Surfen auf der Welle des eigenen Geistes

9. August 2014, 11:12
3 Postings

Glück in der Arbeit erleben wir, wenn wir im Tun komplett aufgehen, alles wahrnehmen, aber das Gefühl für Zeit und Raum verlieren

Wie beim Wellenreiten gibt es bei der Achtsamkeit nur einen Zustand: das Sein im Hier und Jetzt. Das ist schwierig, wenn im Job Termine einander jagen, für zu viele Aufgaben zu wenig Zeit bleibt, die Kommunikationserfordernisse steigen, das Telefon ständig läutet und Multitasking eine Grundanforderung darstellt. Manchmal geht es nicht anders, trotzdem ist es fraglich, ob unter diesen Bedingungen entstandene Arbeitsergebnisse immer die besten sind.

Wäre es nicht hilfreich, sich störungsfreie Zeitfenster zu organisieren? Handys und Computer hin und wieder abzudrehen und sich voll und ganz der momentanen Aufgabe zu widmen? Was nützt es, sich Gedanken über einen ärgerlichen Satz von vorhin zu machen oder über die noch zu erledigenden Aufgaben später zu grübeln, wenn Sie gerade mit einem Kunden oder einer Kollegin sprechen, in einer Besprechung sitzen, an einem Konzept feilen oder Ihrer Führungskraft zuhören? Sie vergeuden Ihre eigenen Ressourcen, mit der Gefahr, auch in der nächsten Situation eine Art Schiffbruch zu erleiden - eben weil sie nicht voll und ganz bei der Sache waren.

Im Moment sein

Achtsame Menschen sind in gewisser Weise Dompteure ihrer eigenen Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle. Sie verstehen es, nur kurz einen Blick auf ihren Ärger, ihren Neid oder ihre To-do-Liste zu werfen, und sie schaffen es, sich sehr rasch wieder des Positiven zu besinnen. Wer im Moment sein kann, verfügt über ausreichend Ressourcen, sich bewusst der aktuellen Situation zu widmen.

Plötzlich fällt auf, dass es Schweiger in der Besprechung gibt oder aber, dass ein genervter Kunde zur Ruhe kommt, weil man seine Empörung wahrgenommen hat. Was wie ein Zaubermittel klingt, ist erlernbar und bedeutet, eine Metaebene mitzudenken: sich wie von außen Körperhaltung, Emotionen, Tonfall und vieles mehr anzusehen und Schlüsse daraus zu ziehen - bei sich selbst und anderen.

Balance halten

Achtsamkeit ist in gewissem Sinne das Gegenteil von Konzentration. Es gilt ja mich selbst und meine Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen. Interessanterweise überschneiden sich Achtsamkeit und Flow-Erleben. Das Glückserleben im Beruf wurde vom US-Psychologen Mihály Csíkszentmihályi so beschrieben: Glück in der Arbeit erleben wir, wenn wir im Tun komplett aufgehen, alles wahrnehmen, aber das Gefühl für Zeit und Raum verlieren.

Ein Surfer, der die Balance zwischen Körper, Wellen und Brett halten kann, ist ein wunderbares Sinnbild für die Achtsamkeit. Es ist berauschend und macht glücklich, auf der perfekten Welle dahinzugleiten. Und so könnten sich auch viele Momente im Job anfühlen. (DER STANDARD, 9./10.8.2014)

Sabine Lengyel-Sigl ist Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologin, Gründerin von Resi Psychology und Autorin von "Corporate Awareness. Werte und die (R)Evolution der Arbeit" sowie "Diva Liebe. Unerwartet eins".

  • Auf die richtige Balance kommt es nicht nur beim Surfen an.
    foto: apa/dpa

    Auf die richtige Balance kommt es nicht nur beim Surfen an.

Share if you care.