Putins Kalkül mit den Gegensanktionen

7. August 2014, 17:20
375 Postings

Die russische Führung will nach den Sanktionen das Exportdefizit durch neue Lieferanten und Steigerung der eigenen Produktion auszugleichen

Griechische Pfirsiche, holländische Tomaten, Käse aus Frankreich und Österreich: Im Billa-Laden an der Metrostation Baumanskaja hat sich auf den ersten Blick nichts verändert; die Schlange an der Kassa ist vielleicht ein wenig länger als üblich. "Mein Vater kann Amerika nicht ausstehen, aber er liebt Coca-Cola und raucht Marlboro", scherzt eine wartende Studentin in der Reihe mit ihrer Freundin. Zumindest dieser russische Patriot hat Glück gehabt: Beide Produkte stehen nicht auf der Importverbotsliste.

Dafür kommen Fleisch und Geflügel, Fisch und Krustentiere, Obst und Gemüse sowie Milch und Milchprodukte, die aus der EU, den USA, Kanada, Australien oder Norwegen stammen, auf den Index. Die für ein Jahr geltenden Restriktionen sind die erste Antwort auf die westlichen Sanktionen.

"Die Gegenmaßnahmen, die wir treffen, räumen faktisch die Regale in den Geschäften für unsere Warenproduzenten frei", sagte Premier Dmitri Medwedew nach der Regierungsentscheidung. Obwohl dem Kabinett der Schritt schwergefallen sei, sei er davon überzeugt, "dass wir die Situation zu unseren Gunsten wenden können", fügte er hinzu. Die Regierung setzt mit ihrem Beschluss einen tags zuvor von Präsident Wladimir Putin unterzeichneten Ukas "zum Schutz Russlands" um.

Das Kalkül dahinter ist einfach: Russland rechnet damit, dass die Sanktionsfront schnell zu bröckeln beginnt - immerhin geht es um Einfuhren von insgesamt vier Milliarden Dollar. "Ich rechne ehrlich damit, dass bei unseren Partnern der wirtschaftliche Pragmatismus über dumme politische Erwägungen siegt", sagte Medwedew.

Defizit bei Fleisch und Milch

Doch die Importbeschränkungen sind ein zweischneidiges Schwert. Bei der Schweine- und Rindfleischproduktion kann Russland gerade 74 respektive 70 Prozent des Eigenbedarfs decken. Bei Geflügel sind es immerhin 87 Prozent, bei Milch 88. In den Läden ist der Anteil von Importprodukten derzeit allerdings deutlich höher. "Ich denke, eine Zeit lang - zwei bis drei Monate - werden die unter das Verbot geratenen Produkte in den Geschäften fehlen, bis wir die Warenströme umlenken können", warnt Ilja Sawelski, Vizepräsident der Lebensmittel-Assoziation Gastronom.

Auch eine schnelle Aufstockung der Produktion ist schwierig, zumal die Finanzierung wackelt, nachdem das staatliche Landwirtschaftsgeldinstitut Rosselchosbank im Westen auf der schwarzen Liste für Kreditgeschäfte landete. Die von der Regierung bereitgestellte Milliarde Euro reicht nicht.

Während die Schweinezucht wohl relativ schnell gesteigert werden kann, sieht es in anderen Bereichen problematischer aus. "Rindfleisch werden wir trotz allem importieren müssen", sagt Sawelski.

Lateinamerika steht Gewehr bei Fuß: Brasiliens Viehbarone, vor ein paar Jahren wegen der Futterbeigabe Ractopamine für den russischen Markt gesperrt, haben sich schon bereiterklärt, auszuhelfen. Daneben verhandelt Russland mit Ecuador, Chile, Uruguay und Argentinien über die Aufstockung der Einfuhrquoten. Wegen der schwierigeren Logistik rechnen Experten allerdings mit einem Anstieg bei den Lebensmittelpreisen, der die Inflation um ein bis zwei Prozent antreiben könnte. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 8.8.2014)

Share if you care.