Song Contest: ORF-Chef entscheidet sich für Wien 

6. August 2014, 18:03
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ORF-General Alexander Wrabetz entschied sich Mittwoch für Stadthalle als Austragungsort am 23. Mai

Wien - Der Song Contest 2015 geht in der Wiener Stadthalle über die Bühne, der Termin für das Finale ist der 23. Mai. Die beiden Semifinale finden am 19. Mai (Dienstag) und 21. Mai (Donnerstag) statt. Die Entscheidung für Wien fällte der ORF am Mittwoch.

Wieder bleibt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz Roland Rainer treu, und diesmal sogar ganz im Sinne der Wiener Sozialdemokratie: In der Stadthalle, einem der gewichtigeren Bauten des Wiener Architekten, wird am 23. Mai 2015 der 60. Song Contest ausgetragen, die europäischen Meisterschaften der leichten Musik.

Wirtschaftlich galten Innsbruck und an zweiter Stelle Graz bis zuletzt als Bestbieter um den Song Contest 2015. ORF-Finanzdirektor Richard Grasl favorisierte die Bundesländer; bürgerliche ORF-Stiftungsräte sprangen ihm bei.

Gesamtentscheidung für Wien

ORF-General Wrabetz, selbst Sozialdemokrat, entscheidet letztlich als Alleingeschäftsführer des öffentlich-rechtlichen Senders. Er argumentierte zuletzt im STANDARD-Interview schon deutlich in Richtung Bundeshauptstadt: "Das ist eben eine Gesamtentscheidung. Neben den finanziellen Parametern geht es um Fragen wie: Was bringt es dem Song Contest, was der Eurovision, was dem ORF ..."

Doch auch die Menge verkaufbarer Tickets sei entscheidend. In Wien sei wegen des Einzugsgebiets und der Größe der Stadthalle mit dem größten Absatz zu rechnen. Wrabetz verwies auch auf "die Vermarktbarkeit von Großsponsoren", die offenbar aus seiner Sicht für Wien sprach. Auch wenn zuletzt auch Swarovski für Innsbruck ins Rennen ging.

Sponsoren und Betten

Zudem betonte Wrabetz "die generelle Infrastruktur". Nur Wien verfüge auf so kleinem Raum über die nötige Bettenzahl in allen Kategorien, argumentieren dazu Befragte mit Erfahrung in Großevents.

Wrabetz argumentierte auch mit Veranstaltungen, die zum geplanten Image des Song Contest 2015 passen – wie dem (vorerst noch später geplanten) Life Ball in Wien. Nach dem Sieg von Conchita Wurst alias Tom Neuwirth beim Song Contest 2014 für Österreich soll der Bewerb in Wien Toleranz und Offenheit signalisieren.

Wiener Wahlkampf

Den Event dürften umgekehrt FPÖ und wohl auch ÖVP als Wahlkampfmaterial nutzen. Die ÖVP widmete sich schon jetzt etwa den kolportierten Kosten für die Sanierung der Stadthalle, die etwa eine zeitgemäße Klimatisierung braucht.

Elf bis knapp 13 Millionen Euro soll die Adaptierung der Halle kosten. "Die Presse" berichtete zuletzt von womöglich mehr als 20 Millionen für die Stadt. Die Stadthalle dementierte diese Zahlen; aus ihrer Sicht korrekte Werte nannte sie nicht.

Mehr als Malmö

Der ORF kalkulierte für den Song Contest wie berichtet rund 25 Millionen Euro bei zehn Millionen Einnahmen, zunächst erklärt als Ticketverkauf, von Sponsoren und anderen Einnahmequellen. Zur Finanzierung sollen ORF-Reserven aufgelöst werden, hieß es.

Mittwochabend sagte der ORF-Chef, Wien übernehme "die Location , es gibt finanzielle Beiträge zu den Sideevents, zu den Verkehrsdiensten und ein umfassendes Marketing- und PR-Angebot. Das ist mehr als Malmö oder Oslo in den vergangenen Jahren beigetragen haben und liegt dabei deutlich über unserem Budgetpfad. Der wirtschaftliche - insbesondere Werbewert - für die Host City ist aber natürlich auch beträchtlich."

Weniger als 15 Millionen für ORF, sagt Wrabetz

Der ORF werde also weniger als die zunächst budgetierten 15 Millionen Euro schultern müssen, erklärte der ORF-Chef der APA. - "Oder wir haben mehr Geld fürs Programm. Aber wir werden wahrscheinlich deutlich unter dem liegen, was unsere geplanten 15 Millionen waren."

