Ärztemangel: "Es ist bereits Feuer am Dach"

7. August 2014, 19:11
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Jungärzte wandern laut Ärztekammer "in Scharen" ins lukrativere Ausland ab, Ambulanzen kappen bereits Dienste, der Streit mit der EU um die Ärztearbeitszeit verschärft die drohende Krise der medizinischen Versorgung.

Wien - Das steirische Krankenhaus Mariazell kann an zwei Tagen in der Woche keinen kompletten Ambulanzdienst mehr anbieten. Es fehlt ärztliches Personal. "Wir haben in ganz Österreich schon solche Mariazells. Es ist bereits Feuer am Dach. Alle in der Politik wissen das", sagt Harald Mayer, Bundeschef der Angestellten Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer.

Die Abwanderung der Jungärzte, die laut Mayer "scharenweise ins Ausland abwandern", sei zum eklatanten Problem geworden. Die Arbeitsbedingungen seien in Deutschland oder anderswo in Europa eben deutlich besser - wie auch die Bezahlung. Vermehrt kehrten auch ältere Ärzte Österreich den Rücken. Mayer: "Die Kinder sind außer Haus und die Ärzte um die 50 wieder flexibler." Dazu kommt: Was in den Bundesländern längst zum Problem geworden ist, erreicht nun auch Wien. Es fehlen die nachkommenden Turnusärzte. Auch in Wien gebe es keine Wartelisten mehr.

Von besonderer Brisanz ist das Thema der Arbeitszeiten für Spitalsärzte. Österreich hätte die EU-Vorgabe - wie in anderen EU-Ländern längst geschehen - schon vor Jahren umsetzen müssen. In heimischen Spitälern sind nach wie vor Dienste mit über 70 Stunden erlaubt, die EU verlangt eine Wochengrenze von 48 Stunden. Österreich bekam eine letzte Frist bis 1. 1. 2015, dies zu lösen. Eine Arbeitszeitreduzierung würde aber hunderte neue Ärzte erfordern - die nicht vorhanden sind.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer will im Herbst eine Opting-out-Regelung ins Parlament bringen, die erlaubt, mit den Ärzten individuelle Verträge über längere Arbeitszeiten zu schließen. Die EU könnte das bis 2021 genehmigen. Die Ärzte wollen aber gar nicht länger arbeiten, sagt Mayer, sondern bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Es droht ein heißer Konflikt im Herbst. Falls er eskaliert, stehen Strafzahlungen an die EU von fünf Millionen Euro pro Monat ins Haus. (Walter Müller, DER STANDARD, 8.8.2014)

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