hat jetzt zur Folge, dass eine ganze Generation Anfang, Mitte vierzig, jene mit steilen Karriereverläufen, verantwortungsvollen Positionen und wirklich guten Einkommen, verloren auf oder vor dem Arbeitsmarkt steht. Das zieht sich durch die zweite und dritte Ebene in Organisationen. Diese Leute haben aber noch 20 Jahre Erwerbsarbeit vor sich. Was da jetzt gerade passiert, ist, dass eine ganze Generation dieser Karrieren realisiert, dass dieses Leben so wie gestern vorbei ist.

STANDARD: Wohin verschwinden diese Manager und Experten?

Mayer: Teilweise in die Scheinselbstständigkeit, teilweise in unterqualifizierte Jobs, teilweise sitzen sie noch in Abbaupaketen der Konzerne oder sind still auf Arbeitssuche. Das ist eine toll ausgebildet Workforce, und wir haben keine adäquaten Jobs für sie. Die Situation sieht grob so aus: Wir haben tolle Humanressourcen mit solider internationaler Erfahrung so um die 40 und keine Angebote für sie. Und wir haben Junge, sehr gut ausgebildet, um die sich die Konzerne reißen, die aber weniger leistungsorientiert sind und damit wieder andere Themen in die Organisationen tragen. Die Managergeneration, die die goldenen Jahre erlebt hat, sitzt jedenfalls auf der Reservebank. Ob sie dort je wieder weg- und ins Spiel kommt, ist die Frage.

STANDARD: Und die Antwort?

Mayer: Da sind zwei Ebenen angesprochen: Uns fehlt in Österreich seit einigen Jahren eine aktive Headquarter-Politik. Ich meine nicht Betriebsansiedlungen. Man müsste sich halt schon von offizieller Seite auch einmal zu diesem Zweck in die BRIC-Staaten bewegen und dort erzählen, welche (Human-)Ressourcen es bei uns gibt. Mit dem Steuerabkommen mit Brasilien zum Beispiel sehe ich da gute Chancen in verschiedenen Bereichen. Auf der persönlichen Ebene der Betroffenen heißt das, Volatilität, Mehrdeutigkeit, Veränderung zu akzeptieren. Das ist für viele nach 20 Jahren Vollgas ziemlich schwer. (DER STANDARD, 09./10.08.2014)

  • Iventa-Chef Martin Mayer: "Die Headquarter-Politik fehlt, damit ergeben sich kaum neue Chancen auf neue qualifizierte Jobs"

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