Wrabetz hat im STANDARD-Interview erklärt, das reguläre Fernsehprogramm müsse wegen des Song Contest nicht einsparen. Mehrere Hauptabende sind mit dem Wettsingen gefüllt: Neben dem Finale am 23. Mai zwei Semifinale am Dienstag und Donnerstag davor.

Nationale Vorausscheidung

Wrabetz bestätigt nun für den österreichischen Beitrag 2015 (wie berichtet) eine nationale Vorausscheidung. Die Castingshow könnte wohl eine andere im Frühjahr übliche ORF-Eventshow einsparen.

Bei der Entscheidung des ORF-Generals könnte auch ein anderer Wahlkampf eine Rolle gespielt haben: 2016 wählt der Stiftungsrat den nächsten ORF-General. Ein großes Bundesland wie Wien, dessen Tourismuschef im Stiftungsrat sitzt, vergrault man da nur ungern.

Das hat Wrabetz schon mit der Entscheidung für einen anderen Rainer-Bau: Statt in den SP-Wunsch St. Marx zu übersiedeln, bleibt der Sender in Rainers ORF-Zentrum auf dem Küniglberg. (fid, DER STANDARD, 7.8.2014)

foto: orf badzic
ORF-Chef Alexander Wrabetz und Song-Contest-Sieger Conchita Wurst.

Weitere Worte, Reaktionen

"Wien liegt im Herzen Europas, steht in besonderem Ausmaß für Musik und Weltoffenheit, war Gastgeber zahlreicher Großereignisse und ist natürlich als Hauptstadt besonders geeignet, einen Song Contest für das gesamte Land zu veranstalten", so ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz in einer Aussendung. "Nach sorgfältiger Prüfung und genauer Abwägung aller relevanten Parameter ist unsere Wahl auf Wien gefallen."

Auch die Siegerin des heurigen Song Contests, Conchita Wurst, zeigte sich angetan. "Das wird schön, Freunden die Stadt zu zeigen", erklärte sie sich als Fremdenführerin bereit. Ginge es nach ihr, könnte man das ESC-Village zwischen den Museen aufbauen. "Ein bisschen angeben müssen wir schon mit unserer Architektur", so die Wahlwienerin.

Bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 habe es mit dem Fan-Areal zwischen dem Naturhistorischen und dem Kulturhistorischen Museum schon gut funktioniert, betonte Wurst. "Ich würde das toll finden, das war damals ein total nettes Flair. Man ist ja dann in der Mitte der Geschichte unserer Stadt", meinte sie: "Da müssen wir alles zeigen." Die Party werde sich aber ohnehin über die ganze Stadt und das Land erstrecken, zumindest wenn sie nach ihren Erfahrungen in Kopenhagen gehe.

"Die Chance bekommt man nicht so oft, dann sollte man das auch genießen", meinte die Sängerin. Deshalb rate sie auch allen Gastronomen, sich für die Tage besser etwas einfallen zu lassen. Denn es werde "laut und lustig".

Die European Broadcasting Union (EBU) - Verein der Gebührensender, Mutter der Eurovision und des Song Contests - scheint zufrieden: "Wir sind über die ORF-Entscheidung, dass Wien die Host City des nächsten Eurovision Song Contest wird, sehr erfreut", wird Executive Supervisor Jon Ola Sand zitiert. "Wir sind überzeugt, dass die Stadt über die Erfahrung, Menschen mit dem nötigen Know-how und die Einrichtungen verfügt, um Gastgeber des größten Unterhaltungsevents der Welt zu sein. Ich bin mir sicher, dass wir in Zusammenarbeit von Wien, ORF und EBU im Mai drei außergewöhnliche Shows erleben werden."

Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Stadtrat Christian Oxonitsch äußerten sich per gemeinsamer Aussendung quasi im Chor so: "Wir freuen uns, dass der 60. Eurovision Song Contest 2015 in Wien stattfinden wird. Wien als weltoffene Stadt ist für dieses Event der beste Austragungsort und wird diese Weltoffenheit auch international unter Beweis stellen." Das Megawettsingen solle sowohl ein Fest für alle Wiener als auch für die Gäste der Stadt werden.

Innsbruck und Land Tirol sehen eine "nicht ganz nachvollziehbare Entscheidung" des ORF. Diese dürfte "aus strategischen Gründen" gefallen sein. (red, APA)

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  • Der Song Contest 2015 geht in der Wiener Stadthalle über die Bühne.
    foto: apa/techt

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  • Der größte Saal der Stadthalle bietet Platz für 16.000 Besucher.
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