2000 Jahre - und es gibt uns noch

Kommentar der anderen6. August 2014, 17:18
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In Israel wird tiefe Trauer für alle Opfer empfunden, die unnötig ihr Leben lassen mussten. Aber der jüdische Staat kann es sich nicht leisten, die Realitäten im Nahen Osten auszublenden

Ich möchte nicht die Äußerungen von Herrn Peter Pilz als solche kommentieren, welche ja bereits zu heftiger Kritik, auch aus seiner eigenen Partei, geführt haben. Ich möchte ihm vielmehr dafür danken, dieses Thema aufgebracht zu haben - besonders in diesen Tagen.

Am 5. August jährte sich zum beinahe 2000sten Mal jener Tag, an dem der Jerusalemer Tempel zerstört und das jüdische Volk ins Exil getrieben worden war. Wir haben damals unser Land und unsere Freiheit verloren, wurden in alle Welt zerstreut und selbst in der Diaspora diskriminiert, schikaniert, verfolgt und umgebracht - von der Shoah ganz zu schweigen.

Wenn ich mir all die Jahre und Jahrhunderte ins Gedächtnis rufe, kann ich mich nicht erinnern, dass einmal Sanktionen gegen jene gefordert worden wären, die unserem Volk etwas Schreckliches angetan haben: nicht 1933, als Hitler an die Macht kam und viele Juden ins Exil gezwungen wurden; nicht im Jahre 1948, als der Staat Israel, der von Überlebenden des Holocaust gegründet worden war, nur wenige Stunden nach seiner Ausrufung von unseren arabischen Nachbarländern angegriffen wurde; nicht 1967, als unsere Nachbarstaaten erneut ihre Armeen an den Grenzen zusammenzogen; nicht 1973, als wir zu Jom Kippur, dem heiligsten Tag für alle Jüdinnen und Juden weltweit, angegriffen wurden; und auch dann nicht, als unsere Männer, Frauen, Söhne und Töchter von Attentätern in Bussen, Diskotheken und Einkaufszentren in die Luft gesprengt wurden.

Niemand rief nach Sanktionen gegen jene, die seit 15 Jahren Raketen auf ganz Israel abfeuern oder die Täter mit Nachschub versorgen. Seit dem Jahr 2001 wurden mehr als 15.200 Raketen und Granaten aus Gaza auf Israel abgefeuert, allein in den letzten vier Wochen waren es mehr als 3200.

Wie kann es sein, dass kein einziges Mal Sanktionen gefordert wurden, wenn das Leben unserer Bürgerinnen und Bürger bedroht ist? Weshalb werden Sanktionen gerade dann in Anschlag gebracht - und zwar gegen uns -, wenn Israel stark genug ist, um sich selbst gegen Angriffe zu verteidigen? Israel besitzt ein Raketenabwehrsystem, um seine Zivilisten zu schützen; die Hamas benutzt die Zivilbevölkerung, um ihre Raketen zu schützen.

Und welch ironische Wendung des Schicksals ist es, dass die Hamas mit angeblich selbst hergestellten Scharfschützengewehren prahlt, bei denen es sich, wie die Washington Post vor kurzem enthüllte, um österreichische Gewehre der Marke Steyr HS .50 handelt?

Wir empfinden tiefe Trauer für alle Opfer, die unnötig ihr Leben lassen mussten - wir können es uns jedoch nicht leisten, die Realität auszublenden.

Erlauben Sie mir, den israelischen Schriftsteller Amos Oz aus einem unlängst erschienenen Interview zu zitieren: "Was würden Sie tun, wenn sich Ihr Nachbar auf dem Balkon gegenüber seinen kleinen Jungen auf den Schoß setzte und dann begänne, mit einem Maschinengewehr in Ihr Kinderzimmer zu feuern? Was würden Sie tun, wenn Ihr Nachbar gegenüber einen Tunnel von seinem Kinderzimmer in Ihr Kinderzimmer grübe, um Ihr Haus in die Luft zu jagen oder Ihre Familie zu entführen?"

2000 Jahre - und es gibt uns immer noch. Doch wir hatten nie einen einzigen ruhigen, friedlichen Tag. (Zvi Heifetz, DER STANDARD, 7.8.2014)

Zvi Heifetz (Jg. 1956) ist seit Ende 2013 israelischer Botschafter in Wien.

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