Heikle Kinder: Spaghetti am liebsten ohne alles 

Kolumne10. August 2014, 17:00
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Kein Obst, kein Gemüse: Wie man Kinder dazu bekommt, ausgewogen zu essen. Und Neues auch gern zu probieren

Frage: Mein Sohn ist drei Jahre alt. Ich habe ihn 2,5 Jahre gestillt, mit rund sieben Monaten haben wir mit Beikost begonnen. Schon damals hat er nur Apfelmus akzeptiert und hin und wieder einen Löffel Brei. Seit er nicht mehr gestillt wird, hat er zirka fünf Nahrungsmittel, die er isst, immer und immer das Gleiche. Hauptsächlich Butterbrot, manchmal Müsli (nur eine Sorte), Basmatireis oder Spaghetti ohne alles. Das war's. Er trinkt nur Wasser und Kräutertee.

Das größte Problem für uns ist, dass unser Sohn nicht bereit ist, irgendwas anderes beziehungsweise Neues zu kosten. Er hat solche Angst davor, dass er total unsicher und verzweifelt wird, wenn wir ihn liebevoll und mit viel Geduld bitten, etwas Neues zu probieren. Es funktioniert nicht einmal dann, wenn wir es ihm nur auf die Zunge geben. Wir sind uns sicher, dass er das nicht wegen irgendwelcher Machtspiele oder Aufmerksamkeit usw. macht. Wenn man ihn beobachtet, ist richtig die Verzweiflung und die große Hemmung zu sehen, dass er nun was anderes als sein geliebtes Butterbrot essen soll.

Schön langsam machen wir uns aber richtig Sorgen, ob sein Körper alles bekommt, was er braucht, denn er isst keinerlei Eiweiß, kein Obst, kein Gemüse, keine Hülsenfrüchte usw.

Ist es nicht verantwortungslos von uns als Eltern, dieses Essverhalten beizubehalten? Wir wollen ihn aber auch nicht dazu zwingen. Er isst so gern, und diese Freude am Essen wollen wir ihm nicht nehmen. Was können wir tun?

Antwort: Ein Graffito, das ich einst gesehen habe, lautete "Give up hope and get better!“ ("Gib die Hoffnung auf und werde gesund”). Ich musste daran denken angesichts des Dilemmas, in dem Sie sich gerade befinden. Um für Entspannung auf beiden Seiten zu sorgen, schlage ich vor, dass Sie einen Arzt konsultieren, der einen Gesundheitscheck vornimmt bezüglich Gewicht, Vitaminen etc.

Fällt dieser positiv aus, dann feiern Sie mit Ihrem Sohn, und tischen Sie ihm alle seine Lieblingsgerichte auf. Sagen Sie ihm, dass Sie aufhören werden, sich Sorgen zu machen, solange er gesund ist und sich mit seinem Essen zufrieden zeigt.

Ihr Sohn ist stark, er kennt seine Grenzen und ist gesegnet mit den sensiblen Eltern, die er hat. Sie können das ruhig genießen! (Jesper Juul, derStandard.at, 10.8.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 24. August.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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