Maschinen statt Menschen

Kolumne6. August 2014, 17:28
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Eine Informationsgesellschaft braucht Menschen und wird sie auch in Zukunft brauchen

Die Computer werden immer raffinierter, immer mehr ersetzen sie die menschliche Arbeitskraft. In zwanzig Jahren, sagte Bill Gates kürzlich, wird der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften erheblich gesunken sein. Und der Economist schrieb, eine neue Ära der Automatisierung, gestützt auf immer leistungsstärkere Computer, werde zu massenhafter Arbeitslosigkeit führen. "Die Kombination von Big Data und intelligenten Maschinen wird ganze Berufszweige komplett erobern, anderswo werden Unternehmen mit immer weniger Beschäftigten immer mehr produzieren."

Eine Perspektive, die einen das Fürchten lehren könnte. Aber stimmt sie? Ist das wirklich so? Ein Naturgesetz? Unausweichlich? Nein, sagt Shoshana Zuboff, emeritierte Professorin an der Harvard Business School. Die Rede von der unumkehrbaren Verdrängung der Menschen durch die Maschinen sei nichts als inszenierte Lüge, ein Zaubertrick, erfunden, "um die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Computer zu richten, um von den versteckten Geschäftsmodellen und unternehmerischen Entscheidungen hinsichtlich des Einsatzes dieser Computer abzulenken".

Zuboff, die darin mit dem Ökonomen Paul Krugman einig ist, fragt, wer von den vermeintlich unausweichlichen digitalen Kräften profitiert, die Arbeitsplätze bedrohen und Löhne senken. Und antwortet: diejenigen Manager, deren Einkommen an den Aktienkurs ihrer Unternehmen gekoppelt sind. Analysten empfehlen vor allem solche Unternehmen, die Kosten senken. Das Institute for Policy Studies rechnete vor, dass Einkommen von CEOs, die die Lohnkosten besonders stark gesenkt hatten, 2009 um 42 Prozent über dem ohnehin schon astronomisch hohen Durchschnittseinkommen von US-Vorständen lagen. Schlussfolgerung: Nicht Technologien vernichten Arbeitsplätze, sondern Menschen.

Das Prinzip Maschinen statt Menschen kann jeder Reisende auf den Flugplätzen erleben, wo immer mehr online erledigt werden muss und immer weniger menschliche Ansprechpartner zur Verfügung stehen. In Atlanta gibt es überhaupt keine Angestellten mehr, an die man sich wenden kann, wenn Probleme auftauchen. Ähnliches gilt für den Kundendienst vieler Firmen. Wenn sie dies wollen, sagt eine anonyme Stimme am Telefon, drücken Sie die Eins, wenn sie jenes wollen, die Zwei. Was als Service angeboten und vermarktet wird - der Kunde darf alles selbst machen - entpuppt sich nicht selten als Horror.

Immer mehr dringen die Computer auch auf dem Bildungssektor vor. Online-Unterricht hilft, Lehrer einzusparen. Lernen wird billiger (für den Anbieter). Aber wird der Unterricht durch den Einsatz von Maschinen auch besser? Können Computer begeistern, inspirieren, fördern, ermutigen? Ist der menschliche Faktor wirklich ersetzbar?

Eine Informationsgesellschaft, sagt Shoshana Zuboff, braucht Menschen und wird sie auch in Zukunft brauchen.

Die Professorin hat ihre Thesen in dem Buch The Summons. Our Fight for the Soul of an Information Civilisation niedergelegt, das 2015 erscheinen soll und von der FAZ schon jetzt vorgestellt wurde. Hat sie recht? Man möchte es aufs Innigste wünschen.

(BARBARA COUDENHOVE-KALERGI, DER STANDARD, 7.8.2014)

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